Grundeinkommen-Verlosung in Berlin Lotterie für das Kreativprekariat

12 000 Euro für lau: Über den Dächern Berlins hat ein Unternehmer vier bedingungslose Grundeinkommen für ein Jahr verlost. Gesammelt wurde das Geld mittels Crowdfunding. Doch als Paradebeispiel für die Grundeinkommensidee taugt die Aktion nur bedingt.

Von Verena Mayer, Berlin

Eine Sängerin singt "Die Arbeit bringt mich um", im Hintergrund wippen zwei alte Männer mit silbernen Umhängen dazu, ein Kind ist auch auf der Bühne. Ähnlich bunt ist das Publikum, das sich auf dem weitläufigen Dachgarten über einem Einkaufszentrum in Berlin-Neukölln eingefunden hat, junge Leute, Hipstervolk, Mütter mit Kindern, man hört viele verschiedene Sprachen.

Sie wolle sich nicht "mehr abmühen, nicht verglühen", singt die Sängerin, und vielleicht muss sie das ja auch bald nicht mehr. Denn an diesem warmen Septemberabend, im Club "Klunkerkranich" über den Dächern von Berlin, wird Geld verteilt, vier Mal 12 000 Euro. Einfach so, ohne Hintergedanken.

Dahinter steckt der Unternehmer Michael Bohmeyer, 29, der vor acht Jahren einen Onlineversandhandel mitgegründet hat. Aber vor allem steckt dahinter eine Idee: die eines bedingungslosen Grundeinkommens. Dafür hat Bohmeyer Geld gesammelt, per Crowdfunding über eine Internetplattform, in acht Wochen hatte er bereits mehr als 40 000 Euro zusammen. Bohmeyers Ziel, für das er in den vergangenen Wochen landauf, landab getrommelt hat: So vielen Leuten wie möglich ein Jahr lang 1000 Euro im Monat zur Verfügung zu stellen. Als eine Art "Vertrauensvorschuss" für Menschen, die "ihre 80 Jahre hier auf Erden sinnvoll nutzen wollen".

Das Grundeinkommen - eine soziale Utopie

Seit jeher fragen sich Philosophen, was dem Menschen zusteht. Ob nicht alle einen Anteil an der Erde haben sollten, ob man das nun "Bürgergeld" nennt, "Basic Income Guarantee" oder "Sozialdividende". Oder eben bedingungsloses Grundeinkommen, BGE, wie es Bohmeyer und seine Crowd tun. Interessanterweise hatten den Gedanken sowohl Visionäre des 18. Jahrhunderts auf dem Zettel, die selbst Marx als "utopische Sozialisten" abkanzelte, als auch neoliberale Theoretiker wie Milton Friedman, der damit Sozialleistungen einschränken, den Sozialstaat abbauen wollte. Das Grundeinkommen ist eine soziale Utopie, bei der sich, von ultralinks bis neoliberal, viele wiederfinden.

Auf dem Berliner Dach ist eher die linke Anhängerschaft vertreten, zwischen Bar und Bühne, auf der gleich das Geld verlost werden wird, wuselt auch Johannes Ponader herum, eine Zeit lang politischer Geschäftsführer der Piratenpartei. Doch zuerst kommen noch ein paar der Leute zu Wort, die Geld gespendet, sich für die Verlosung angemeldet haben oder beides.

Ein junger Mann, der sich als Lukas vorstellt, hat gespendet, weil er generell immer mal wieder bei Crowdfunding mitmache und weil er auch selbst gerne ein Grundeinkommen hätte, nämlich um "Aufklärungsarbeit für Depression" zu betreiben. Eine junge Chinesin will einen Dokumentarfilm drehen und eine Frau namens Anna findet es wichtig, als Gründerin "Zugang zu Kapital" zu bekommen. 2800 Leute haben die insgesamt 48 000 Euro zusammengetragen, mehr als 22 000 wollen sie ausgeschüttet bekommen. Etwa hundert sitzen jetzt erwartungsvoll vor dem Glücksrad.

Ein stinknormales Gewinnspiel

Das Berliner Modell ist einerseits ein gutes Beispiel der Grundeinkommens-Idee, andererseits ein schlechtes. Gut, weil Bohmeyer über die gängigen Modelle hinausdenkt, bei denen die Finanzierung durch den Staat, höhere Steuern oder die Verteilung von Ressourcen funktioniert, wie in Alaska, wo über einen staatlich eingerichteten Fonds Gewinne aus der lokalen Ölförderung verteilt werden. Bohmeyer holt sich das Geld von denen, die davon profitieren sollen und verlost es. Was das Ganze andererseits zu einem stinknormalen Gewinnspiel macht. Man schmeißt Geld in den Hut, und ein paar, die Glück haben, können ihr Projekt oder sich selbst verwirklichen. "Mein Grundeinkommen" ist ein Pyramidenspiel für das Kreativprekariat.

Es gewinnen Leute mit den Nicknames Traudi, Christoph, Stephontour und Chrissi. Ihren Profilen zufolge, die nach allgemeinem Jubel auf der Leinwand eingeblendet werden, wollen sie mit den 12 000 Euro mit den Kindern in den Urlaub fahren, "eine Erzieherausbildung machen statt im Callcenter zu arbeiten" oder einfach "bewusster weiterleben".