Digitale Revolution Schulen und Universitäten müssen reagieren

Die Massenmedien werden in diesem allgemeinen Kampf um Aufmerksamkeit keineswegs unwichtig. So etwas glauben nur aufgeregte Social-Media-Berater, die mit solchen Ansagen ihr Geld verdienen müssen (wenn sie es überhaupt glauben und nicht nur sagen). Die rein netzinterne Erregung verpufft in der Regel sehr schnell. Die gesellschaftlich wirksame Empörung, die etwa den Rücktritt eines Politikers auslöst oder ein Unternehmen tatsächlich zum Handeln zwingt, braucht notwendig den Medienmix, die machtvolle Intervention von Zeitungs-, Fernseh- und Radiomachern.

So bilden klassische Leitmedien, etablierte Online-Magazine und das aus der Ohnmacht entlassene Publikum im digitalen Zeitalter ein Wirkungsnetz eigener Art - und alle gemeinsam verändern sie das Klima in dieser Republik. Die Folgen: Es regiert, erstens, ein neuer Geschwindigkeitsrausch, ein allgemeiner Schnelligkeitswettbewerb - und zwar universal und in allen Medien. Es dominiert, zweitens, bei Politikern und Unternehmen eine neue Ängstlichkeit, eine verzagte Verkrampftheit: Man will nicht derjenige sein, der die digitale Normpolizei provoziert und sich damit den nächsten Shitstorm einhandelt.

Und es zeigen sich, drittens, neue Asymmetrien, für unsere aktuelle Medienwirklichkeit charakteristische Missverhältnisse zwischen Ursache und Wirkung, Anlass und Effekt. Schon ein einzelner, idiotischer Filmtrailer, in dem der Prophet Mohammed verunglimpft wird, kann blutige, mörderische Gewaltausbrüche hervorrufen und im Extremfall im globalen Hassbeben enden.

Lehrpläne müssten sich verändern

Auf ein Leben im Wirkungsnetz plötzlich aufschäumender medialer Aufmerksamkeitsexzesse ist jedoch niemand wirklich vorbereitet. Denn dieses Leben braucht ein anderes Gespür für Netzwerk-Kausalität und eine Ahnung von den prinzipiell gewaltigen Wirkungsmöglichkeiten, die man eben auch als ein Zehnjähriger besitzt, wenn man seine Spaß- und Spottvideos ins Netz stellt.

Im Umgang mit den Web-2.0-Technologien zeigt sich ein noch unentdeckter, noch unverstandener Bildungsauftrag, der an den Schulen und Universitäten die Lehrpläne verändern müsste. Natürlich, es gibt längst zahlreiche Kurse in Sachen Medienkompetenz. Und es ist vermutlich auch irgendwie nützlich, wenn alle PowerPoint lernen und die neueste Spielerei in einem Computerpool ausprobieren dürfen. Aber das reicht bei Weitem nicht aus.

Die Phase der mentalen Pubertät im Angesicht der digitalen Revolution kann nur einem reiferen Gebrauch weichen, wenn jeder versteht, dass er selbst zum Sender geworden ist. Wenn er lernt, selbst darüber zu entscheiden, was öffentlich wird - die böse Botschaft, die kluge Idee, der irrelevante Quatsch.

Eine neue Ethik der Medien wird notwendig werden, die einen erwachsenen Umgang mit den neuen Möglichkeiten erlaubt. Wir brauchen ein technisch informiertes Training der moralischen Phantasie. Dies ist die entscheidende Schlüsselqualifikation unserer Zeit.