iPad Mini Apple startet die Evolution

Die Premiere für das iPad Mini, ein überarbeitetes iPad und ein erst wenige Wochen altes iPhone: Apple startet so kraftvoll wie noch nie ins lukrative Weihnachtsgeschäft. Da macht es nicht mal was aus, dass sich das neue iPad Mini kaum von konkurrierenden Produkten abhebt.

Von Pascal Paukner

Es ist schon wahr, was Apple-Chef Tim Cook ganz am Ende der 75-minütigen Produktpräsentation am Dienstagabend sagte. "2012", so Cook, "ist ein unglaubliches Jahr für Apple." Wer könnte das leugnen? Die Zahlen sind eindeutig: Apple ist in diesem Jahr zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufgestiegen. Neue Produkte wie das iPhone 5 oder das im Frühjahr eingeführte iPad der dritten Generation verkaufen sich in immensen Stückzahlen. Beim neuen Smartphone sollen es am allein am ersten Wochenende fünf Millionen Geräte gewesen sein, wie Cook sagt. Das iPad wurde in zweieinhalb Jahren 100 Millionen Mal verkauft. Dieser Erfolg wird sich fortsetzen - zumindest vorerst.

In wenigen Wochen beginnt das Weihnachtsgeschäft, trotz andauernder Wirtschafts- und Finanzkrise die Zeit des Jahres in denen die Computerhersteller noch immer das ganz große Geschäft machen. Apple, das ist jetzt klar, ist für diese Zeit des Jahres so gut aufgestellt wie schon lange nicht mehr, wahrscheinlich sogar so gut wie noch nie. Fünf neue Geräte präsentierte das Unternehmen am Dienstagabend. Hinzu kommt: Das iPhone 5 ist auch erst seit wenigen Wochen im Handel.

Die größte Überraschung des Abends ist wohl, dass Apple sein erst vor einem halben Jahr erneuertes iPad nochmals an den technologischen Fortschritt anpasst. Die vierte Generation des iPads kommt mit einem deutlich schnelleren A6X-Chip, dem beim iPhone 5 eingeführten Lightning-Connector und ist künftig auch in Deutschland mit dem superschnellen Datenfunk LTE erhältlich. Der Preis bleibt gleich. Das war's im Wesentlichen.

Evolution ist lukrativer

An diesem Schritt wird auch ein Kulturwandel bei der Firma Apple deutlich, der sich schon lange abzeichnet. Statt auf technologischen Revolutionen setzt der Konzern auf Evolution. Das hat einen einfachen Grund: Evolution ist für Apple deutlich lukrativer. Weil die Entwicklungskosten geringer sind. Weil die Gefahr, am Kundeninteresse vorbei zu entwickeln, sinkt. "Never change a running system", sagen Informatiker gerne. Inzwischen ist das die Maxime, nach der Apple seine Hardware entwickelt.

Das gilt auch für die erste neue Produktsparte seit einiger Zeit. Das iPad Mini unterscheidet sich in seiner technischen Ausstattung kaum von früheren Versionen des iPads. Trotzdem wird der Erfolg für Apple hier beschwerlicher: Das iPad Mini reiht sich mit seinem 7,9-Zoll-Display in einen hart umkämpften Markt ein. Amazon mit seinem Kindle Fire HD für 159 Dollar, Google mit dem Nexus 7 für 199 Dollar und Samsung mit Galaxy Tab 2 7.0 für circa 219 Dollar sind hier technisch mit dem Konkurrenten auf Augenhöhe. Den Vorsprung, den Apple bei der Einführung des ersten iPads hatte, ist längst dahin.

Der große Wurf ist Apple mit dem Mini nicht gelungen. Die Entwickler haben sich nicht getraut, konzeptionell allzu weit vom großen iPad abzurücken. Mit 7,9 Zoll ist das iPad größer als viele der kleinen Konkurrenten. Die technische Ausstattung ohne Retina-Display überzeugt ebenso wenig wie der Preis (in Deutschland beginnt der bei 329 Euro. mit LTE ab 459 Euro). Apple-Anhänger nicht und schon gar nicht Apple-Anleger. Die Aktie des Unternehmens sackte am Abend um 2,3 Prozent ab.

Die Ära Cook hat begonnen

Das ist nicht weiter dramatisch, das Gerät wird sich dennoch ordentlich verkaufen. Bei der Entwicklung scheint Apple gerade auch die zahlungskräftigen Leser von E-Books vor Augen gehabt zu haben. Das digitale Bücherregal iBooks wurde komplett überarbeitet, zudem ging Firmenchef Tim Cook explizit auf die zunehmende Bedeutung von E-Books und digitalen Lehrinhalten in der Schule ein. Ein gigantischer, noch weitgehend unerschlossener Markt - nicht nur in den USA.

In den vergangenen Monaten ist viel über das iPad Mini geschrieben worden. Oftmals stand hinter all dem, wenn auch unausgesprochen, die Frage, ob mit dem iPad Mini die Ära des Steve Jobs bei Apple zu einem endgültigen Ende gekommen sein könnte. Schließlich war es der Firmengründer selbst, der einer solchen Geräteklasse eine Absage erteilt hatte. Jobs hielt die Idee, eine kleinere Version des iPads zu produzieren für unsinnig. Wolle man ein solches Gerät am Markt platzieren, müsse man Schmiergelpapier für die Finger der Nutzer gleich mitliefern, soll der ehemalige Apple-Chef gesagt haben.

Jetzt baut und verkauft Apple das iPad Mini doch. Gut möglich dass sich der einstige Apple-Chef heute anders entscheiden würde. Die Entscheidung, das iPad Mini in dieser Form auf den Markt zu bringen, hat aber Tim Cook getroffen. Seine Ära hat mit dem heutigen Tag endgültig begonnen. Es ist keine Revolution.