Boom und Streit in San Francisco Sei nicht böse

San Francisco ist beliebt. Viele sagen: zu beliebt.

Die Technikindustrie zieht nach San Francisco. Immer mehr Unternehmen machen sich in der amerikanischen Westküstenstadt breit. Die Mieten steigen. Der Zorn der Verlierer wächst, auch weil sich die Neuankömmlinge aufspielen, als wären nur sie die Guten.

Von Pascal Paukner, San Francisco

Viertel vor zwölf holen die Demonstranten die Pappschilder raus. Zack, zack, eins nach dem anderen. Zwei Minuten dauert das, dann steht die Hauswand voll. Es kann losgehen. Gleich kommen die anderen Genossen. Es ist Mittwoch, eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag in San Francisco. Doch wer in dieser Stadt auffallen will, muss schon mal zu ungewöhnlichen Zeiten rausgehen. Und so kommt es, dass sich innerhalb weniger Minuten zweihundert Gewerkschafter an der Straßenkreuzung versammeln, wo sich die mächtige Van Ness Avenue und die noch mächtigere Market Street in die Häuserschluchten von San Francisco graben. Die Service Employees International Union, eine der wichtigsten Gewerkschaften in Nordamerika, hat zum Marsch auf Twitter gerufen. Jenes Unternehmen, das vor zwei Jahren mitten in der Stadt sein neues, wuchtiges Hauptquartier bezogen hat. Angelockt durch Steuererleichterungen der Stadtregierung.

San Francisco ist in Aufruhr. Die Gewerkschafter sind in diesen Tagen nicht die Einzigen, die einen Groll gegen die Internetindustrie hegen. Fast täglich gibt es Demonstrationen, Kundgebungen und Zusammenkünfte. Denn die erfolgreiche Software- und Internetindustrie zieht Unternehmer und Kapital aus der ganzen Welt an und wirbelt das Sozialgefüge der Stadt durcheinander. Südlich der Stadt beginnt das Silicon Valley, das weltweite Zentrum des digitalen Technikbooms. Viele Produkte und Programme, die heute zum Alltag gehören, wurden hier erdacht. Nirgendwo auf der Welt wird so viel Kapital in junge, aufstrebende Unternehmen gesteckt, nirgendwo entstehen so viele Start-ups.

Doch der Boom im Valley hat auch zu einem Boom in San Francisco geführt. In manchen Vierteln, in denen eben noch Zerfall und Misere das Straßenbild bestimmten, schießen jetzt Bürokomplexe und Apartment-Hochhäuser aus dem Boden. Alle wollen plötzlich nach San Francisco. Internetunternehmen wie Twitter, Instagram, Dropbox und Foursquare sind schon da. Selbst Google, das eigentlich südlich der Stadt in Mountain View angesiedelt ist, vergrößert seinen Außenposten im Stadtteil South Beach still und leise. 61 Prozent aller Büroflächen in der Stadt sind inzwischen an Unternehmen aus der Computer- und Internetbranche vermietet. In Vierteln wie South of Market oder dem Mission District findet sich kaum ein Häuserblock, der nicht von Software-Ingenieuren in Kapuzenpullovern bevölkert wird. Vor vier Jahren zählte die Branche 28 000 Angestellte in der Stadt, zwei Jahre später waren es schon 41 000. San Francisco - die stolze Stadt an der Westküste, Heimat der Gegenkultur, Bastion der Schwulenbewegung - erlebt den zweiten Goldrausch. Doch nicht alle profitieren.

Busse als Symbol für den Kampf um die Stadt

Rooibos-Tee also. Der Kellner nickt und macht sich auf die Suche nach der Thermoskanne. Rebecca Solnit schlägt den San Francisco Chronicle auf. Eigentlich mag sie das Blatt nicht, aber in letzter Zeit hatten die einige gute Berichte, sagt sie. Auch heute gibt es wieder etwas, das ihre Aufmerksamkeit erregt: "Google schickt Expedia auf eine Reise zu den unteren Plätzen in den Suchergebnissen", steht dort als Unteraufmacher im Wirtschaftsteil. Sie schüttelt den Kopf. Solnit, 52 Jahre alt und von Beruf Schriftstellerin, ist zu einer Art Chefanklägerin der Technikindustrie geworden. Eigentlich wollte sie das gar nicht. Der Umweltschutz war ihr Thema. Doch dann erschien vor einem Jahr in der Intellektuellen-Zeitschrift London Review of Books ein Essay von ihr.

Es sollte nur ein öffentlicher Tagebucheintrag sein, eine Bestandsaufnahme. Doch der Beitrag von Solnit wurde ein Hit. Es gibt kaum eine bedeutende Tageszeitung auf dem nordamerikanischen Kontinent, in der nicht zitiert wurde, was Solnit über die Shuttle-Busse der Technologieunternehmen geschrieben hat - jene Luxus-Busse, die in San Francisco inzwischen wie Cable Cars zum Stadtbild gehören, weil sie Massen an Angestellten von der Stadt in die Firmenzentralen im Süden karren. Jeden Morgen raus, jeden Abend rein. "Meistens sind sie glänzend weiß", schrieb Solnit, "mit schwarzen, verdunkelten Scheiben wie Limousinen, und an manchen Tagen halte ich sie für Raumschiffe, mit denen unsere Lehnsherren von einem fremden Planeten gelandet sind, um über uns zu herrschen."

Limousinen, Raumschiffe, Herrschaft - Solnits Vokabular hat eine heftige Debatte angestoßen. Die Busse sind zu einem Symbol geworden für einen Kampf, der in San Francisco inzwischen offen ausgetragen wird. Es geht um die Frage: Wem gehört eigentlich diese Stadt? Immer wieder haben sich Demonstranten deshalb in den vergangenen Monaten den Bussen in den Weg gestellt. Die aufgebrachten Bürger sehen nicht ein, weshalb die Busse nahezu kostenlos die Infrastruktur wie Haltestellen der städtischen Verkehrsgesellschaft nutzen dürfen, während jeder Autofahrer, der dort anhält, mit einem Knöllchen in Höhe von 271 Dollar rechnen muss. Der Konflikt hat sich inzwischen so weit hochgeschaukelt, dass es bei einer Blockade in Oakland vor einigen Wochen sogar zu Gewalt kam, als ein Demonstrant einen Stein durch die Scheiben eines Google-Busses schleuderte.

20.000 neue Einwohner in zwei Jahren

"Die Busse verdrängen die Armen und das führt dazu, dass diese Stadt weniger vielseitig ist", sagt Solnit, deren Rooibos-Tee inzwischen im Wasser zieht. Überall sei es die gleiche Geschichte. Dort, wo die Busse halten, steigen die Mieten überdurchschnittlich. "Wer in der Krankenpflege, als Lehrer oder in einer Fabrik arbeitet, kann sich das nicht mehr leisten", bilanziert Solnit. Die Folge: Die Menschen würden aus der Stadt verdrängt und müssten oft stundenlang mit dem öffentlichen Nahverkehr zur Arbeit in die Stadt pendeln. Dorthin, wo sie früher gelebt haben.

Es ist eine Entwicklung, die sich mit Zahlen leicht untermauern lässt. In den Jahren 2010 bis 2012 hat San Francisco 20 000 neue Einwohner gewonnen. Was die Siedlungsdichte angeht, ist die Stadt nach New York die Nummer zwei in den Vereinigten Staaten. Doch das ist erst der Anfang. Berechnungen zeigen, dass die Metropolregion um San Francisco von derzeit sieben Millionen Einwohner auf neun Millionen Einwohner im Jahr 2040 wachsen wird. Und die Mieten steigen natürlich mit. So werden für eine Zwei-Zimmer-Wohnung schon jetzt gerne mal mehr als 3200 Dollar fällig. Allein im letzten Jahr sind die Mieten im Schnitt um 12,3 Prozent gestiegen. Die Kosten für Wohneigentum legten gar um 16,3 Prozent zu.