Studie Crowdworking: Zum Leben reicht es kaum

Wer schreibt eigentlich diese ganzen Texte auf Ratgeberseiten und Online-Shops? Es sind Crowdworker, die von zu Hause arbeiten. Eine Studie zeigt, wie hart das Geschäft ist.

Von Kristiana Ludwig, Berlin

Ihr Abschluss als Fleischfachverkäuferin war sehr gut, der Job hinter der Wursttheke schien sicher. Aber manchmal kommt im Leben alles auf einmal, und bei Diana Rönisch kamen ein Kind und die Geschäftspleite zugleich. So werde sie nichts mehr finden, sagte ihr das Arbeitsamt. Da setzte sich Rönisch in ihrer Wohnung im sächsischen Waldheim an den Computer und begann, im Internet ihr Geld zu verdienen. Sie ist eine von vielen, einer crowd, die für das Netz Arbeit erledigt.

Seit sieben Jahren leben Rönisch, 38, und ihre zwei Kinder von Crowdwork. Das Netz benötigt Inhalte, also schreibt Rönisch Gebrauchstexte für Onlineshops, Ratgeber oder Blogs. Mittlerweile liefert sie die ganze Bandbreite: Mode- und Kosmetiktipps, Texte über Möbel, Gärtnern oder Reisen. Zu ihren Auftraggebern gehört der Händler eines Serums, das Wimpern länger wachsen lässt genauso wie ein spanischer Spezialitätenverkäufer. Im Durchschnitt kommt Rönisch im Monat auf 800 Euro, die Künstlersozialkasse bezahlt das Nötigste. "Man kommt über die Runden und liegt dem Staat nicht auf der Tasche", sagt Rönisch. Das ist ihr wichtig.

Viele Unternehmen nutzen mittlerweile die Dienste von Netzarbeitern wie Rönisch. Doch bisher war wenig über die Leute bekannt, die kleine Arbeiten für kleines Geld im Netz erledigen. Die Hans-Böckler-Stiftung hat nun erstmals diese Arbeitsform empirisch untersucht. Der typische Crowdworker ist demnach Mitte 30, ledig und hat Abitur. 38 Prozent der befragten 434 deutschen Crowdworker sind Freiberufler oder Selbständige, 19 Prozent Studenten, 20 Prozent haben einen anderen Vollzeitjob - denn für den überwiegenden Teil der Befragten ist die Arbeit in der Crowd ein Nebenverdienst.

Die Autoren der Studie unterscheiden zwischen verschiedenen Sorten der Crowdarbeit. So gibt es etwa Plattformen wie Clickworker, auf denen Unternehmen ihre Aufgaben in winzige Arbeitsteile zerlegen, die Nutzer dann für Cent-Beträge erledigen können. Andere Anbieter suchen etwa nach Autoren für anspruchsvollere Texte, nach Grafikern oder nach Menschen, die gegen Geld Apps testen oder ihre Ideen einbringen. Viele der Crowdworker nutzten mindestens zwei, manchmal aber auch bis zu 25 unterschiedliche Internetseiten, um an diese Aufträge zu kommen.

Mehr als die Hälfte der Crowdworker ist nicht sozialversichert

Bei den Webseiten, die nach qualifizierten Autoren suchen, ist der Anteil der hauptberuflichen Crowdworker mit 28 Prozent am höchsten. Sie verdienen dort im Schnitt 1500 Euro.

Von den Mikroaufträgen leben dagegen bloß sechs Prozent. Die Plattform Clickworker gibt etwa an, dass von ihren mehr als 700 000 registrierten Nutzern bloß vier Personen etwa 2000 Euro im Monat erwirtschaften.

Im Durchschnitt verdienen Crowdworker mit Kleinstarbeiten nur 144 Euro im Monat, qualifizierte Texter und Grafiker erwirtschaften durchschnittlich 660 Euro im Netz.

Diana Rönisch schaltet meist schon um sieben Uhr morgens ihren Laptop an. Wenn die Kinder aus der Schule kommen, macht sie eine kurze Pause. Mal endet ihr Arbeitstag um 20 Uhr, mal arbeitet sie auch bis tief in die Nacht. Sie betreut mittlerweile mehrere Blogs und Auftraggeber. Und wie das so ist: Oft kommen alle Aufträge gleichzeitig. Einige Crowdworker, fanden die Forscher der Hans-Böckler-Stiftung heraus, arbeiten bis zu 80 Stunden in der Woche.

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Rönisch musste sich ihren guten Ruf in der Crowd erst aufbauen, so läuft das Geschäft. Üblicherweise müssen Texter und Grafiker zunächst mit Kleinstarbeiten ihr Können unter Beweis stellen, um dann besser bezahlte Jobs zu erhalten. Umgekehrt gebe es für sie kaum Möglichkeiten, die Arbeitgeber zu bewerten, kritisieren die Forscher. Denn auch wenn die Mehrheit der Arbeiter ihr Verhältnis zu den Auftraggebern und Plattformen als positiv empfindet - sie würde eine Festanstellung bevorzugen.

Denn ein Streit mit der Plattform kann drastische Folgen haben. So stritt sich die Seite Clickworker vor Kurzem mit etwa 20 Nutzern um eine falsch programmierte Umfrage. Für Cent-Beträge nahmen die Nutzer immer wieder an ihr teil. Das sei Betrug, sagte das Unternehmen und sperrte die Zugänge der betroffenen Arbeiter. Eine Berlinerin protestierte gegen die Sperrung, schrieb den Betreibern viele Mails. "Wegen heftiger Diskutiererei" habe man sie nun endgültig gesperrt, sagt eine Sprecherin. "Das macht mich wütend", erklärt die Freiberuflerin. Sie war vier Jahre lang bei Clickworker, "ich habe gut getextet", sagt sie. Doch in der Crowd gibt es eben keinen Chef und keine Personalabteilung, sondern nur ein Community Management.

Viele Crowdworker schätzten zwar die flexiblen Arbeitszeiten, sagt der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds, Reiner Hoffmann. Doch die Studie zeige ebenso die Auswüchse der neuen Branche, wie etwa Niedriglöhne oder eine totale Überwachung via Tastatur und Kamera. "Die Crowdworker haben auch das Recht auf eine Interessenvertretung", sagt Hoffmann. Zudem weise die Studie darauf hin, dass mehr als die Hälfte der Crowdworker nicht sozialversichert ist - das sei eine "Schutzlücke". Er fordert, Betreiber und Auftraggeber an den Kosten der Altersvorsorge zu beteiligen.