Rabattverträge mit der Pharmaindustrie Wenn die Pille plötzlich blau statt rot ist

Millionen Deutsche müssen sich auf neue Tabletten einstellen, weil die Krankenkassen mit den Medikamentenherstellern neue Rabattverträge aushandeln. Es geht um Nachahmer-Präparate, für die der Patentschutz abgelaufen ist. Nur mit ihnen glauben die Kassen, die ständig steigenden Ausgaben für Arzneimittel unter Kontrolle halten zu können. Doch einige Patienten klagen über den Pillen-Wechsel.

Von Guido Bohsem

In diesen Tagen ist es wieder so weit. Millionen Patienten müssen sich auf neue Medikamente einstellen. Wer etwa an der Volkskrankheit Bluthochdruck leidet, muss statt einer blauen Pille mit einer roten rechnen oder einer gelben. Auch kann die Verpackung anders aussehen. Die größten Kassen im Land, die AOK, die Techniker Krankenkasse, die Barmer GEK, haben neue Verträge mit der Arzneimittelindustrie abgeschlossen und in Kraft gesetzt. Die neue Runde der sogenannten Rabattverträge ist im vollen Gang.

Worum geht es? Um die ständig steigenden Ausgaben für Arzneimittel unter Kontrolle zu halten, verhandeln die Krankenkassen mit den Herstellern über die Kosten einzelner Medikamente. Gegenstand der Verhandlungen sind Generika, also Nachahmungen von Arzneien, für die der Patentschutz abgelaufen ist. Dazu gibt die Kasse bekannt, dass sie zum Beispiel ein Mittel gegen zu hohen Blutdruck bei einer Million Patienten braucht. Die Hersteller geben daraufhin Angebote ab. Wer den günstigsten Preis anbietet und nachweist, die gewünschte Menge rechtzeitig und ohne Qualitätseinbußen liefen zu können, erhält den Zuschlag.

Seit April 2007 sind die Apotheker verpflichtet, dem Kunden nur das Medikament zu geben, über das die Krankenkasse einen Rabattvertrag abgeschlossen hat. Über 15,6 Millionen Datensätze müssen dafür in der elektronischen Verwaltung der Apotheken in Deutschland umgestellt werden.

Wohlbefinden der Patienten versus Wohlergehen des Systems

Weil die Verträge in der Regel über 24 Monate laufen, kann es also passieren, dass der Patient sich alle zwei Jahre an eine neue Pille gewöhnen muss. Die sieht allerdings nur anders aus. Die Wirkstoffe sind absolut identisch, auch die Packungsgröße wird nicht geändert. Und doch berichten Apotheker und Ärzte immer wieder über Klagen einzelner Patienten, dass diese die neuen Pillen schlechter vertragen als die alten. Die Kassen halten dagegen, dass dies Ausnahmen sind. Zuletzt versicherte Norbert Klusen, Chef der Techniker Krankenkasse (TK) und damit der größten Kasse im Land, dass mehr als 80 Prozent der TK-Versicherten die Rabattverträge begrüßten.

Das Thema berührt eine der großen Fragen einer Gesundheitspolitik, die mit begrenzten finanziellen Mitteln auskommen muss: Wie schwer wiegt das individuelle Wohlbefinden einzelner Patienten im Vergleich zum Wohlergehen des Systems? Inzwischen haben fast alle Parteien diese Frage zugunsten der Allgemeinheit beantwortet. Jüngst verwies das von dem FDP-Politiker Daniel Bahr geführte Gesundheitsministerium ausdrücklich auf den Nutzen der Verträge. 1,6 Milliarden Euro hätten die Kassen durch die Ausschreibungen der Generika 2011 gespart. Das waren rund 300 Millionen mehr als im Jahr davor und fast doppelt so viel wie 2009. Mit anderen Worten: Ohne die Rabatte wäre der Beitragssatz 2011 um gut 0,15 Punkte höher gewesen.

Dass so eine Summe nicht ohne eine Zunahme von Bürokratie erwirtschaftet werden kann, liegt auf der Hand. Ende 2011 gab es nach Angaben des Apothekerverbandes 16.400 Verträge, die zwischen 153 Krankenkassen und 151 Pharmaherstellern geschlossen wurden.

Die Hersteller beklagen zudem den immer schärferen Preiswettbewerb, obwohl die Nachahmerpräparate hierzulande immer noch mehr kosten als zum Beispiel in Großbritannien. 2012 soll einen neuen Einsparrekord bringen. Alleine die Techniker will mit den bislang in Kraft getretenen Verträgen 300 Millionen Euro einsparen.