Opfer bei Protesten in Kairo Ägyptisches Totenbuch 2.0

Zum Beispiel Mostafa. Da liegt sein toter Körper mit drei Kugeln im Kopf. Eine Aktivistin erstellt im Internet eine Liste der Todesopfer in Ägypten - es ist eines der heftigsten Dokumente der Gewalt.

Von Alex Rühle

Es ist Trauerarbeit im wörtlichen Sinn: Auf Google versucht die amerikanische Menschenrechtsaktivistin Joanne Michele mit Hilfe von Augenzeugenberichten aus Kairo, Alexandria oder Suez, die Toten des ägyptischen Aufstands zusammenzutragen. Auf den ersten Blick macht Michele das auf die denkbar nüchternste und sprödeste Art und Weise, in Gestalt einer Google-Tabelle, wie man sie für Buchhaltungen verwendet: Die Kolonnen tragen die Bezeichnungen Name, Alter, Beruf, Ort, Datum, Anmerkungen, Bild. Mehr nicht.

Zum Beispiel Ahmed Ehab Mostafa, 29 Jahre alt. Am 28. Januar war er auf dem Tahrir-Platz in Kairo. In der Rubrik Anmerkungen steht: "Von den sechs Gummigeschossen trafen ihn drei im Gesicht, eines im Auge. Er fiel ins Koma und starb am 3. Februar im Al-Azhar-Universitätskrankenhaus. Das Krankenhaus weigert sich, den Hinterbliebenen den Toten auszuliefern, solange die Familie nicht unterschreibt, dass er bei einem Autounfall starb."

Klickt man dann auf den Link in der danebenstehenden Bilderrubrik, lächelt einen Ahmed Ehab Mostafa an: Ein junger Mann im roten T-Shirt, an einem Abend an einer Straßenecke aufgenommen, so offen und strahlend, wie er in die Kamera blickt, wahrscheinlich von einem Freund oder seiner Freundin. Dieses Bild aufzumachen, nachdem man gerade gelesen hat, wie Mostafa starb, ist, als liefe man mit dem Gesicht gegen einen Betonpfeiler: Mostafa schaut einen aus der Mitte seines Lebens an. In der Spalte daneben liegt sein toter Körper mit drei Kugeln im Kopf in einem Kühlraum und wartet darauf, dass seine Eltern eine Lüge unterschreiben.

Die meisten der Fotografien stammen von der Facebookseite "Martyrs of Freedom", die ebenfalls einiger Toter gedenkt. Sind es hier aber nur einzelne Fotos, zusammengetragen von einer Privatperson, ohne den Kontext anzugeben, versucht "Killed in Egypt" ein ägyptisches Totenbuch unserer Tage zu sein: Ägyptische Blogger und Augenzeugen sollen dabei helfen, die Liste zu vervollständigen.

Das Projekt erinnert an das Projekt des Künstlers Ai Weiwei, 2008 die toten Kinder von Sichuan zu zählen. Nach dem verheerenden Erdbeben in der Nordprovinz Chinas versuchten die Behörden die Namen der Toten zu verschweigen. Zu offensichtlich war die Tatsache, dass die meisten Kinder nur gestorben waren, weil die Behörden beim Bau der Schulen geschlampt hatten. Ai suchte per Internet Freiwillige, die durch die Dörfer zogen, um Listen der Verstorbenen zu erstellen. So kam heraus, dass bei dem Beben 5862 Kinder gestorben waren.

Gerade die buchhalterische Spröde macht Micheles Liste so ergreifend. Die jeweilige Anmerkung, die sich jedes Kommentars enthält, ist das Gegenteil einer einbettenden Erklärung, sie wirkt eher wie das sprachliche Polaroid eines willkürlichen Gewaltaktes: Nijat Gojayev, Buchhalter an der aserbaidschanischen Botschaft, getötet von einem Querschläger.

Sally Magdy Zahran, totgeprügelt, starb an Knüppelschlägen auf den Hinterkopf. Mag ja sein, dass Facebook und Twitter die Revolution in Ägypten nicht so stark beeinflussten, wie das einige euphorische Blogger behauptet haben. "Killed in Egypt" aber ist einmal mehr Beleg für die Kraft und intelligente Wirkmacht sozialer Netzwerke. Die Seite ging am Donnerstag in Washington online, am Freitagmorgen hatte sie sich quer durch Ägypten verbreitet.