Finanzkrise Erdbeben an den Börsen

Der Physiker Didier Sornette vergleicht Finanzkrisen mit Erdbeben und Investoren mit tektonischen Platten - und sagt so Exzesse an den Börsen vorher. Doch beim Investieren hält er sich eher zurück.

Von Markus Zydra

Didier Sornette fährt Fahrrad ohne Helm. Mancher mag das für unvorsichtig halten, der 52-jährige Franzose nennt es ein dynamisches Risikomanagement: "Ohne Helm bin ich viel konzentrierter unterwegs, weil ich weiß, dass einfach nichts passieren darf,", sagt er.

Didier Sornette prognostiziert Kursstürze - mit Hilfe der Geophysik.

(Foto: AFP, SFI)

Eine solche Philosophie würde man seinen Kindern nicht unbedingt empfehlen wollen, doch bei Sornette erstaunt es besonders, denn der Physiker kann die Aufprallkraft bei einem Sturz auf den Kopf auch noch genau berechnen. Aber Sornette mag das Draufgängertum, er fährt Motorrad (mit Helm) und surft Wellen. Der Chef des "Financial Crisis Observatory" an der Züricher Hochschule ETH riskiert auch beruflich viel: Er prognostiziert Finanzblasen - lange bevor sie entstehen.

Damit begibt er sich auf vermintes Terrain, denn viele Experten halten es schlicht für Glück, wenn jemand mit solchen Prognosen richtig liegt. Die meisten Wissenschaftler kommen sowieso erst nach Beginn der Katastrophe aus der Deckung und melden an, dass sie "es" schon immer befürchtet haben. Sornette fordert die Wissenschaftselite heraus.

Kann menschliches Verhalten - Börsenkurse sind das Ergebnis von menschlichen Kauf- und Verkaufsentscheidungen - durch Computermodelle auf mögliche Übertreibungen und Exzesse hin analysiert werden? Sornette meint ja. "Finanzkrisen haben viel mit Erdbeben gemeinsam, sie entstehen nicht aus Zufall, sie wachsen, sie bauen sich auf", sagt der Querdenker, der früher in Kalifornien als Geophysiker geforscht hat. "Tektonische Platten kommunizieren miteinander über wachsenden mechanischen Stress in der Erde, und auch Investoren teilen ihren Stress mit", sagt Sornette, der herausfinden will, welche Signale gestresste Investoren geben.

Er sieht sich dabei auf einem guten Weg, vor allem nach seinem jüngsten Experiment: Im November 2009 hat er auf dem Goldmarkt und dem brasilianischen Aktienmarkt eine mögliche Preisblase erkannt und konkrete Zeitfenster angegeben, in denen es zu einem Preisverfall kommen würde. Diese Prognose legte er damals verschlüsselt auf einem Computer ab, zu dem niemand mehr Zugang hatte - im Mai präsentierte er das Ergebnis: Er lag mit seinen Prognosen innerhalb der Zeitfenster in etwa richtig. "Das Ergebnis könnte noch besser sein, aber man wird in der Wissenschaft niemals Perfektion erreichen", sagt Sornette. "Wir haben mit dem Experiment gezeigt, dass Finanzblasen entdeckt werden können, und zwar, bevor sie platzen."

Der Franzose meint, es gebe an den internationalen Finanzmärkten zu jeder Zeit unzählige Preisblasen. Mal auf dem Rohstoffmarkt, mal bei Anleihen, mal bei Immobilien, mal bei einzelnen Aktien, mal in einem einzigen Land. Oft würde die heiße Luft ganz gemächlich entweichen, seltener käme es zu einem rapiden Preiseinbruch. Noch viel seltener sei ein Mega-Crash, der die ganze Welt erfasst, wie die jüngste Finanzkrise oder das Platzen der Internetblase im Jahr 2001. Die steilen Preiseinbrüche sind es, die Sornette interessieren. Dazu analysiert er 24 Stunden am Tag viele Daten: Insgesamt 300 Börsenindizes, 2000 Aktien und die Vermögenswerte der Hedgefonds. Aus diesem Datenwust soll sein Computerprogramm die relevanten Indikatoren herauslesen.

"Wir als Forscher können froh sein, in solch turbulenten Phasen zu leben."

"Blasen deuten sich an, wenn die Preiszuwächse mehr als exponentiell wachsen", sagt Sornette. Auch wenn es viele kleine Mini-Crashs gebe, die Preise danach aber weiter steigen würden, sei das ein Signal für eine Übertreibung an den Börsen. "Man kann diese Unruhe auch an den Optionsmärkten ablesen", sagt Sornette.Optionen sind Wertpapiere, die dem Besitzer das Recht geben, etwa eine Aktie zu einem bestimmten Zeitpunkt und Preis zu kaufen - es ist ein Recht und anders als beim Future keine Pflicht. Die Preise für Optionen schwanken stärker als die zugrundeliegende Aktie. Es ist ein kompliziertes Geschäft, das Sornette aber fasziniert."Wir als Forscher können froh sein, in solch turbulenten Phasen zu leben", sagt der Wissenschaftler.

Warum er überhaupt noch arbeitet? Hat er bei seinen Fähigkeiten nicht längst ausgesorgt? Seine Prognosen, so sagt er, seien häufig richtig, aber nicht immer. "Es gibt nie Gewissheit, aber es gibt im Zuge der Forschung immer höhere Eintrittswahrscheinlichkeiten." Zudem existiere ein anderes, praktisches Problem auf dem Weg zu persönlichem Reichtum: "Wir prognostizieren zwar das Ende einer Preisblase, es kann aber dauern, bevor sie platzt", sagt er und verweist auf die lange Vorlaufzeit des Internet-Crashs. Sornette und sein Team machen deshalb weiter. Das zweite Experiment startete im Juni. Sieben Finanzblasen haben sie identifiziert. Im November wollen sie die Ergebnisse prognostizieren. Diesmal riskiert Sornette mehr: "Wir haben auf Basis der Prognosen 15.000 Euro an der Börse investiert."