Finfisher-Entwickler Gamma Münch verspricht einen Menschenrechtsbeauftragten - sich selbst

In der ungeliebten Öffentlichkeit steht Gamma seit dem arabischen Frühling. Ägyptische Protestler fanden in einer Behörde ein Angebot der Firma an ihre gestürzte Regierung, einen Kostenvoranschlag für Software, Hardware, Training, 287.137 Euro. Eine Lieferung habe es nie gegeben, behauptet Münch.

Für Andy Müller-Maguhn ist Gamma trotzdem ein "Software-Waffenlieferant". Er hat eine Webseite zu dem Thema aufgesetzt mit dem Namen buggedplanet.info. Dort protokolliert er Unternehmensdaten, Presseberichte, verwickelte Personen. Müller-Maguhn war früher Sprecher des Chaos Computer Clubs. Ein Video auf Youtube zeigt, wie er sein Projekt 2011 auf der Jahreskonferenz des deutschen Hackervereins präsentiert. Müller-Maguhn ruft seine Seite über Münch auf; die erscheint auf einer Leinwand, mit Geburtsdatum, Privatadresse und Foto von Münch. Der steigt da gerade aus einer Cessna, mit Sonnenbrille und Fliegerjacke, und sieht ein bisschen proletenmäßig aus. Müller-Maguhns Zuschauer lachen.

Seine Webseite ist auch ein Pranger. "Dass ihre privaten Details in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, halte ich für sehr fair, wenn man sich anschaut, was die mit den Leben anderer gemacht haben", sagt Müller-Maguhn auf der Bühne. "Ich glaube, das ist ein Weg, damit die Leute über Privatsphäre nachdenken." Applaus und Jubel sind kurz lauter als seine Stimme. Er zuckt mit den Schultern. "Sie wollten nicht am öffentlichen Diskurs teilnehmen. Das wäre vielleicht die Alternative."

Seit seine Adresse bekannt ist, bekommt Münch Postkarten, auf denen nur steht: "Ich habe ein Recht auf Privatsphäre." Kein Absender.

Spricht Münch über seine Kritiker, klingt er ehrlich entrüstet: "Wir haben immer dieses Bad-Boy-Image. Ist aber kein schönes Gefühl." Zumal es unverdient sei: "Manche Leute sagen: ,Das mag ich nicht, das geht ins Privatleben.' Aber die Tatsache, dass sie es nicht mögen, heißt nicht, dass wir etwas Illegales machen." Er selbst finde zum Beispiel die Fernsehsendung Deutschland sucht den Superstar "scheiße", aber deswegen sei die nicht illegal.

Trotzdem verspricht Münch nun eine Wende, mehr Transparenz, echte Konsequenzen. Im Gamma-Vorstand solle es demnächst einen Menschenrechtsbeauftragten geben. Den Titel werde wohl er selbst bekommen, sagt Münch. Das ist heikel. Nach einem mehrstündigen Gespräch bleibt der Eindruck, dass der moralische Kompass des Martin Münch keine Nadel hat. "Ich bin politisch neutral", sagt er.

Doch immerhin lässt er einen Verhaltenskodex schreiben, der den Export in Länder ausschließen soll, die Menschenrechte verletzen. Gamma sei mit zwei Menschenrechtsgruppen in Kontakt, Namen nennt er nicht. In Grenzfällen sollen sie als Berater mitarbeiten. Denn er selbst traut sich eine klare Unterscheidung nicht zu: Schließlich folterten auch die USA in Guantanamo - seien sie deshalb ein Unrechtsstaat? "Wie viel Folter ist noch akzeptabel?" fragt Münch. Sollten aber sämtliche Menschenrechtsorganisationen einen Staat verurteilen, wird Gamma keine Produkte mehr dorthin verkaufen, sagt er - selbst wenn das Land noch nicht auf den rechtlich verbindlichen, staatlichen Warnlisten auftaucht. Ein kleines Versprechen gegen große Aufruhr.

Der Skandal, sagt Münch, habe ihn unglaublich überrascht: "Software foltert keine Leute." Er könne die Aufregung nicht verstehen. "Ich finde es gut, dass die Polizei ihren Job macht." Die Bösen jagen. In Bahrain heißt das: politische Gegner.