Kommunikation im Internet Internet-Kommunikation ist anfällig für Missverständnisse

Man muss nicht der verlorenen guten alten Zeit des Analogen nachtrauern. Man muss nur wissen, dass es so ist: Die neuen Medien suggerieren den Kick des Außergewöhnlichen, des Besonderen, der Bestätigung eigener Ansichten und eigener Bedeutung als Lebensnormalität. Festzustellen ist daher, dass das, was Soziologen die Effekte der "Computervermittelten Kommunikation" (CVK) nennen, einen nennenswerten Einfluss auf die Kommunikation von Menschen hat. Der Einfluss zeigt sich in Formen des Umgangs miteinander - doch zuallererst im Wandel der Sprache.

Dieser Wandel vollzieht sich auf verschiedenen Ebenen. In der Sprachwissenschaft weiß man seit Wittgenstein, Austin und Searle, dass Sprechen Handeln ist. Nun wird man diese Sprechhandlung für die computervermittelte Kommunikation um einen wesentlichen Aspekt erweitern müssen: Kommunikation im Netz ist Sprach-Performance. Dass man für die neue Netzsprache Theater und Darstellung hinzudenken muss, hat zwei Gründe.

Zum einen: Die vor allem textbasierte Internet-Kommunikation läuft synchron wie in Echtzeit ab, sie ist aber medial vermittelt. Das macht sie anfällig für Missverständnisse. Die Netzsprache musste daher zuerst einen Ersatz für den Verlust aller nonverbalen Aspekte der Kommunikation finden. So haben sich "Emoticons" ( :- ) wie Sound- und Aktionswörter (lol, *hihi*) als sehr hilfreich erwiesen, die den Sätzen die gemeinte Bedeutung beilegen und sie bekleiden wie Theaterkostüme.

Verweisen ist einfach, kluge Gedanken nicht

Zum anderen: Die Sprache wird flacher. Ein Großteil der Postings auf Twitter und Facebook sind Verweise und Zitate. Man "verlinkt" ins Netz und macht darauf aufmerksam, dass etwas anderes da ist. Dieses Zeigen ist nur auf den ersten Blick reines Hinweisen. Tatsächlich belegt hier der Fund den Finder. Dieser untermauert damit, dass er originelle Informationen für seine Gruppenfreunde heranzuschaffen vermag - und somit selbst originell ist. Verweisen ist einfacher, als selbst kluge Gedanken zu entwickeln.

Der niederländische Netzkritiker Geert Loovink hat in einem Zeit-Interview gesagt: "Das Entscheidende im Netz von heute sind nicht Nachrichten und Meinungen, sondern Selbstdarstellung und Selbstreflexion." Seiner Ansicht nach schauen die Menschen "in einen neuen technischen Spiegel, der ihnen Auskunft darüber gibt, in welchem Maß sie lebendig sind." Sie kreisen - jeder für sich - um sich selbst.

Am schärfsten diagnostiziert hat diese Selbstsucht im Netz der Evolutionsbiologe Mark Pagel von der University of Reading. Durch das spracharme Verweisen komme man "einfach nicht mehr auf neue Ideen. Muss man ja auch nicht. Je mehr wir vernetzt sind, umso mehr können wir kopieren. Wir müssen nichts mehr erfinden, denn Google und Facebook lehren uns, dass neue Ideen leicht zu haben sind. Es könnte sogar sein, dass fügsame, gelehrige Kopisten jetzt erfolgreicher sind als diejenigen, die innovativ sind. Das hat es in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben."

Diesen Verdacht hegte schon vor Jahren Zachary "Spokker Jones" Gutierrez, der Autor der Comedy-Website Something Awful. Er schrieb: "In vierzig Jahren, wenn das Netz in einer gigantischen Implosion von Dummheit zusammengebrochen sein wird, möchte ich sagen können: ,Ja, ich bin dabei gewesen!'"