Die Schriftstellerin Juli Zeh über den Mythos vom armen Poeten, Liebe als Kreativitätskiller und warum sie die Globalisierung gut findet.
Geld ist wichtig. Die Schriftstellerin Juli Zeh, 34, hat ihr Portemonnaie in Berlin liegenlassen und ist acht Stunden Zug gefahren, ohne sich einen Kaffee leisten zu können. Ansonsten räumt die erfolgreiche Autorin gerne mit Klischees auf: Weder ist die Globalisierung böse, noch muss man arm sein, um gut schreiben zu können.
Schriftstellerin Juli Zeh: "Vermutlich verdiene ich mehr als die, die mich fragen." (© Foto: AP)
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Süddeutsche Zeitung: Wir möchten mit Ihnen über Geld reden - ist Ihnen das unangenehm?
Zeh: Darüber denke ich schon ein paar Tage nach. Ich wusste ja, dass wir sprechen werden. Eigentlich gibt es keinen Grund, warum das unangenehm sein sollte. Gestern habe ich in einer Schule aus meinen Büchern gelesen - die Schüler haben gute Fragen gestellt, aber die Lehrer wollten nur wissen, was ich verdiene.
SZ: Irritiert es Sie, dass sich Menschen dafür interessieren?
Zeh: Es überrascht mich. Ich dachte immer, dass bei Kunstprodukten das Merkantile im Hintergrund steht. Aber ich kann es schon verstehen. Vermutlich liegt es daran, dass der Schriftstellerberuf so ein Mysterium ist. Die Menschen können sich gar nicht vorstellen, wie man mit so was überhaupt Geld verdienen kann. Viele fragen mit Hundeblick: Können Sie denn davon einigermaßen leben - oder wollen Sie noch einen Keks?
SZ: Sie können davon leben?
Zeh: Ja, ich kann super davon leben. Vermutlich verdiene ich mehr als die, die mich fragen.
SZ: Von Anfang an?
Zeh: Ja, vom ersten Buch an.
SZ: Erklären Sie uns das Mysterium - wie verdient ein Schriftsteller Geld?
Zeh: Der Verkauf der Bücher bringt eher wenig, davon könnte ich nicht leben. Dazu kommen die Erträge aus Lizenzverkäufen: der Verkauf von Taschenbuch-, Kino-, Theater-Lizenzen, für das Ausland, für Hörbücher. Das sind jeweils keine großen Beträge, aber insgesamt läppert es sich. Dann noch Honorare für Lehraufträge, Zeitungsartikel und für Veranstaltungen: Podiumsdiskussionen, Lesungen, auch mal Talkshows. Allerdings zahlt das Fernsehen nicht viel, da bin ich in der Kategorie: Die müsste eigentlich noch was zahlen, damit sie überhaupt kommen darf. Ein bunter Strauß von Optionen, in der Summe funktioniert es.
SZ: Werden Sie angemessen bezahlt?
Zeh: Oft eher überbezahlt. Das ist eine Art Wertschätzung. Wenn jemand bereit ist, mir für eine Lesung viel zu zahlen, zum Beispiel über 1000 Euro, dann ist das wie ein großes Schulterklopfen.
SZ: Redet man unter Schriftstellern über Geld?
Zeh: Ja, das hat eine wichtige Funktion. Wir haben keine Gewerkschaft, keine Interessenvertretung. Wenn man sich austauscht, kann man verhindern, dass man von Veranstaltern gedumpt wird.
Lesen Sie im zweiten Teil, ob echte Künstler arm sein müssen - und warum Kunst für Juli Zeh immer der Ausdruck einer Leidensbereitschaft ist.
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... und natürlich die Kunst.
Interessant fand ich die angesprochenen Ängste im Interview der Wirtschaftsredaktion:
Hier der "normale" Angestellte, für den "Globalisierung" leider oft kein "inhaltsleerer Begriff" bleibt, sondern existenzbedrohliche Fülle annimmt.
Dort die Künstlerin, die vom kosmopolitischen Austausch lebt und der Ungewissheit des nächsten Bucherfolges ausgesetzt ist.
Obwohl beide auf ein gewisses Mindesteinkommen angewiesen, sind die direkten jeweiligen Erfahrungswelten sehr unterschiedlich, da sie auf differenten wirtschaftlichen Bedingungen beruhen.
Mal abgesehen von dem Satz "Ich kann keine Glühbirne auswechseln, also lassen wir alles machen", bei dem sich mir sämtliche Nackenhaare aufstellen. Bestätigt halt leider so das typische Weibchenschema, das mir sehr zuwider ist (, auch wenn das Schema wiederum durch die Alleinernährerrolle widerlegt wird).
Süß:
"Sie müssen die Frage entschuldigen, wir sind aus der Wirtschaftsredaktion, nicht aus dem Feuilleton." :-)
Stimmt aber, man muss sich entschuldigen, sobald man das Thema Geld anschneidet. Warum sonst heißt es sof oft "neu? Nein, das Teil hab ich schon lang!" ;-)