Reden wir über Geld: Heike Faller Die Moral einfach ausblenden

Die Autorin Heike Faller über ihr Leben als Spekulantin, Investmentreisen und heiße Tipps zu kasachischen Papierfabriken.

Interview: Alexander Mühlauer

Jahrelang machte Heike Faller, was viele mit ihrem Geld tun: nichts. Ihr Erspartes dämmerte auf dem Konto. Lag einfach da. Bis zwei Sparkassenberater ihr hohe Gewinne mit Gold bescherten. Das brachte die 38-jährige Zeit-Journalistin auf eine Idee: Ein Jahr die Arbeit sein lassen und als Spekulantin leben. So geschah es - obwohl die Finanzkrise dazwischenkam. Ein Gespräch über Moral, den Reiz des Spekulierens und Begegnungen mit einer Welt, die viele Deutsche nicht verstehen.

SZ: Frau Faller, reden wir über Geld. Bevor die Finanzkrise ausbrach, jagten viele Anleger einfach blind dem Geld hinterher. Sie auch?

Heike Faller: Den Boom Anfang des Jahrtausends habe ich total verpasst. Jahre später hörte ich dann, dass Gold eine interessante Anlage sei. Lange Zeit hatte keiner mehr in Gold investiert, das fand ich faszinierend. Ich riskierte alles und investierte vor sieben Jahren 40.000 Euro in Gold und andere Edelmetalle.

SZ: Was ist daraus geworden?

Faller: Es schwankt um die 70.000, irgendwann waren es sogar über 80.000.

SZ: 100 Prozent Rendite! Klar, dass Sie die Gier packte.

Faller: Ja, ich war schon ziemlich angefixt. Im Frühjahr 2008 ließ ich mich für ein Jahr beurlauben. Und versuchte in dieser Zeit, 10.000 Euro zu verdoppeln.

SZ: Wie sah Ihr Alltag als Vollzeit-Spekulantin aus?

Faller: Ich habe mir ein Erdgeschoss-Büro in Berlin gemietet und von dort aus meine Transaktionen getätigt. Spekulieren ist ein Multitasking-Job. Man muss ständig auf dem Laufenden sein, immer Zeitung lesen, vor allem als Anfängerin - da ist man den Märkten voll ausgeliefert.

SZ: Sie haben viele Finanzexperten getroffen. Was ist Ihnen an diesen Menschen aufgefallen?

Faller: Die meisten leben nach dem Warren-Buffett-Ethos: nichts Überflüssiges konsumieren. Ich war mal mit zwei Fondsmanagern im Irak unterwegs. Die flogen Economy und teilten sich ein Zimmer zum Übernachten. Auch George Soros, mein großer Held, hat in seinem Konferenzzimmer nur alte Möbel aus den siebziger Jahren stehen. Einen Anlagetipp hat er mir leider nicht gegeben. Als ich ihn fragte, was er davon halte, weiter in Gold zu gehen, sagte sein Assistent: "George macht keine Anlageberatung!"

SZ: Viele Banker zelebrierten zuletzt genau das Gegenteil von Soros: Sie stellten ihren Reichtum offen zur Schau.

Faller: Diese 30-jährigen sogenannten Golden Boys unterscheiden sich stark von den Investoren, die auf die langfristige Wertentwicklung achten. Sie wollen halt sehr schnell sehr viel Geld machen.

SZ: Warum regieren in der Geldwelt eigentlich nur Männer?

Faller: Es stimmt schon, bis auf die Vizepräsidentin von Lehman Brothers in Europa habe ich nur Männer getroffen. Ich denke, das Motiv des Beutemachens zieht eher weniger Frauen an.

SZ: Fanden Sie diese Macho-Attitüde nicht schrecklich?

Faller: Zu meiner eigenen Überraschung beschlich mich hier und da sogar eine gewisse Bewunderung für den Unternehmergeist dieser Männer. Ich wohne ja in Berlin, und da ist diese Künstler- und Hartz-IV-Mentalität, dieses ständige Jammern, auch nicht so sexy. Ich lernte eine Sorte Mensch kennen, die ich so nicht kannte.

SZ: Menschen, denen Geld das Wichtigste ist im Leben.

Faller: Ich hatte nie das Gefühl, dass sie gierig sind. Sie leben einfach selbstverantwortlich und riskieren fast täglich ihre eigene Pleite.

SZ: Und jetzt treffen Sie lieber Fondsmanager als Avantgarde-Künstler.

Faller: Das hat sich wieder gelegt. Ich bin dann doch nicht so ein Beute-Macho wie ich dachte.

SZ: Wie haben Sie denn investiert?

Faller: Am Anfang spekulierte ich auf einen steigenden Goldpreis, ging also long in Gold. Wie das schon klingt - einfach großartig.

SZ: Dabei ist die Sprache der Geldwelt doch vor allem eines: unverständlich.

Faller: Stimmt, aber für mich klang diese schillernde Fachsprache so, als würden sich dahinter die tollsten Geheimnisse verbergen. Ich habe mich in die Börsensprache verliebt. Die Vorstellung, mich mit anderen Spekulanten auszutauschen: Ich bin short in Öl und long in Dollar, und du? Schon allein das hat mir gefallen. Ich hatte das aus den Büchern von Kostolany, mit denen ich angefangen habe. Kostolany ist ein toller Stilist, es macht Spaß, seine Bücher zu lesen und daraus zu lernen.

SZ: Was denn zum Beispiel?

Faller: Ich habe mich nie an Chartanalysen gehalten, sondern versucht, antizyklisch zu investieren.

SZ: Schon wieder so ein Fachwort.

Faller: Toll, oder? Es ist ganz einfach: Man investiert, bevor es die Mehrheit der Anleger tut. Ich vertraue meinem Eigensinn mehr als der Masse. Wenn zum Beispiel alle anderen sagen: China läuft super, dann steige ich garantiert nicht ein.

SZ: Die Finanzkrise hat den meisten Kleinanlegern massive Verluste beschert. Wo waren Sie eigentlich, als die Investmentbank Lehman pleiteging?

Faller: Ich saß im Wartezimmer meines Zahnarztes und blätterte in der Financial Times. Neben mir telefonierte ein Typ, der plötzlich in meine Richtung sagte: "Lehman ist pleite." Die lachsfarbene Zeitung, die mir seit einem halben Jahr immer aus irgendeiner Tasche guckte, wurde von Männern im Allgemeinen so gedeutet, dass sie mich, halb flirtend, um einen Aktientipp bitten konnten. Ich musste sie meistens enttäuschen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie sehr Heike Fallers Depot unter der Lehman-Pleite litt - und wo sie demnächst investieren will.

Schluss, aus, vorbei: Die Mitarbeiter gehen

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