Geld - Macht - Hass: Jörg Immendorff Der Kampf des verlorenen Sohns

Der Malerfürst Jörg Immendorff lebte exzessiv und hinterließ tiefe Wunden. Seit dem Tod des Künstlers streiten seine junge Witwe und sein Erstgeborener um seine Millionen.

Von A. Fichter

Der kleine Junge erfährt es aus den Medien: Sein Vater ist tot. Gestorben, bevor es dem 12-Jährigen vergönnt war, ihn näher kennenzulernen. Nur dreimal durfte er seinen Papa sehen und es waren flüchtige Momente für den kleinen Jean-Louis. Nun würde ihm der Mann, dessen Erbgut er in sich trägt, für immer ein Fremder bleiben - so bekannt er in der Öffentlichkeit auch war: Jörg Immendorff, Skandalmaler, Egozentriker, Nationalheiliger. Enge Vertraute sagen über ihn, er sei nie fähig gewesen, Menschen wirklich zu lieben. Der Grund dieser Gefühlskälte? Ein frühes Trauma, das der Maler nie zu verarbeiten vermocht hatte, aber dazu später mehr.

Jean-Louis, der uneheliche, ungeliebte Sohn, er weint, als er die Todesnachricht im Radio hört. Sein Leben lang zehrte die Sehnsucht nach dem Vater an ihm, immer wieder sandte er Fotos, Videos, selbst gemalte Bilder. Um Aufmerksamkeit bittend, um Zuneigung flehend. Ohne Erfolg: Der Alte antwortete nicht. Er blieb unerreichbar. In Jean-Louis' Kinderzimmer, dennoch: Ein Foto des weißhaarigen Mannes, der den Betrachter kritisch zu mustern scheint. Immendorff sagte einmal von sich, sein Leitfaden für das Leben sei der Egoismus.

Er starb am Pfingstmontag des Jahres 2007. Mit 61 Jahren war er nach langem Siechtum der Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) erlegen, einer unheilbaren Nervenkrankheit. Sie hatte ihn über Jahre gequält, zuletzt an den Rollstuhl gefesselt und fast völlig gelähmt.

Sofort nachdem die Asche im Mittelmeer verstreut war, entbrannte ein heftiger Streit um Immendorffs Erbe, der immer wieder zu eskalieren droht. Der Künstler hinterlässt Immobilien und Bilder im Wert von 15 bis 18 Millionen Euro. Aber beim Kampf um den Nachlass geht es um mehr als nur um Geld. Es geht um Kränkungen und Sexorgien, um Hass und das exzessive Treiben eines Jahrhundertmalers.

Auf der einen Seite steht die bildschöne Witwe des Malerfürsten, Oda Jaune. Eine Frau mit sinnlichen Lippen, Schneewittchenhaaren und tiefen Ausschnitten, über dreißig Jahre jünger als der Verstorbene, geboren 1979 in Bulgarien, als Susan Michaela Warsteit; mit ihr die gemeinsame Tochter Ida, zehn Jahre alt.

Die Gegner: Marie-Josephine Lynen, blonde Modedesignerin aus Düsseldorf und Jean-Louis, ihr Sohn. Der Junge, mager, einsam, blass, will, dass sich die Wunde schließen kann, die der Vater riss, als er ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Nichts, gar nichts besitzt er vom berühmten Vater, außer diesem einen Foto. Nicht einmal das Bild, das Immendorff für ihn gemalt haben soll: "Die Geburt von Jean-Louis" heißt es. Die schöne Witwe rückt es angeblich nicht heraus.

Aber in den Testamenten erwähnt Immendorff seinen Sohn - so ist es nun einmal leider - mit keinem Wort. Er hat ihn wieder einmal übersehen und ignoriert. Überhaupt, das Testament. Nur drei Wochen, bevor der Maler seiner Krankheit erlag, er war schon schwer von ihr gezeichnet, änderte er plötzlich radikal den Inhalt. Ursprünglich hatte er Ida, das Töchterchen, als Alleinerbin eingesetzt. Doch dann, es war der 7. Mai 2007, wurde ihr Name durchgestrichen handschriftlich durch "Oda Jaune" ersetzt, die schöne Witwe, obwohl der Maler seine Hand nicht mehr bewegen konnte. Ein Sinneswandel im todkrankem Zustand? Der anwesende Notar bestätigt es.