Mutmaßliche Anlagebetrüger S&K Der Anwalt

Wer verstehen möchte, wie die 27 Firmen auf der Messingtafel in Frankfurt miteinander harmoniert haben, wie Gelder bei S&K von einem Unternehmensteil zum anderen geschoben wurden, muss nach Siegburg bei Bonn fahren. In einem Gewerbegebiet liegt dort die Kanzlei Göddecke, spezialisiert auf Anlegerrecht. Es ist früh am Tag, Rechtsanwalt Marc Gericke schenkt eine Tasse Kaffee ein und macht sich an die Arbeit: Auf blauem Millimeterpapier zeichnet er das Firmengeflecht von S&K auf.

Es war vor einem Dreivierteljahr, als er das erste Mal von der Immobilienfirma hörte. Eine Anlegerin fragte bei ihm an, ob es sinnvoll sei, ihre Anteile bei einem Fonds namens Midas zu verkaufen. Midas ist eine Private-Equity-Firma mit angeschlossenem Fonds in Köln. Das Management erwirbt Unternehmen, restrukturiert oder zerschlägt und verkauft die Firmen dann mit Gewinn weiter. Anleger können sich über den Fonds daran beteiligen.

Gericke prüfte die Unterlagen und stellte fest, dass Midas Ende 2011 von S&K übernommen worden war. Doch was wollte eine Immobilienfirma mit der Kölner Heuschrecke? "Bald war klar, S&K war bloß an der Liquidität von Midas interessiert, sie wollten Zugriff auf die nicht investierten Mittel, die teilweise als Festgeld angelegt waren." Gericke recherchierte. Neben Midas, fand er heraus, hatte sich S&K noch bei drei weiteren Fonds eingekauft.

Und zwar immer nach demselben Muster. Sobald der Alteigentümer ausbezahlt worden war, setzte S&K einen neuen Geschäftsführer ein. Meistens war das Marc-Christian Schraut. Ein ehemaliger Versicherungsvertreter, der irgendwann in die Privatinsolvenz geschlittert ist. Schrauts einzige Aufgabe bestand offenbar darin, Geschäftsentscheidungen der Fonds zu blockieren, er verweigerte mehrfach seine Unterschrift. Stattdessen half er dabei, Gelder an S&K zu transferieren. Schraut sitzt derzeit, genauso wie Köller und Schäfer, in Untersuchungshaft.

Doch wie genau hat S&K die anderen Fonds gekapert? "Sie haben die Verwaltungsgesellschaften anderer Fondsanbieter aufgekauft", sagt Eric Romba. Er ist der Hauptgeschäftsführer des Verbands Geschlossene Fonds (VGF). "Das gab es bis dato noch nicht, dass man über die Verwaltung versucht, Zugriff auf die Fonds zu bekommen." S&K übernahm also die Geschäftsführung dieser Fonds und konnte entscheiden, welche Immobilien gekauft werden sollen. Wie es aussieht, hat S&K Immobilien an diese Fonds zu Höchstpreisen veräußert. Für S&K ein lohnendes Geschäft, für die Töchter miserable Deals.

Romba versteht die Vertriebe nicht, die S&K-Fonds verkauft haben. "Man darf Zweifel haben, ob tatsächlich die Plausibilitätsprüfungen in der Form erfolgten, wie vorgeschrieben." S&K war nicht Mitglied im Branchenverband VGF, die Mütter der von S&K gekauften Verwaltungsgesellschaften waren es hingegen schon. Hätte der VGF besser hinschauen müssen?

Das sieht zumindest Tilman Welther so: "Meiner Meinung nach hätte der VGF frühzeitig - als das Geschäftsgebaren der S&K und die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen ruchbar wurden - die gekaperten Fonds um Stellungnahme bitten müssen und möglicherweise die Mitgliedschaft bis zur Klärung der Anschuldigungen einstweilen ruhen lassen sollen." Welther ist der Herausgeber von Fondstelegramm und einer der wenigen im deutschen Kapitalsmog, dem man glauben kann. Schon recht früh berichtete er über die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen S&K, er wurde danach von einem S&K-Anwalt fruchtlos auf Schadensersatz verklagt. "Der Verdacht gegen S&K machte die Runde, als im Frühjahr 2012 übers Internet Partybilder und der luxuriöse Lebensstil der beiden Verdächtigen bekannt wurde", sagt Welther. Damals kursierte auch ein Schreiben der Sparkasse Miltenberg, in dem die Bank den Eltern von Jonas Köller das Konto kündigte. Da hieß es: "Die Unternehmensgruppe ihrer Söhne ist zu komplex und auch die Bewegungen auf dem Privatkonto der Eltern nicht nachvollziehbar."

Auch Anwalt Gericke hatte bald Zweifel am Geschäftsmodell und knöpfte sich deshalb die Immobilien im Portfolio von S&K vor. In seinem Siegburger Büro öffnet Gericke eine Datei, es ist der Referenzkatalog von S&K, über 200 Seiten stark. Hunderte Immobilien sind aufgeführt, daneben der Kaufpreis und der Verkehrswert. Meistens liegt der Verkehrswert deutlich höher. Schaut man sich die Gutachten an, fällt auf, dass häufig ein Frankfurter Architekt die Immobilien bewertet hat. Gericke ließ einzelne Berichte überprüfen. Manchmal lag der S&K-Hofgutachter bis zu 100 Prozent daneben.

Zum Beispiel in Karlsruhe: Der Gutachter des Versteigerungsgerichts taxierte den Wert eines Büro- und Geschäftsgebäudes im Februar 2011 auf 16 Millionen Euro, der Hausarchitekt von Schäfer und Köller schätzte den Verkehrswert der Immobilie jedoch auf 26,6 Millionen Euro. Auf etlichen Gutachten prangte der Stempel der IHK Frankfurt. Dabei war der Mann nur von September 2007 bis November 2010 als öffentlich bestellter und vereidigter Gutachter der Industrie- und Handelskammer zugelassen. Wie war das möglich?

Gericke rief den Gutachter an und hielt das Gespräch danach in der Akte fest: "Er teilte aus eigenem Bekunden mit, dass er den Stempel bei der IHK etwa Anfang 2011 zurückgegeben hat. Auf Nachfrage, wie denn eine Unterschrift und ein Stempel auf nach diesem Zeitraum erstellte Gutachten hätten gelangen können, teilte der Sachverständige mit, dass die Stempel und die Unterschriften aus anderen Gutachten kopiert wurden." Nicht nur falsche, sondern auch gefälschte Gutachten also.

Im September 2012 hatte Gericke gemeinsam mit einem Kollegen aus der Kanzlei und einem Immobiliensachverständigen einen Termin in der Kennedyallee 123. "Aufgrund meiner Recherchen hatte ich erhebliche Zweifel an der Werthaltigkeit der von S&K getätigten Investitionen. Ich habe hier eine große Gefahr für Anleger gesehen. Wir wollten uns daher ein eigenes Bild machen. Damals hätte man eventuell noch korrigierend eingreifen können." Am Eingang der Stadtvilla empfing sie ein Sicherheitsmann mit Headset am Ohr, eine Frau mit kurzem Rock geleitete sie ins Foyer. Dort hängen Porträts von Stephan Schäfer und Jonas Köller in Öl. An der Besprechung nahmen Köller und seine beiden Anwälte, Igor Petri und Gero Kollmer, teil. Nach zehn Minuten war alles vorbei. Die beiden Juristen unterbrachen irgendwann das Gespräch und sagten: "Du sagst jetzt nichts mehr. Alles, was du jetzt sagst, wird sowieso irgendwann gegen dich verwendet." Dann verließen Köller und die S&K-Anwälte das Büro und ließen Gericke und seinen Kollegen sitzen, in den schweren, mit schwarzem Samt bezogenen Stühlen.