Blogaggregator geht offline Rivva: Ein Fluss versiegt

Die Seite Rivva war der beste Zugang zu den oft hermetisch wirkenden Debatten der deutschen Blogosphäre. Nun geht die Seite offline - und lässt uns orientierungslos zurück.

Ein Nachruf von Johannes Kuhn

Gehen und fallen, "Walking and Falling" ist der Blogbeitrag überschrieben, mit dem der Hamburger IT-Tüftler Frank Westphal auf seinem Blog Abschied von Rivva nimmt. Mehr als 180 Kommentare sind inzwischen darunter zu lesen, sie wirken beinahe wie Einträge in einem Kondolenzbuch. "Rivva, du warst toll. Ich werde dich vermissen.", heißt es dort, oder schlicht "NEEEEEIIIINNN".

Oberflächlich gesehen ist Rivva ein Nachrichtenaggregator, aus dem Grundgedanken entstanden, Nachrichten als Fluss zu sehen und genau das herauszufiltern, über das die (deutsche) Blogwelt gerade debattiert. Seit 2007 sammelte die Seite Beiträge von Nachrichtenseiten und meist deutschsprachigen Blogs und setzte sie in Relation zueinander.

Genau das macht die Seite besser als Googles Blogsuche oder andere Aggregatoren - und damit so schwer ersetzbar: Oft hat sie nicht nur Debatten abgebildet, sondern erst möglich gemacht. War ein Blogbeitrag zu einem Nachrichtenartikel bei Rivva zu sehen, stiegen häufig andere Schreiber darauf ein und gaben ihre Meinung dazu zum Besten - je intensiver die Diskussion, desto höher stieg das Thema auf der Seite.

Ein Beispiel für die Funktion der Seite: Im vergangenen Mai wurden einige Blogautoren auf umstrittenen Äußerungen Horst Köhlers zum Afghanistan-Einsatz im Deutschlandradio aufmerksam. Als die Hinweise per Twitter umhergingen und andere Blogs reagierten, tauchte das Thema schnell prominent bei Rivva auf. Wohl auch deshalb entdeckten die Mainstream-Medien die Brisanz von Köhlers Aussagen, die daraufhin einsetzende Kritik war ein wesentlicher Grund für den Rücktritt des Bundespräsidenten wenige Tage später.

Rivva war immer nur so gut wie die Blogosphäre selbst, das hat auch Westphal immer wieder betont. Die Techniklastigkeit der Themen, das ständige Auftauchen der üblichen Verdächtigen waren Kritikpunkte, denen sich auch der Rivva-Vater bewusst war. Auch die schrumpfende Zahl von Blogposts aufgrund der zunehmenden Verlagerung der Kommunikation auf Twitter forderte ihren Tribut.

Kein Geschäftsmodell, nur ein Hobby

Vor allem aber gelang es Westphal mit Rivva nicht, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, dass Programmieraufwand und Enthusiasmus rechtfertigten. Die vor einigen Monaten umgesetzte Idee, mit gesponserten Postings Geld zu verdienen um zumindest die Serverkosten zu tragen, funktionierte mehr schlecht als recht. In den USA wäre ein Konzept wie Rivva wahrscheinlich längst mit Start-up-Kapital unterfüttert worden - ähnlich wie Blogs blieb es in Deutschland ein gutgepflegtes Hobby.

Die Idee einer personalisierten Seite, eines besseren Algorithmus, das alles wird die deutsche Blogosphäre nun nicht mehr erleben - auch weil sie den Dienst, der ihnen als Themenseismograph diente, wohl lange als selbstverständlich hinnahm, noch als das Ende bereits absehbar war.

Frank Westphal ist derzeit nicht erreichbar. "War schön, dich zu programmieren, Rivva, auch wenn du blöder Bot häufiger eine Schraube locker hattest", hat er im Rivva-Abschiedsbeitrag geschrieben, "Mach's gut, alter Freund."

Das wichtigste verbindende Element

Die Folgen für die ohnehin darbende deutschsprachige Blogosphäre dürften absehbar sein: Ohne zentrale Einstiegsseite fehlt trotz Twitter und Co. die Orientierung, was gerade debattiert wird - die für Außenstehende ohnehin hermetisch wirkende Blogkultur verliert ihren Haupteingang, das "wichtigste verbindende Element", wie ein Kommentator im Rivva-Blog schreibt.

Ob Westphal bereits an einem Nachfolgeprojekt arbeitet oder zumindest, wie einige Stimmen fordern, den Rivva-Code freigibt, damit andere ihn weiterentwickeln können, steht derzeit in den Sternen.

Oder vielleicht in einem deutschsprachigen Blog - ohne Rivva fast unauffindbar in den Weiten des Webs.