Bestseller "Digitale Demenz" von Manfred Spitzer Einseitig und populistisch

Die Antwort bleibt offen, stattdessen zeigt Spitzer in einer briefmarkengroßen Schwarzweiß-Abbildung, dass sich die "Nervenzellen im Hippocampus eines Tieres" (!) bei Stress zurückbilden, und auf dem nächsten Briefmarkenbild, wie sich die Alzheimer-Krankheit vom Hippocampus aus über das restliche Gehirn ausbreitet. Das ist ähnlich willkürlich, aus dem Zusammenhang gerissen und wild, wie ein Google-Algorithmus Treffer zum Suchbegriff "Hippocampus" liefern würde.

Als Leser vermisst man hier zudem die Hinweise, dass Stress als "Eustress" durchaus positiv auf den Körper wirken kann, dass sich Tierversuche (welches Tier hier auch immer gemeint ist) in mehr als 90 Prozent der Fälle nicht auf den Menschen übertragen lassen und warum noch unklar ist, ob die neuen digitalen Techniken den Menschen nicht vielleicht auch einen Zugewinn an neuen Fertigkeiten einbringen.

Nichts von alledem diskutiert Spitzer. Er bleibt einseitig und schreibt nicht wissenschaftlich, sondern montiert populistisch zusammen, was nicht zusammenpasst. Dass er sich als Hirnforscher bezeichnet, ist angesichts seiner in der vergangenen Dekade fast nur populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen fast so gewagt, als würde sich Michael Schumacher als Maschinenbauingenieur bezeichnen.

Nach der Schmähung des Navis folgt ansatzlos ein Kapitel über Demenz. Welche Kapriolen seine Logik hier geschlagen hat, wird Spitzes Geheimnis bleiben, ebenso wie bei der atemraubenden Beweisführung, dass es sein Schlagwort von der "Digitalen Demenz" schon deshalb geben müsse, weil man bei Google mehr als 50.000 Einträge dazu findet. Bei dem Begriff "Grüne Giraffe" sind es fast zehnmal so viel.

Verdummung statt Aufklärung

In einem Kapitel über die Schule will Spitzer zeigen, dass "Verarbeitungstiefe" und "Behaltensleistung" (so seine ungelenken Begriffe) einander bedingen. Je tiefer ein Sujet durchdrungen wird, umso mehr bleibt im Gedächtnis haften, so die Botschaft. Um dies zu illustrieren, zeigt er eine Grafik, in der nicht mal eine Dimension für die Behaltensleistung angegeben wird, sondern nur drei dunkle Balken in ansteigender Größe dargestellt werden. Das ist keine Aufklärung oder gar Popularisierung von Wissenschaft, sondern Verdummung.

Wenn er nicht als Missionar in Sachen Medienkritik unterwegs ist, leitet Spitzer die Psychiatrie der Universitätsklinik Ulm, schreibt ein Buch nach dem anderen und moderiert eine Fernsehreihe zu Themen rund um Gehirn und Geist. Der doppelt promovierte Arzt hat nicht nur Medizin, Psychologie und Philosophie studiert, sondern auch Humor: "Hirschhausen ist spitze, ich bin Spitzer!", schrieb er in das Grußwort zu einem Buch des Komikers Eckart von Hirschhausen. Ein Tausendsassa, der nur keinen Spaß versteht, wenn die Zukunft der Kinder, die im Schein der Monitore dahinvegetieren, auf dem Spiel steht.

Weil viele Eltern anlässlich der Gier ihrer Kinder nach iPad, Wii oder Laptop hilflos sind, hat Spitzer immensen Erfolg. Aufrufe zum Verzicht und eine Pädagogik der Mäßigung waren immer populäre Themen der Sachbuchliteratur. Gepaart mit Medienkritik und der Sehnsucht, durch Ausschalten auch abzuschalten und zu inniger Kontemplation sowie Konzentration auf das Wesentliche zu finden, haben sich die Werke von Neil Postman ("Wir amüsieren uns zu Tode) bis Nicholas Carr ("Wer bin ich, wenn ich online bin. Und was macht mein Gehirn solange?") gut verkauft.

Diese Bedürfnisse bedient Spitzer zuverlässig und immer mit dem Impuls des Weltenretters. Nur argumentiert er dabei so bizarr, oberflächlich und mit verzerrten Bezügen, dass es selbst den glühendsten Anhängern seiner Ideen schwerfallen sollte, ihm in diesem Buch zu folgen.