Ausbeutung durch Billigarbeit Protokoll einer hässlichen Kindheit

Mit zwölf Jahren ist die Kindheit in vielen Billiglohnländern Asiens vorbei. Unter unmenschlichen Qualen müssen Kinder dort nicht nur Billigtextilien herstellen, sondern auch Luxuswaren. Von den Millionenwerten, die durch ihre Hand geschaffen werden, bleibt den Kindern selbst nichts. Nur neue Gesetze könne dies ändern.

Von Sibylle Haas

Was ein gutes Hemd kostet

Jahaj ist 17 Jahre alt. Seit er zwölf ist, arbeitet er in Gerbereien im Hazaribagh-Viertel der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka. Jahaj leidet heute unter Asthma, Hautausschlägen, Juckreiz und Verätzungen. Er klagt besonders über die Arbeit in den Gruben, in denen die Tierhäute aufbewahrt und mit verdünnten Chemikalien behandelt werden. "Das Wasser in den Gruben brennt, wenn ich es mit der bloßen Haut berühre", sagt er. Es ist das Protokoll einer hässlichen Kindheit.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat Kinder, die in Gerbereien Bangladeschs arbeiten, interviewt, einige darunter im Alter von nur elf Jahren. Ihre Aussagen finden sich in dem Bericht "Toxic Tanneries: The Health Repercussions of Bangladesh's Hazaribagh Leather", den die Organisation kürzlich veröffentlicht hat. Die Kinder, so heißt es dort, mussten gefährliche Arbeiten verrichten. Sie mussten Tierhäute in Chemikalien einweichen, gegerbte Häute mit Rasierklingen zurechtschneiden oder Gerbereimaschinen bedienen. Das Abflusswasser, das von den Gerbereien in Hazaribaghs offene Kanalisation und damit später in Dhakas Hauptfluss geleitet wird, sei unter anderem mit Tierfleisch, Schwefelsäure, Chrom und Blei verschmutzt.

Richard Pearshouse, Experte für Gesundheit und Menschenrechte von Human Rights Watch, klagt an: "Die Gerbereien, die Leder für Luxusprodukte im Wert von mehreren Hundert Millionen Dollar exportieren, verschmutzen die umliegenden Gemeinden mit Schadstoffe."

Die Lederwaren aus Bangladesch werden in etwa 70 Länder geliefert, hauptsächlich jedoch nach China, Südkorea, Japan, Italien, Deutschland, Spanien und in die USA. Bangladesch ist nach China der zweitgrößte Textilproduzent der Welt. Deutschland ist nach den USA für Bangladesch der zweitgrößte Exportmarkt. In dem südasiatischen Land arbeiten etwa drei Millionen Menschen. Nach Angaben der niederländischen Menschenrechtsorganisation Clean Clothes Campaign starben dort seit 2006 etwa 700 Menschen allein bei Bränden in Textilfabriken.

Gesetze sollen Unternehmen verpflichten

Kommt es zu großen Katastrophen, dann schreit die Welt auf. Wie am vergangenen Wochenende, als bei dem Brand in der Fabrik der Firma Tazreen Fashion, die unter anderem für die Bekleidungskette C & A sowie für den US-Supermarktkonzern Walmart fertigt, mehr als 100 Menschen ums Leben kamen. Als schon wenige Tage später ein Feuer in der Fabrik Section Seven Limited in der Hafenstadt Chittagong ausbrach, bei dem mindestens 50 Menschen verletzt wurden, war das nur noch eine kleine Meldung unter vielen.

Doch nicht nur Fabriken in Bangladesch sind für Sicherheitsmängel und schlechte Arbeitsbedingungen bekannt. Brände passieren immer wieder auch in anderen Billiglohnländern. In den vergangenen Jahren zum Beispiel in Indien, China und Marokko. Im September starben 259 Menschen durch ein Feuer in einer Textilfabrik in Pakistan: Die Notausgänge waren verrammelt und der Brandschutz mangelhaft.

Das Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene in Siegburg bei Bonn fordert ein Gesetz, das Unternehmen verpflichtet, sich an versprochene Sozialstandards zu halten. Die Bekleidungsunternehmen aus Europa und den USA hätten zwar fast flächendeckend freiwillige Verhaltenskodizes formuliert, in denen die Standards festgehalten seien. Diese würden den direkten Zulieferern auch zur Unterzeichnung vorgelegt. "Das heißt aber nicht, dass die auch umgesetzt werden", sagte Sabine Ferenschild vom Südwind-Institut der Nachrichtenagentur dpa. Es seien eben nur freiwillige Kodizes, deren Umsetzung nicht von unabhängigen Inspektionen begleitet werde. "Das öffnet die Tür sehr weit für Missbrauch", so Ferenschild.

Trotz jahrzehntelanger Bemühungen hat sich nichts geändert

Das Südwind-Institut wirft den westlichen Auftraggebern vor, sich nicht für sichere Arbeitsbedingungen in ihren Subunternehmen in Billiglohnländern einzusetzen. Erst kürzlich hat die Organisation über die Missstände in Indonesiens Textilindustrie berichtet. "Viele zum Teil erzwungene Überstunden, kaum erreichbare Zielvorgaben und Hungerlöhne prägen noch immer den Alltag von Hunderttausenden Textilarbeiterinnen in Indonesien, auch in jenen Zulieferbetrieben, die für Premiummarken wie Adidas und Nike fertigen", sagt Antje Schneeweiß, die Autorin der Studie "Arbeitsrechtsverstöße in Indonesien".

Für die Untersuchung wurden Arbeiterinnen aus Fabriken befragt, die unter anderem auch an die Konzerne Inditex/Zara, H & M und Esprit liefern. Die Befragten beklagen Arbeitstage von mehr als zwölf Stunden, unbezahlte Überstunden und sexuelle Belästigung. Trotz jahrzehntelanger Bemühungen um Sozialstandards bleibe die Lebenssituation der Arbeiterinnen prekär.