Streamseite Redtube Löchriges Gutachten bringt Porno-Abmahner in Bedrängnis

Pornoportal Redtube: Abmahnanwälte unter Druck

Wie kamen sie an die IP-Adressen der Redtube-Nutzer? Ein jetzt aufgetauchtes, fragwürdiges Gutachten birgt neuen Ärger für die Hintermänner der Abmahnwelle. Doch auch für einige Kölner Richter ist das Papier eine Blamage.

Von Johannes Boie

Auf Seite Drei ist Platz für eine kleine Selbsteinschätzung: "Dr. Frank Schorr ist promovierter Physiker und Patentanwalt mit 18 Jahren Berufserfahrung", und als solcher "mit den Technologien der Informationsverarbeitung und Informationsübertragung über das Internet in einem Maß vertraut, welches über das für die vorliegende Untersuchung notwendige Maß weit hinausgeht", steht da.

Dick auftragen, das klappt offenbar gut in der Münchner Kanzlei Diehl und Partner. Die Frage ist, warum 18 Jahre Berufserfahrung den promovierten Physiker Dr. Frank Schorr, der bei Diehl und Partner geschäftsführender Partner ist, nicht davon abgehalten haben, ein paar Punkte in einem ziemlich wichtigen Gutachten außer Acht zu lassen.

Tragisch für Tausende Deutsche

Er hat damit seiner Mandantschaft wohl keinen Gefallen getan, aber vor allem sich selber nicht. Denn Schorr rückt jetzt in den Mittelpunkt eines juristischen Theaterstücks, das kurz vor Weihnachten 2013 als Drama begann, mittlerweile aber eher zur Tragikomödie wird. Lachen können die unbeteiligten Zuschauer, tragisch ist es aber für Tausende Deutsche, die kurz vor Weihnachten Post vom Regensburger Rechtsanwalt Thomas Urmann bekamen, mit einer Abmahnung, 250 Euro seien fällig, weil man auf der Pornovideoseite Redtube einen urheberrechtlich geschützten Film gesehen habe.

Urmann übernahm mit den Schreiben den letzten Schritt in einem aufwendigen Verfahren, an dem Anwälte und Firmen beteiligt sind. Die Firma The Archive soll die Rechte an den beanstandeten Filmen besitzen. The Archive ist eine dubiose Firma, von der bei einer Recherche im Dezember am Firmensitz in der Schweiz nicht viel mehr als ein Briefkasten zu finden war. Eine von The Archive beauftragte Person, Andreas Roschu aus Bayern, soll dann mit der Software GladII die IP-Adressen von Menschen gespeichert haben, die sich die Filme auf Redtube angesehen haben.

GladII soll vom Unternehmen itGuards aus den USA hergestellt worden sein, das auf E-Mails nicht reagiert. Die IP-Adressen reichte der Berliner Rechtsanwalt Daniel Sebastian, der seit Wochen weder E-Mails noch Telefonanrufe beantwortet, beim Kölner Landgericht ein, um sich dort genehmigen zu lassen, bei der Telekom die zu den IP-Adressen passenden Postadressen zu erfragen, damit die Abmahnungen verschickt werden konnten. Diesen letzten Schritt übernahm der Rechtsanwalt Thomas Urmann, der sich seither darauf beruft, dass er mit allem, was vor seiner Aufgabe geschah, im Grunde nichts zu tun habe.

Juristisches Spektakel

Doch der Fall wurde in den vergangenen Wochen zum juristischen Spektakel. Mehr und mehr geraten anstelle der Abgemahnten nun die Abmahner unter Druck, sich zu verteidigen. Viele Details des Falles verdichten sich nach Meinung zahlreicher Juristen längst zu einem Betrugsverdacht. Vollkommen ungeklärt war bislang, wie Roschu mit dem Programm GladII überhaupt die IP-Adressen von Video-Nutzern gespeichert haben will. Entsprechende Technik, sagen IT-Experten, müsse entweder auf illegale Art und Weise funktionieren - oder sie funktioniere überhaupt nicht.

Genau zu diesem Sachverhalt hat der promovierte Physiker Frank Schorr ein Gutachten verfasst, das bislang weder das Landgericht Köln, noch Schorrs Kanzlei Diehl und Partner veröffentlichen wollte. Doch jetzt erhielt die Rechtsanwaltskanzlei Müller Müller Rößner aus Berlin eine Kopie, die sie im Netz veröffentlicht hat.