Georg Schramm "Meine politische Bildung habe ich von Dieter Hildebrandt"

SZ: Wann wurden Sie politisch?

Schramm: Relativ spät. Ich bin im sozialdemokratischen Klima aufgewachsen. Meine politische Bildung habe ich von Dieter Hildebrandt aus dem Fernsehen. Ich war aber nicht politisch aktiv. Ich habe den Kriegsdienst verweigert, aber auch erst nach der Bundeswehrzeit.

SZ: Warum waren Sie beim Bund?

Schramm: Ich habe mir Geld fürs Studium verdient. Es war absehbar, dass mein Abitur schlecht wird. Ich hatte auch keine Ahnung, was ich studieren soll. Ich habe mir also ausrechnen lassen, was ich da an Abfindung kriegen würde, wenn ich freiwillig drei Jahre mache. Das wären 15.000 Mark gewesen. Hab ich aber nicht bekommen.

SZ: Wie das?

Schramm: Ich bin fünf Minuten nach meiner Entlassung noch zum Leutnant der Reserve befördert worden. Meine Abfindung habe ich deswegen als Fähnrich und nicht als Leutnant gekriegt. Da war ich stinksauer.

SZ: Und dann haben Sie verweigert?

Schramm: Nein. Erst als der Nato-Doppelbeschluss mit der atomaren Nachrüstung kam. Ich habe mit Argumenten aus Willy Brandts Nobelpreisrede den Dienst verweigert. Das wurde mit der Begründung abgelehnt, dass ich keine moralische Gewissensentscheidung herbeigeführt hätte, sondern eine politische.

SZ: Bevor Sie Kabarettist wurden, haben Sie noch Psychologie studiert.

Schramm: Ja. Ich dachte: Reden kann ich, sonst habe ich nicht viel Ahnung. Also studiere ich Psychologie.

SZ: Aha.

Schramm: Das Studium sah dann doch etwas anders aus, und ich habe ja danach auch vergleichsweise ernsthaft zwölf Jahre an einer Neurologischen Klinik gearbeitet.

SZ: Warum haben Sie da 1988 aufgehört?

Schramm: Ich habe gemerkt, dass ich in meinem Beruf immer schlechter werde. Ich suchte Alternativen. Fast wäre ich sogar Gewerkschaftsfunktionär geworden. Ein Angebot der ÖTV hatte ich im letzten Moment ausgeschlagen.

SZ: Keiner kannte damals den Kabarettisten Georg Schramm. Wie konnten Sie Ihre damalige Frau und die beiden Kinder über Wasser halten?

Schramm: Meine erste Frau arbeitete halbtags, und es gab ein Starterpaket vom Arbeitsamt, wenn man sich selbständig macht. Aber die Engagements waren richtig lausig. Wenn ich auf der Bühne total gescheitert wäre, hätte ich nach zwei Jahren an die Klinik zurückgehen können, das war meine Bedingung.

SZ: Mussten Sie aber nicht.

Schramm: Kurz bevor ich komplett pleite war, hat mich der damalige SFB-Redakteur Uwe Römhild gefragt, ob ich nicht in einer Fernsehsendung des SFB, dem Satirefest, auftreten will. Danach kamen Engagements aus Norddeutschland, und ich dachte, es könnte doch gehen. Und es ging dann mit einem bescheidenen Lebenswandel ja auch. Es wurde immer besser.

SZ: Das Fernsehen hat Sie also bekannt gemacht. Ebenjenes Medium, das Sie für die meisten Inhalte verachten.

Schramm: Das war leider so, das hat mir selber gar nicht so gepasst. Nur mit dem, was ich auf der Bühne gemacht habe, wäre ich als Nobody zurückgegangen und wahrscheinlich im Beruf völlig resigniert, Trinker geworden, Querulant.