Lesegewohnheiten Geschwindigkeit, nicht Lesegenuss

Es geht dabei nicht um Lesegenuss, sondern um Geschwindigkeit. Um das effiziente Erfassen der vielen Botschaften, Tweets und Mails, mit denen der moderne Mensch konfrontiert ist. Die Digitalisierung hat diese Form des Publizierens demokratisiert und vor allem beschleunigt. Entgegen aller kulturpessimistischer Sorge ist man heute mit viel mehr Text konfrontiert als vor dreißig Jahren. In der nächsten Phase der digitalen Revolution helfen Modelle wie Spritz, diese schneller und effizienter zu erfassen. Denn der unschätzbare Wert von redicle und ORP liegt in deren geringer Größe: Ein redicle braucht weniger Platz als eine Zeitungsseite oder ein Bildschirm, es braucht auch weniger Platz als ein Smartphone-Display, es kann theoretisch auf dem Zifferblatt einer Uhr oder der Innenseite einer Brille angezeigt werden.

Das sind die Orte, um die sich Handy-Hersteller und die großen Türwächter des Web gerade streiten. Sogenannte Smartwatches und Datenbrillen wie Google Glass werden als tragbare Computer die Rolle übernehmen, die Handys heute haben: Kommunikationszentrale für Austausch und Inhalte. Mit einer Lesetechnik wie Spritz werden auch diese kleinsten Displays zu Leseflächen. Ein Text braucht keine Seitenbreite mehr, sondern Platz für ein Wort (ein redicle) und die digitale Darstellung. Deshalb werden die Macher ihre neue Lesetechnik in der kommenden Woche auch auf einer Mobilfunk- und nicht auf einer Buchmesse präsentieren. Doch auch für die klassische Kulturbranche wird diese Erfindung Folgen haben.

Die Hersteller kleinster Displays und digitale Inhaltsvermarkter schauen bereits mit Interesse auf den ORP. Denn dieser ermöglicht dem Lesenden höhere Geschwindigkeit. Anbieter versetzt er aber auch in die Lage, mehr über die Lektüre zu erfahren und sie ganz anders zu vermarkten. Das wirkt verstörend: Eine neue, fremde Welt, in der Autoren plötzlich erfahren können, an welchen Stellen ihre Leser am häufigsten die Lektüre abbrechen. Ein ungewohntes Umfeld, in dem Verlage Texte nun nicht mehr nur im Paket (Buch) verkaufen können, sondern nach der Anzahl der tatsächlich gelesenen Wörter (Pay per Word).

In diesen neuen Räumen werden Texte zu Software, die nicht mehr von den Optionen des Trägermediums Papier geprägt ist, sondern den Bedingungen des Digitalen gehorcht. Wer mit der Produktion von Texten Geld verdienen will, sollte sich diesen Wandel sehr genau anschauen. Er könnte ähnlich chaotische Folgen haben wie die Revolution des Publizierens.