Interview: Alina Fichter und Hannah Wilhelm

Markus Lüpertz ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler - einer der bescheidendsten ist er nicht. Der Maler und Bildhauer über Selbstinszenierung, die Pleite seines Vaters und hohe Partykosten.

Markus Lüpertz, fast 70, stützt sich auf den Totenkopfknauf seines Spazierstockes und humpelt in sein Potsdamer Atelier. An seiner Hand dicke Glitzerringe und eine protzige Uhr. Er sinkt ins Schaffell seines Malerstuhls, richtet aber sofort den Rücken gerade auf. Lüpertz gehört zu den bedeutendsten und teuersten deutschen Gegenwartskünstlern. Zeit für ein Gespräch über Erfolg, Kunst und Kohle.

Markus Lüpertz zur Finanzkrise Bild vergrößern

Er hält sich selbst für ein Genie: Markus Lüpertz. (© dpa)

Anzeige

SZ: Herr Lüpertz, reden wir über Geld. Sie sind als Fünfjähriger mit Ihrer Familie aus Böhmen geflohen ...

Lüpertz: ... Ich hatte eine wunderbare Kindheit. Der Krieg, die Flucht, Bomben. Tiefflieger, die auf uns schossen. Das war Comic, ein Computerspiel, hinreißend. Ich habe es nie als Bedrohung erlebt.

SZ: Die Flucht hat Sie nicht geprägt?

Lüpertz: Eher hat mich geprägt, dass ich zur ersten Generation überhaupt gehöre, die ein Leben in Frieden führte und nie in den Krieg ziehen musste. Wir sind keine echten Katastrophen mehr gewohnt. Früher die Pest, der Dreißigjährige Krieg, die Grippe um die Jahrhundertwende, an der 50 Millionen Menschen starben - das waren gigantische Dinge. Und geprägt hat mich die Pleite meines Vaters.

SZ: Wie alt waren Sie da?

Lüpertz: Fünfzehn. Mein Bruder und ich waren auf einem Gymnasium, die Eltern konnten es nicht mehr bezahlen. Wir flogen raus. Plötzlich wurden wir auf der Straße anders behandelt, mussten beim Bäcker anschreiben und konnten nicht mehr mit zu Klassenfahrten. Eine harte Zeit.

SZ: Was war geschehen?

Lüpertz: Mein Vater kam aus dem vor-vorigen Jahrhundert. Er war ein Mann des Wortes, ein Mann der Ehre, ein stolzer Mann in seiner Weberei. Mit der wirtschaftlichen Welt der fünfziger Jahre kam er einfach nicht klar. Und scheiterte.

SZ: Ist es schlimm, zu scheitern?

Lüpertz: Die europäische Kultur lebt vom Scheitern. Sie idealisiert die Ruine, also das Verletzliche; Scheitern ist in meiner Profession Voraussetzung.

SZ: Sie scheitern?

Lüpertz: Als Künstler permanent, ja. Wenn ich ein Bild gemalt habe, brauche ich einen Grund, noch eines zu malen. Das Bild, das ich gemalt habe, muss Fragen offenlassen, die das Nächste rechtfertigen. Ich bin immer in einer Krise. Immer.

SZ: Wann scheiterten Sie zum ersten Mal?

Lüpertz: Mit 14. Ich arbeitete als Etikettenmaler für Weinflaschen. Das hatte mir die Berufsberatung empfohlen, weil ich Maler werden wollte. Ich wurde nach einem Monat weggeschickt. Meine Eltern waren verzweifelt. Trotz großer Liebe begannen sie, sich Sorgen zu machen. Ich fing als Hilfskraft bei einem liebenswürdigen Mann an, dekorierte Schaufenster und beschriftete Bauzäune. Nach einem Jahr war er bankrott.

SZ: Und dann?

Lüpertz: Räumte ich zu Hause das Wohnzimmer aus und sagte: "Meine lieben Eltern, ich bin jetzt freischaffender Künstler!" Da war ich 15.

SZ: Warum wollten Sie Künstler sein?

Lüpertz: Gott gab mir den Auftrag.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 3 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt "Ich habe mein Genie erfunden"
  2. "Sollte es einen Gott geben, werde ich mich mit ihm anlegen"
  3. "Ich will groß sein. Also bin ich es"
Leser empfehlen