CES in Las Vegas Ein Band, sie zu knechten

Smartwatch von Fitbit. Die Uhr zeigt unter anderem auch Übungsanleitungen für das tägliche Workout an.

(Foto: AFP)

Die Hersteller von Smartwatches und Fitnessarmbändern kämpfen um einen Platz am Körper der Menschen. Dabei gibt es zwei Strategien.

Von Jürgen Schmieder, Las Vegas

Es gibt eine neue Profession für ehemalige Profisportler - die Indizien dafür sind nicht mehr zu leugnen, wie sich auf der Technologiemesse CES in Las Vegas zeigt. Die Ex-Sportler müssen sich nach dem Karriereende nicht mehr in Gurus verwandeln und ihre Ansichten zur sportlichen Weltlage kundtun. Sie müssen auch nicht mehr mit Immobilien spekulieren, als Trainer verzweifeln oder bei Reality-Shows mitmachen. Sie können einfach machen, was sie vorher auch gemacht haben: sich in Form halten und erklären, dass ihnen ein virtueller Tritt in den Hintern zu diesem Prachtkörper und einer höheren Lebenserwartung verholfen habe.

Einer dieser sportlichen Selbstoptimierer ist Tony Gonzalez. Der einstige Footballspieler tritt zwar noch im Fernsehen auf, arbeitet aber für Fit-Star, einer Applikation zur Verbesserung von Fitness und Gesundheit. Davon gibt es viele auf der CES, überspitzt könnte man sagen: Knapp 100 Prozent der Unternehmen auf dieser Messe kämpfen um einen Platz am Körper der Kunden, am Handgelenk, an der Brust, auf dem Kopf. Das liegt daran, dass derzeit knapp 100 Prozent der Menschen beschlossen haben, künftig gesünder leben zu wollen, und dafür virtuelle Hilfe brauchen. Hoffen zumindest 100 Prozent der Hersteller.

Zu beobachten sind dabei zwei Strategien. Es gibt Firmen, die suchen sich in diesem Gesundheits-Urwald eine Nische und ködern die Kunden mit immer präziser arbeitenden Sensoren. Vert etwa rühmt sich, statt Schritte zu zählen, die Intensität der Fortbewegung zu messen und somit eine Trainingseinheit besser zu analysieren. Zepp überprüft über einen an dem Schläger angebrachten Sensor den korrekten Schwung beim Tennis, Baseball oder Golf. Athletec misst bei Kampfsportlern Präzision und Härte der Schläge, Spottracker die Genauigkeit der Würfe von Basketballspielern. Digital Ski hilft Skifahrern beim Suchen und Finden der Balance, Bowflex den Freunden der gehobenen Hantel.

Der bedeutendere, spannendere und härtere Kampf findet jedoch unter den Platzhirschen der Sportartikel- und Technologiebranche statt. Weil kaum jemand zwei Uhren oder Armbänder gleichzeitig tragen möchte, erinnert ihr Werben an die Herr-der-Ringe-Saga: "Ein Band, sie zu knechten . . ."

Das führt zurück zu Gonzalez, der über Fit-Star mit Fitbit verbunden und noch immer der weltweite Marktführer bei den sogenannten Wearables ist - mehr noch: Der Firmenname hat sich zur Produktkategorie entwickelt, jedes Fitnessgerät am Handgelenk wird als "Fitbit" bezeichnet, so wie ein Papiertaschentuch Tempo genannt wird und eine Suche im Internet googeln heißt. US-Präsident Barack Obama trägt ein Fitbit-Armband, wie Gründer James Park am Dienstagmorgen stolz verkündete, durch geschickte Produktplatzierung in Fernsehserien wie "The Big Bang Theory" wurde das Bändchen zum popkulturellen Phänomen.

Park und Gonzalez präsentierten das erste Produkt nach dem Börsengang des Unternehmens vor sechs Monaten, eine Fitnessuhr mit dem Namen Blaze - etwa fünf Stunden später war der Aktienkurs des Unternehmens um mehr als 18 Prozent eingebrochen. Wie konnte das nur passieren?

Nun, es ist eben nicht nur ein verbessertes Armband, das im Mai für 200 Dollar erhältlich sein wird. Es war, wie Park sagte, eine "smart fitness watch", und er gab sich auch redlich Mühe, all jene Sachen vorzustellen, die dieses Gerät kann: erkennen, welche Sportart der Träger gerade betreibt. Den Ruhepuls im Schlaf messen. Ein Trainingsprogramm erstellen. Dazu gibt es austauschbare Armbänder für das achteckige Farbdisplay, eine lange Laufzeit des Akkus und die Möglichkeit zum Anzeigen von Anrufen und Textnachrichten. "Es ist der klassische Fall von 'weniger ist mehr'", sagte Park: "Die Uhr wird die Nutzer nicht überwältigen."

Nun, die möglichen Nutzer, vor allem aber die Anleger waren ganz offensichtlich "unterwältigt" angesichts all der Sachen, die bei dieser Fitnessuhr fehlen: Schutz gegen Wasser etwa oder ein GPS-Tracker - was zahlreiche Freizeitsportler als unabdingbar empfinden und im Vorgänger-Band Surge noch zu finden war. Andererseits sind keine Applikationen anderer Anbieter erlaubt, der Nutzer kann keine E-Mails verschicken oder Musik aus dem Internet abspielen. Das ist bei anderen Smartwatches wie denen der Konkurrenten Apple, Google oder Samsung möglich.

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Fitbit konkurriert mit seinem Hybriden aus Fitness-Armband und Smartwatch nun nicht mehr mit anderen Bändchen-Herstellern, sondern mit den Platzhirschen der Technologiebranche, die ihre Position durch Kooperationen mit Sportartikelherstellern noch ausbauen. Apple etwa arbeitet seit Jahren eng mit Nike zusammen, nun verkündete Under Armour, mit HTC zu kooperieren, und stellte gleich ein komplettes 400-Dollar-Fitnesskonzept mit Waage, Armband und Brustgurt vor. Aber keine Smartwatch. Gründer Kevin Plank will noch nicht Apple oder Google angreifen, sondern erst einmal Nike (die er nur "unseren Konkurrenten" nennt) und Adidas ("unser dümmster Konkurrent"). Und natürlich Fitbit.

Der Kampf um den Körper des Kunden dürfte sich bald intensivieren, denn bei den Fitness-Wearables scheint es ähnlich zu sein wie bei den Smartphones: Kein Mensch braucht mehrere gleichzeitig, eines genügt. Das jedoch wird als Statussymbol angesehen. Und vielleicht ist ein mittelbekannter, ehemaliger Footballprofi nicht die passende Werbefigur für ein neues Produkt, wenn ein Konkurrent wie Under Armour aktive Stars wie den Schwimmer Michael Phelps zur CES einfliegt. Tony Gonzalez muss sich jedoch nicht grämen, er hat ja noch einen Zweitjob als Fernsehguru.