Markus Beckedahl Bürgerrechtler am Bildschirm

Der Lobbyist und Blogger Markus Beckedahl nimmt Einfluss auf die deutsche Internet-Politik. Er ist die Speerspitze der mächtigen Bewegung aus dem Netz.

Von Johannes Boie, Berlin

In den vergangenen Jahren haben Deutschlands politische Blogger gezeigt, wie groß ihre Macht ist. Mit ihrer Kampagne gegen die Vorratsdatenspeicherung schafften es die Netz-Lobbyisten bis vors Bundesverfassungsgericht. Ihr Einsatz gegen Internetsperren konnte zwar ein entsprechendes Gesetz nicht verhindern, wohl aber dessen Anwendung.

Immer vorne mit dabei war und ist Markus Beckedahl, ein 33-jähriger Berliner. Er koordiniert nicht nur Proteste im Netz und auf der Straße, vor allem über seine Webseite netzpolitik.org, sondern ist auch Mitorganisator der Berliner Web-Konferenz "Re-Publica", die an diesem Mittwoch beginnt. Auf der Konferenz treffen sich Internetprofis aus der ganzen Welt und diskutieren viele Facetten des digitalen Wandels: die Auswirkungen des Netzes aus politischem, ökonomischem und kulturellem Blickpunkt.

Beckedahls Webseite wird täglich von bis zu 35.000 Menschen gelesen. Viele davon sind Journalisten, Politiker oder selbst Blogger. So wird Beckedahls Meinung weiterverbreitet. Die Meinung des Rheinländers ist klar definiert: Anders als manche seiner Leser glauben, ist Beckedahl kein Journalist - sondern ein Lobbyist: Er setzt sich dafür ein, dass die digitalen Möglichkeiten des Internets von der Politik wahrgenommen, genutzt, gefördert, aber nicht beschnitten werden. "Ich kämpfe für die Offenheit des Netzes, für digitale Innovation, Bürgerrechte im Internet und eine Reform des Urheberrechtes", sagt Beckedahl.

Um die Konferenz in Berlin zu organisieren, greift er auf die von ihm gegründete Firma Newthinking zurück. Er gründete sie als 25-Jähriger, vor allem um Software zu verkaufen. Das klappte nicht, wie vorgesehen.

Schon immer politisch interessiert

Heute ist die Firma vor allem beratend tätig: 15 Mitarbeiter helfen etwa Parteien und politischen Stiftungen bei Strategiefragen rund um den Online-Bereich, unter anderem dem Goethe-Institut und der Bundeszentrale für politische Bildung. Für den Lobbyisten sind solche Kontakte mehr als reine Auftraggeber: Auch als Berater verkauft er nicht nur Webseiten, sondern auch seine eigene Theorie vom freien Netz.

Dabei hat Beckedahl nie studiert, sondern eine Ausbildung zum Kaufmann hinter sich. Politisch interessiert war er allerdings schon immer. Bei den Grünen wurde er als Jugendlicher vor allem deshalb Mitglied, weil es in dem kleinen Dorf vor den Toren Bonns, in dem er aufwuchs, keine Greenpeace-Gruppe gab. Im Jahr 2001 zog Beckedahl dann nach Berlin und brach mit der Parteipolitik. Er habe genug gehabt von Gremien und Sitzungen, sagt er. Bei Wahlen fragt er sich seitdem, ob nicht ein "noch kleineres Übel als die Grünen" sein Kreuzchen verdient haben könnte.

Was er heute macht, bezeichnet Beckedahl selbst als "Netzpolitik". Damit beschreibt er nicht nur den Inhalt seiner Arbeit, sondern auch seine Arbeitsweise. Schnittmengen mit seiner Meinung weisen oft die Grünen auf, gelegentlich die Sozialdemokraten und immer dann, wenn es um weniger Kontrolle des Internets geht, auch die Liberalen.

Doch ihn kümmern weder Parteidisziplin noch Lobbyisten großer Unternehmen. Gelegentlich soll Beckedahl auch auf Absprachen unter Kollegen pfeifen, sagen gleichgesinnte Aktivisten. Eine exklusive Meldung auf seinem Blog sei ihm oft wichtiger als kollegialer Umgang, sagen Kollegen, die ihn gut kennen.