Goldman Sachs Schmutzige Hilfe für Trickser aus Athen

Goldman Sachs half Griechenland dabei, seine Misere zu verschleiern - und verdiente gut daran. Das zeigt, wie anfällig unregulierte Finanzmärkte sind.

Von Moritz Koch, New York

Dieses Mal geht es um Staatsanleihen, nicht um Hypotheken. Betroffen sind die Europäer, nicht die Amerikaner. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten zwischen der US-Subprimekrise von 2008 und der aktuellen Schuldenkrise Griechenlands, die sich zu einer Bewährungsprobe für die europäische Währungsunion entwickelt hat: An beiden Krisenherden finden sich die Spuren der Wall Street.

Genau wie die amerikanischen Investmentbanken versuchten, aus der Überschuldung der US-Haushalte Profit zu schlagen, witterten sie Gewinnchancen im Pfuhl der griechischen Defizitsünden. Im Mittelpunkt steht einmal mehr der Branchenprimus Goldman Sachs. Goldman half Athen bereitwillig dabei, massive Schulden anzuhäufen und jahrelang über die eigenen Verhältnisse zu leben.

Rechtlich waren die Geschäfte, die Goldman den Griechen vorschlug, zwar vollkommen unbedenklich. Doch sie zeigen einmal mehr, wie missbrauchsanfällig unregulierte Finanzmärkte sind. Denn mit den Kniffen der Investmentbank gelang es den Griechen, die europäischen Kontrolleure auszutricksen.

Dafür zahlen sie inzwischen einen hohen Preis: Mehr noch als der eigene Schuldenberg belastet Athen der Vertrauensverlust, den sich das Land durch seine - vorsichtig ausgedrückt - unkonventionelle Haushaltsführung eingehandelt hat.

Konkret lief der Schuldendeal so: Goldman bot den Griechen ein Kreditderivat an, einen sogenannten Swap. Dabei überschrieb Athen der Bank künftige Einnahmen aus dem Betrieb von Flughäfen, Autobahnen und Lotterien im Gegenzug für dringend benötigtes Geld. Gemäß den europäischen Buchhaltungsregeln tauchte diese spezielle Verschuldungsform nicht in den griechischen Staatsbilanzen auf.

In der Verschleierung liegt das eigentliche Problem. Der Swap selbst muss kein Pakt mit dem Teufel sein. Richtig eingesetzt kann er helfen, Schuldenlasten auf mehrere Jahre zu verteilen. Nicht nur die Griechen nutzen Swaps. Italien und andere Länder schlossen in der Vergangenheit ähnliche Geschäfte mit Wall-Street-Banken ab. Im Falle Griechenlands soll Goldman nach Informationen der New York Times Gebühren von 300 Millionen Dollar kassiert haben. Viel Geld, und doch ein eher geringer Betrag gemessen an den Milliardengewinnen, die die Investmentbank in guten Zeiten erwirtschaftet.

Der Zorn der Götter

Passenderweise wurde eines der Schuldeninstrumente, das Goldman an Griechenland verkaufte, nach Aiolos benannt, dem Gott der Winde in der griechischen Mythologie. Aiolos kommt unter anderem in der Odyssee vor, was insofern bemerkenswert ist, als kürzlich auch der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou einen Odyssee-Vergleich bemühte: "Der Weg nach Ithaka ist noch lang", sagte er mit Blick auf den schwierigen Weg zur Sanierung seines Landes.

In der Sage überreicht Aiolos dem verschollenen Kriegshelden Odysseus ein Bündel günstiger Winde. Doch während Odysseus schläft, öffnen seine Gefährten das Bündel und entfachen einen gewaltigen Sturm - ähnlich wie die Regierung in Athen mit ihren Tricks die Finanzmärkte durcheinanderwirbelt. Als Odysseus Aiolos abermals um Hilfe bitte, wird er abgewiesen: "Hinfort, du Unglückseliger", schnaubt der Herr der Winde, "denn dich verfolgt der Zorn der Götter."

Vertrauen als Schlüssel

Hier allerdings enden die Parallelen zwischen Mythos und Wirklichkeit. Denn die Wall Street würde ihre Dienst nie verweigern, solange sie Chancen auf Profite sieht. Noch im November 2009 reiste eine Delegation der Bank nach Athen, um neue Kreditinstrumente anzupreisen. Doch dieses Mal lehnten die Griechen ab. Die neue Regierung will mit den Buchhaltungstricks ihrer Vorgänger brechen und betrachtet die Wiederherstellung des Vertrauens als Schlüssel zur Lösung der Haushaltskrise.

Insgesamt schuldet Athen Investoren mehr als 220 Milliarden Euro. Hauptproblem der griechischen Regierung ist, dass in diesem Jahr Kredite in Höhe von 52 Milliarden Euro fällig werden, die sie nur begleichen kann, indem sie neue Schulden aufnimmt. Weil die Finanzmärkte dem Land misstrauen, ist fraglich, ob dies gelingt. Die EU-Länder haben versichert, Griechenland im Notfall zu helfen, ohne allerdings Details zu nennen.

Auch am Montag werden die Finanzminister der Eurozone voraussichtlich keine konkreten Maßnahmen zur Stützung des Landes verkünden. Mit dieser Vorgangsweise wollen sie erreichen, dass sich Athen ernsthaft um Einsparungen in großem Ausmaß bemüht. Allerdings könnte die anhaltende Unsicherheit den Euro weiter belasten, der schon seit Wochen gegenüber dem Dollar an Wert verliert.