Banken "Ein Girokonto braucht jeder - das wird jetzt wieder stärker ausgenutzt"

Viele Banken bieten zwar kostenlose Konten an, Dienste wie eine Kreditkarte oder Papier-Überweisungen kosten aber extra.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Quer durch die Branche heben die Banken ihre Gebühren für Girokonten und damit verbundene Dienste an, beobachten Verbraucherschützer.
  • Die Gewinne der Kreditinstitute leiden unter niedrigen Zinsen und höheren regulatorischen Anforderungen. Mit höheren Entgelten soll nun das Privatkundengeschäft gestützt werden.
  • Kunden müssen die teils versteckte Teuerung aber nicht klaglos hinnehmen - nach wie vor gibt es Ausreißer, die wirklich kostenlose Konten anbieten.
Von Stephan Radomsky

"Startguthaben!" "Zufriedenheitsgarantie!" "Null Euro!" Wenn Banken ihre Girokonten anpreisen klingt das in vielen Fällen noch immer so, als kämpften sie um jeden Preis um neue Kunden. Erst im Kleingedruckten, dort wo nur die wenigsten wirklich genau hinsehen, offenbart sich derweil, dass inzwischen oft das Gegenteil der Fall ist: "Gerade rund ums Girokonto werden die Entgelte flächendeckend wieder eingeführt und erhöht", sagt Markus Feck von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Niedrigzinsen fressen die Profite auf

Die Banken - egal ob private, genossenschaftliche Institute oder Sparkassen - suchen derzeit dringend nach neuen Einnahmequellen. Durch die Mini-Zinsen und die extrem lockere Geldpolitik der EZB ist mit Darlehen und herkömmlichen Geldanlageprodukten kaum noch etwas zu verdienen. Und auch die Einlagen der Kunden selbst bringen nichts mehr ein. Dabei leiden die Kreditinstitute teilweise noch unter den Nachwirkungen der Finanzkrise, müssen aufgrund der strengeren regulatorischen Vorgaben aber zugleich dickere Kapitalpolster bilden. In Kombination mit den hohen Kosten für Filialen, Personal und Infrastruktur steht daher das Privatkundengeschäft besonders unter Druck.

"Ein Girokonto braucht jeder - das wird jetzt wieder stärker ausgenutzt", sagt Finanzexperte Feck. Erleichtert werde das den Banken dadurch, dass "eigenartigerweise die zusätzlichen Kosten in den allermeisten Fällen eben nicht der Grund sind, warum Kunden ihr Konto wechseln".

Hohe Einnahmen mit Girokonten

Zum selben Ergebnis kommt auch eine Studie der Beratungsfirma Kampmann, Berg & Partner: Demnach zahlen nach wie vor drei von vier deutschen Bankkunden eine Kontoführungsgebühr. 81 Prozent der Verbraucher sind demnach mit ihrem Girokonto zufrieden, auch wenn sie nicht einmal ungefähr beziffern können, wie viel es sie eigentlich kostet. Und selbst wenn die Kunden die Höhe ihrer Kontoführungsgebühr genau kennen, seien der Umfrage zufolge immer noch zwei Drittel mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis bei ihrer Bank einverstanden. "Filialbanken, die im Niedrigzinsumfeld nur auf kostenlose Angebote setzen, verzichten vielfach auf vorhandene Zahlungsbereitschaft", folgern daher die Unternehmensberater.

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Wie ausgeprägt diese Bereitschaft wirklich ist oder ob die Kunden nicht einfach nur zu träge für einen Anbieterwechsel sind, bleibt offen. Fest steht dagegen, dass die Bankenbranche, auch nach Jahren des Preiskampfs, noch hohe Summen mit dem Produkt Girokonto und den damit verbundenen Dienstleistungen umsetzt. Wie viel genau, ist allerdings schwer zu sagen: Selbst ein umfassender aktueller Überblick darüber, wie viel die Deutschen an Kontoführungsgebühren für ihr Girokonto ausgeben, existiert nicht. Weder Statistisches Bundesamt noch Bundesbank erheben solche Zahlen.

Die Preise dürften gestiegen sein

Die jüngsten offiziellen Daten beziehen sich auf das Jahr 2009: Damals ergab eine europaweite Erhebung im Auftrag der EU-Kommission, dass Deutschland im EU-Vergleich bei den Kosten für ein Girokonto kaufkraftbereinigt im unteren Mittelfeld rangiert. Für ein durchschnittliches Konto zahlte man demnach hierzulande etwa 89 Euro jährlich. Bei damals knapp 94 Millionen Girokonten hätte das für die Banken überschlägig Einnahmen von mehr als acht Milliarden Euro allein aus Kontoführungsgebühren bedeutet. Seitdem hat die Zahl der in Deutschland geführten Girokonten nochmals deutlich zugelegt und auch der Preis dürfte angezogen haben.

Zugleich ergab die EU-Studie, dass die Gebührenstruktur für Girokonten hierzulande überdurchschnittlich einfach und klar war. Ein Befund, den Verbraucherschützer Feck allerdings bezweifelt: "Die Transparenz lässt häufig zu wünschen übrig." So seien seit einer Gesetzesänderung 2009 bestimmte zuvor verbotene Gebühren wie Benachrichtigungsentgelte wieder eingeführt worden. Hinzu kämen völlig neue Gebühren, die Verbraucherschützer teilweise für unzulässig halten und vor Gericht bekämpfen.

Konto gratis, teurer Service

Ganz legal ist dagegen, ein Konto als gratis zu bewerben, dann aber EC- oder Kreditkarte, Überweisungen auf Papier oder die SMS mit den Tan-Codes extra abzurechnen. Zudem liegt der Zins für Dispo- und Überziehungskredit bei vielen Banken noch immer weit im zweistelligen Prozentbereich - allen Niedrigzinsen zum Trotz.

Angesichts der vielfältigen Möglichkeiten an den Kosten zu drehen, können Kunden oft nur schwer erkennen, was auf sie zukommt. Dazu trage auch bei, dass Banken Bestandskunden häufig in neue Konto-Modelle mit einer komplett anderen Gebührenstruktur drängten, statt nur einen bestimmten Posten einzuführen oder anzuheben, erklärt Sigrid Herbst von der Finanzberatung FMH. "Dann lassen sich die tatsächlichen Kosten nicht mehr so leicht vergleichen, weil gleich an mehreren Stellen die Gebühren verändert werden." So werde etwa angepriesen, dass Online-Überweisungen nun - wie bereits zuvor - kostenlos sind, erst im Kleingedruckten werde dann erwähnt, dass für beleghafte Überweisungen auf Papier nun aber eine Gebühr fällig wird. Und dass die Phantasie hier erschöpft ist, bezweifelt Herbst: "Da wird sich die ein oder andere Bank sicher noch etwas einfallen lassen."

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Kontowechsel lohnt sich nicht immer

Doch auch wer nichts bezahlen möchte, kann ein Girokonto mit dem vollen Leistungsspektrum und dennoch vernünftigen Zinssätzen bekommen. "Die günstigen oder kostenlosen Modelle gibt es immer noch", sagt Verbraucherschützer Feck. "Der Kunde muss nur seine Hemmschwelle überwinden und wechseln." Zuvor sollte er aber klären, wie hoch seine tatsächlich aufgelaufenen Kosten rund ums Konto zuletzt waren. Nach Einschätzung der Stiftung Warentest lohnt sich ein Wechsel erst, wenn ein Onlinekonto bisher mehr als 40 Euro und ein Filialkonto mehr als 80 Euro im Jahr gekostet haben. Nur für einen einmaligen Bonus lohne der Wechsel dagegen nicht.

Bei der Suche nach dem passenden Konto entscheiden dann vor allem die Ansprüche des Kunden selbst: Muss es eine Filiale in der Nähe sein oder reicht auch ein Onlinekonto bei einer Direktbank? Ist man viel unterwegs und deshalb auf ein großes Netz an kostenlos nutzbaren Geldautomaten angewiesen? Wie häufig rutscht der Kontostand ins Minus? Benötigt man überhaupt eine Kreditkarte?

Einen raschen Überblick liefert die Stiftung Warentest mit einem Konten-Vergleich aus dem Frühjahr 2014. Dort wurden insgesamt 176 teilweise kostenlose Konten verglichen. Zudem finden sich im Internet - analog zu Versicherungen, Energie oder Krediten - auch Vergleichsrechner für Girokonten.

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