Für Udo Jürgens sind Google und Twitter politisch ein Segen, dennoch hat er ein Anti-Internet-Lied komponiert: Ein Gespräch über die Lust an der Selbstentblößung und ein Leben ohne Computer.
Kürzlich hat Udo Jürgens, 76, sein neues Album vorgestellt. Darauf befindet sich ein Stück über den Trend, sein Leben online zu stellen. Eine Warnung vom Grandseigneur des deutschsprachigen Schlagers.
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Schlagerstar Udo Jürgens (© dapd)
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SZ: Sind Sie oft im Netz unterwegs?
Jürgens: Nein. Leute um mich herum, wesentlich jünger als ich, suchen mir Informationen heraus, wenn ich etwas wissen will. Ich selbst besitze noch nicht einmal einen Computer - will auch gar keinen haben, wenn ich ehrlich bin.
SZ: Was haben Sie gegen das Internet?
Jürgens: Ich erkenne das Internet und seine Möglichkeiten. Google oder Twitter sind politisch gesehen ein Segen für die Welt. Kein Diktator kann machen, was er will. Über das Netz steht er ständig unter Beobachtung. Die Herrscher müssen nichts so sehr fürchten wie diese neuen Möglichkeiten in der Online-Welt.
SZ: Also finden Sie das Web doch gut.
Jürgens: Nicht durchgehend. Denn für den Einzelnen, für Ihre Ehefrau etwa oder Ihre Freundin - oder beide, wer weiß - können diese Möglichkeiten eine Lebenskatastrophe bedeuten. Sich im Internet zu entblößen, mag bisweilen lustig sein - dass diese Informationen nie mehr verschwinden, kann zu einem grausamen Bumerang werden. Davor warne ich.
SZ: Wie ist Ihnen die Idee zu dem Anti-Internet-Lied "Du bist durchschaut" gekommen?
Jürgens: Dieses musikalische Thema, dieser leicht angestoßene Reggae, liegt seit zehn Jahren in meiner Schublade. Eigentlich sollte es ein Song werden über das Golfen, über ältere Herren, die noch einmal die Chance bekommen, einzulochen. Aber das wurde nicht lustig, meine Songs müssen Stil haben. Ich habe mich mit dem Liedermacher Wolfgang Hofer hingesetzt und gesagt: "Lass uns was Zeitgemäßes finden!" Ihm ist die Zeile eingefallen: Die Welt ist eine Google.
SZ: Sie wissen, dass es um diese Zeile schon mal einen Streit gab? Zwei Journalisten stritten um die Urheberschaft.
Jürgens: Dieser Satz war mir neu - jetzt machen wir eben Reklame dafür.
SZ: Sie sind viel unterwegs. Haben Sie denn ein Mobiltelefon?
Jürgens: Ja, ich besitze sogar zwei Smartphones. Damit kann ich auch einigermaßen umgehen.
SZ: Was machen Sie damit? Lesen und schreiben Sie so Ihre E-Mails, wenn Sie schon keinen Computer besitzen?
Jürgens: Nein, überhaupt nicht, ich schreibe ganz gerne SMS-Nachrichten damit. Nicht so häufig wie unsere Kanzlerin, aber es gibt kleine Nachrichten, für die eine Postkarte zu lange unterwegs wäre und für die sich ein Brief nicht wirklich lohnt. Kurze Messages, die auf den Punkt kommen, dafür sind SMS großartig geeignet. E-Mails schreibt meine Assistentin für mich. Ich rufe sie an, sie tippt so schnell, wie ich spreche, und fünf Minuten später ist die Mail durch. Eine tolle Sache, das mache ich nicht selber.
SZ: Das könnten Sie unterwegs aber auch selbst erledigen mit Ihrem Handy. Alle Geräte besitzen heutzutage eine solche E-Mail-Funktion.
Jürgens: Mit meinem Smartphone? Nein, mit den kleinen Tasten, da wird es mühsam. Klar, ich könnte es lernen. Es geht aber schneller, wenn ich meine Assistentin anrufe. Das kann ich auch von überall auf der Welt aus erledigen.
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Auszug aus dem Song: Du bist durchschaut
Du bist durchschaut - und zwar komplett!
Bis auf die Haut und bis ins Bett!
Du wirst bespitzelt und beklaut.
Schöne, neue Welt.
Privates, das ist out,
Du bist durchschaut! Die Welt ist eine Google,
Da bleibt gar nichts mehr geheim.
Ob Wohnung, Haus, ob Garten,
Jeder schaut da online rein!
Im Netz, da lauern Hacker,
Auf den Straßen Kameras,
Man sieht in uns rein - als wär'n wir aus Glas.
Am Flugplatz wirst du eingescannt
Bis hin zum großen Zeh.
Und deine Kontodaten
Gibt es bald schon auf CD.
Fehlt nur noch, dass bei Facebook
Deine Leberwerte steh'n.
Na, dann gute Nacht - dann ist es gescheh'n!
Egal, wo du dich auch verkriechst,
Es hilft dir keine List.
Sie finden dich per GPS,
Wo du auch immer bist.
Ganz offenherzig twitterst du,
Gibst alles von dir preis,
Den größten Mist - den kleinsten Scheiß!
Wenn du mich fragst: geschieht uns recht,
Wir machen ja alles mit.
Sogar zum Auto finden wir
Nur noch per Satellit ... - Ja!
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(SZ vom 23.03.2011/mri)
Auf der einen Seite begrüßen, dass das Web Diktatoren zu Fall bringt und ein Segen für die Menschheit ist.
Auf der anderen Seite aber nicht verstehen, dass diese Bewegung auch irgendwo ihren Ursprung nehmen muss und nicht durch ein paar Männeken funktioniert.
So müde wie Jürgens ist, die Welt noch zu verstehen, so müde bin ich mittlerweile mit geistigen Greisen jedweden Alters über das Web zu diksutieren.
Umso schöner, dass es eine Haustür weiter noch weitaus ältere Herrschaften gibt, die es verstanden haben:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/netz-depeschen-vom-kleinen-daeumling-1.1080891
wenn er Angst hat vor dem Web und damit verbunden Angst vor der Fähigkeit, gläserne Bürger zu schaffen.
Sind bei ihm im Haus, bei seiner Familie nicht ständig Reporter frei hinein- und herumgelaufen als ob sie zur Familie gehören, hatte er überhaupt eine Privatspäre und wenn nicht, machte es ihm was aus oder nicht?
Das sind mal so kleine Widersprüche, die mir auffallen und Zweifel an der Glaubwürdigkeit seines Textes aufkommen lassen.
Ein alter Mann, dessen Welt es so nicht mehr gibt und nie wieder geben wird, der nach eigener Aussage das, wovon er spricht bzw. singt, weder benutzt noch versteht, hat aber trotzdem eine Meinung.
Symptomatisch eigentlich für Politiker.
Seine Schlager fand ich ja noch halbwegs lustig und sie haben wie hier ein paar Leute gesagt haben auch wirklich mehr Inhalt als Carpendale oder andere Fuzzis; aber trotzdem ist das kein intellektuelles Kulturgut...
In 10 Jahren gibt es vielleicht schon gar kein Google mehr, sondern irgendwas anderes, vor dem dann alle Angst haben.
Vor irgendwas muss man ja auch immer Angst haben, denn... ja warum muss man das denn überhaupt?
Das Leben ist schön!
Es ist gut, dass die meisten Menschen sich gegenueber anderen oeffnen, auch wenn das meiste naturgemaess trivial ist. Das ist letztlich alles.
Wie sollte sonst irgendwann eine offenere globale Gesellschaft entstehen?
Durch Zensur und Verpixelung von Google Streetview?
Durch Leute, die sich aus Angst vor Unverstaendnis in "Privatsphaeren" fluechten?
Durch Menschen, deren Hauptanliegen in der Kommunikation ist moeglichst wenig von sich preiszugeben?
Nach wie vor herrschen antimodernistische und angstgesteuerte Vorstellungen vor.
Wieso muss eigentlich jede Gesellschaft stets neu in derlein reinfallen?
Koennte man doch auch einfach mal ueberspringen. Neu ist daran eh nix.
Was er konnte und durfte, tat er.
Aber dann wälzte sich das Privat-TV, dann das Internet wie ein Tsunami über die Massen hinweg.
Texte, Noten - sie wurden inflationär.
Gross-Musikstudios überflüssig.
Die Welt wurde per Tastenklick unelitär-ordinär.
In den 50er Jahren war das Klavier mit Orchester in der Unterhaltungsmusik eine Seltenheit. Soweit ich weiß, war Jürgens damals weltweit der erste, der diese Kombination in der Schlagerwelt einsetzt ("Siebzehn Jahr, blondes Haar . . .").
Später sollte er einmal bekritteln, dass Europas Radiosender anspruchsvolle Unterhaltungsmusik von deutschsprachigen Interpreten bewusst ausklammern, diskriminieren.
Jürgens wandte sich auch gegen die Kulturschändung von aussen.
Mutig ist er.
cc.
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