Reden wir über Geld: Regisseur Uwe Boll "Banker-Familie am Esstisch, bumm, Kopfschuss"

Uwe Boll gilt als schlechtester Regisseur der Welt. Trotzdem verdient er mit seinen gewalttätigen Filmen Millionen. Jetzt will er einen Streifen über die Finanzkrise drehen - inklusive Massaker an der Wall Street.

Interview: Oliver Bilger und Hannah Wilhelm

Uwe Boll residiert in einer Villa über dem Rhein in Mainz. Der 45-Jährige hat für seine Filme den Negativ-Oscar verliehen bekommen: die Goldene Himbeere. In den deutschen Kinos sind seine Filme meist nur kurz zu sehen, trotzdem verdient Boll damit Millionen. Bekannt geworden ist er mit Verfilmungen von gewalttätigen Video-Spielen. Sein Durchbruch: der Zombiefilm "House of the Dead", Einspielergebnis: 90 Millionen Dollar weltweit. In letzter Zeit widmet sich Boll realeren Stoffen: erst den Kämpfen in Darfur, nun der Rolle von Bankern in der Finanzkrise.

SZ: Herr Boll, reden wir über Geld. Sie gelten als schlechtester Regisseur der Welt. Kann man mit schlechten Filmen Geld verdienen?

Boll: Sicherlich ist "House of the Dead" kein super Film, aber wirtschaftlich war er sehr erfolgreich. Er war auch kein total beschissener Zombiefilm, er war als Zombiefilm schon gut. Und überhaupt - ich mache ja auch noch andere Filme, gute Filme.

SZ: Fühlen Sie sich vorverurteilt?

Boll: Absolut. Spielberg hat "E. T." und "Schindlers Liste" gedreht, aber auch schlechte Filme. "War of the Worlds" und die letzte "Indiana Jones"-Folge waren absoluter Schrott. Aber dem dreht niemand den Hahn zu. Bei mir dagegen: Ich habe "House of the Dead" und "Alone in the Dark" gedreht - dann war Ende. Jeder Artikel über mich begann danach mit dem Satz: "Der Trash-Meister schlägt zurück." Dass ich auch drei, vier sehr gute Filme gemacht habe, wird ignoriert.

SZ: Wie oft waren Sie schon für die Goldene Himbeere nominiert?

Boll: Zweimal, beim dritten Mal habe ich sie dann bekommen. Aber gucken Sie mal: Wer ist denn für die Goldene Himbeere nominiert? Meinen Sie im Ernst jemand wie Dominik Graf? Nein, keine Chance. Den kennt in Hollywood überhaupt niemand.

SZ: Wie wichtig ist Ihnen Anerkennung?

Boll: Keiner will als Blödmann dastehen. Jeder will akzeptiert werden. Es geht aber auch um Verkäufe. Ich habe damit zu kämpfen, wenn die Käufer der Filme sagen: Die Kritiken sind immer so schlecht. Egal wo ich einen Film rausbringe, Spanien, Italien, ich muss immer gegen die schlechten Kritiken kämpfen. Die Leute sagen dann immer: "Uwe, dich kennt jeder auf der ganzen Welt, das ist doch auch viel Werbung." Das stimmt aber nur zur Hälfte. Der Bekanntheitsgrad ist vielleicht da. Aber dafür, dass die Leute Kinotickets oder DVDs kaufen, dafür sind gute Kritiken wichtig.

SZ: Sie verdienen doch gut.

Boll: Das hängt auch stark damit zusammen, dass ich clever, schnell und preiswert produziere. So bleibt trotz der schlechten Kritiken was übrig.

SZ: Sie verdienen Summen, von denen andere deutsche Regisseure nur träumen können.

Boll: Ich habe den Vorteil, dass meine Filme in 100 Ländern laufen. In Russland zum Beispiel, die haben ein Faible für brutale Streifen, die Asiaten auch. Den Oscar-prämierten Film "Das Leben der anderen" würde sich in Thailand keiner angucken. Es ist auch ein bisschen die Genugtuung, dass "House of the Dead" finanziell bei weitem erfolgreicher war als "Lola rennt". Nur war ich eben nicht über Nacht ein Star.

SZ: Sie wirken sehr widerspenstig, geben sich als Außenseiter. Warum?

Boll: Sehr viele Regisseure haben Ziehväter. Tom Tykwer hatte Bernd Eichinger. Ich hatte nie so jemanden. Ich lasse mich auch nicht rumkommandieren. Ich hätte nie mit Bernd Eichinger "Das Parfum" drehen können, so wie Tom Tykwer, und mit ihm jeden Shot ausdiskutieren. Ich hätte gesagt: "Verpiss dich. Ende der Durchsage."

SZ: Nicht gerade charmant. Waren Sie schon immer so?

Boll: Das ist in der Persönlichkeit drin. Ich war sicher nicht das super umgängliche Kind. Ich habe geboxt und Handball gespielt in der dritten Liga. Und: Wenn ich was mache, will ich auch gewinnen. Ich bin es gewohnt, einen hohen Einsatz zu geben, und habe auch keine Angst davor. In der Kultur-Ecke finden die das natürlich scary. Und: Ich führe ja nicht nur Regie bei den Filmen, ich bin auch Geschäftsmann, produziere meine Filme selbst und besorge das ganze Geld. Das ist auch so ein Problem für die Kritiker. Die wollen lieber Leute haben, die nur über die Kunst reden und nicht auch über Geld.

SZ: Wie verdienen Sie schlussendlich Geld mit Ihren Filmen?

Boll: Mit den DVD-Verkäufen und mittlerweile sehr stark mit Pay-TV und Video on Demand. Pay-TV in Hotels läuft sehr gut. Wenn jemand in Las Vegas im Hotel ist und meinen Film anschauen will, zahlt der dafür zehn Dollar; zwei, drei Dollar davon landen bei mir. Wenn man einen Film für drei Millionen gemacht hat, kann man den so schon recht gut finanzieren.

SZ: Stimmt es, dass Sie noch nie einen Etat überzogen haben?

Boll: Ja. Egal was passiert ist. Einmal hatten wir eine Gasexplosion am Set. Es gab sechs Verletzte und zwei Schwerverletzte. Da waren dann viele geschockt. Aber ich habe gesagt: Wir drehen den Film heute fertig. Ich hab' das durchgeprügelt. Beim Film passieren irre Sachen.

SZ: Was denn?

Boll: Ein Freund von mir, Ron Howard, hat "The Gringe" gedreht. Eine Milliarde hat der eingespielt. Aber einen zweiten Teil gibt es nicht, da Ron nicht mehr mit Jim Carrey drehen wollte. Der Carrey hat sich nämlich immer diese Maske vom Gesicht gerissen. Die mussten jede Nacht schnell eine neue machen, für je 6000 Dollar. Ron hat ihn jeden Abend gebeten: "Mach bitte nicht die Maske kaputt." Jim Carrey hat es trotzdem getan. Da würde ich total durchdrehen und sagen: "Wenn du Arschloch noch einmal die Maske abreißt, haue ich dir auf die Fresse."

SZ: Haben Sie schon mal einen Schauspieler verprügelt?

Boll: Nein, aber ich hatte ein riesiges Problem mit Michael Madsen. Der hat ein Alkoholproblem und kam besoffen zum Set. Einmal kamen ein paar deutsche Film-Investoren zum Drehort in Rumänien und sahen sich ein paar Szenen an. Und dann kam Michael Madsen mit zwei geladenen Pistolen. Das war wirklich eine irrwitzige Sache. Es hätte Tote geben können.

SZ: Sie haben einmal Prostituierte für einen Film engagiert, um Geld zu sparen.

Boll: Wir hatten eine Szene mit Meat Loaf im Bordell. Und ich brauchte da topless Frauen. Die Schauspielerinnen wollten dafür 800 Euro. Da hab' ich gesagt: Im Ernst, hier in Bukarest, da stehen die Nutten für fünf Euro auf der Straße. Also habe ich einen losgeschickt, der ein paar Prostituierte eingesammelt hat. Das war eine reine finanzielle Angelegenheit. Wir brauchten für drei Stunden sechs nackte Frauen auf dem Bett. Meat Loaf fand das super.

SZ: Wie bekommen Sie prominente Schauspieler?

Boll: Indem ich sie sehr kurzfristig anfrage. Ich sage: In vier Wochen wird gedreht. Wenn die dann noch keinen Job haben, kriegen die auch keinen mehr. Die sagen dann: Lieber jetzt 500.000 Euro mitnehmen als vielleicht in sechs Monaten fünf Millionen. Und so bekommen wir für wenig Geld einen Star. Gerade suche ich für meinen Finanzkrisen-Film "Bailout" eine Hauptrolle.

SZ: Worum soll es da gehen?

Boll: Ein Typ verliert durch die Krise alles, sein Geld, sein Haus. Seine Frau bringt sich und den Sohn um. Und dann fängt der an, alle Banker abzuknallen. Das wollten sicher viele tun: einmal durch die Pleitebank Lehman Brothers gehen und alles zersieben. Dass man mal zeigt, was die wirklich verdient hätten, der Ex-Boss Richard Fuld und die anderen. Da habe ich solche Probleme mit den Agenturen in Hollywood. Die sagen alle, das kann man nicht machen.

SZ: Kein Wunder. Ihre Filme sind sehr gewalttätig. Warum muss das so sein?

Boll: Normalerweise erlebt man Gewalt nicht direkt. Wenn man das im Film erlebt, werden Emotionen geweckt, Ängste, bei manchen auch prickelnde Freude. Was ich gut finde: Im eigenen Leben ist es schwierig, radikal zu sein. Aber im Film geht das. Da kann man die Finanzkrise auch mal radikal lösen. Natürlich geht das in Wirklichkeit nicht, da kann ich nicht rumlaufen und alle Leute zersieben. Aber in einem Film kann ich das mal durchdenken, dann fühlen sich die Leute besser, wenn sie sich das ansehen.

SZ: Finden Sie es sympathisch, dass das jemand gerne sieht?

Boll: Nö, aber daran lässt sich ja auch nichts ändern.

SZ: Sehen Sie sich das gerne an?

Boll: Ich sehe mir berufsmäßig unglaublich viel an. Ich kann solche Filme aber nicht mehr ernst nehmen. Ich kann mir das brutalste Massaker-Porno-Zeug angucken ohne irgendeine Emotion. Ich überlege nur: Wie haben sie das gemacht? Wie ist das technisch gelöst?

SZ: Und wer soll nun den Ex-Banker Richard Fuld abschlachten?

Boll: Tim Robbins, den fände ich in der Hauptrolle gut. Ich meine, Robert De Niro würde ich auch nehmen. Wissen Sie, es soll keine individuelle Betroffenheitsstory werden. Nicht so ein Verzweifelter, der seinen Broker umbringt. Das ist doch scheiße. Nee. Der soll richtig viele abknallen. Erst in den Hamptons, bei denen zu Hause in den Villen, schön mit Zielfernrohr durch die Fensterscheibe, die ganze Familie am Esstisch, fünf Kinder, bumm, Kopfschuss. Und dann muss es natürlich zu einem richtigen Massaker kommen, so an der Wall Street.

SZ: Was wollen Sie damit bewirken?

Boll: Das wäre die zynische Antwort auf die Finanzkrise. Die Leute sollen sich die Frage stellen: Wie kann der Fuld einfach so davonkommen? Ohne Gefängnis?

SZ: Jetzt mal im Ernst: Gewalt ist doch keine Lösung.

Boll: Das ist sie ja auch nicht. Gewalt bringt niemandem etwas, auch dem Täter nicht. Aber dafür gibt es doch die Filmwelt. Mal durchdenken, was ein Einzelner so tun kann. In meinem Film "Darfur" gibt es eine Szene, da geht ein Journalist mit einer Waffe zurück in das Dorf, auch wenn er weiß, dass er alleine die Bewohner nicht verteidigen kann. Für diese eine Szene habe ich den ganzen Film gemacht: Der Typ, das sind wir.