Bericht der Bundesnetzagentur Internet langsamer als von Anbietern versprochen

Internet langsamer als gedacht: Netzagentur kritisiert Provider

(Foto: dpa-tmn)

In der Werbung klingt es noch gut: Internet mit "bis zu 100 MBit pro Sekunde". Doch die Realität sieht anders aus, nur jeder fünfte Nutzer kann so schnell surfen wie bestellt. Jeder dritte bekommt lediglich halb so viel - oder noch weniger. Das zeigen Daten der Netzagentur. Die Firmen aber haben Angst, die Werbung der Realität anzupassen.

Von Bastian Brinkmann

Sogar der Manager eines Internetanbieters ist betroffen. In kleiner Runde erzählt der Mann, dass er ein DSL-Paket in seiner eigenen Firma gebucht habe, das schnelles Internet verspreche. Doch in seinem Wohnzimmer zuhause könne er nur mit einem Drittel der angepriesenen Geschwindigkeit surfen. Schneller gehe es nicht durchs Kabel, entschuldigte er.

Der Manager ist nicht alleine - sehr häufig bekommen Internetkunden nicht die Geschwindigkeit, mit der die Werbung lockt. "Bis zu 100 MBit pro Sekunde", steht beispielsweise auf den Plakaten. Das ist nicht nur problematisch, weil Megabit (kurz MBit) eigentlich nicht die typische Einheit ist, um Datengrößen anzugeben - das ist Megabyte (kurz MB). Doch in MB umgerechnet werden aus 100 MBit nur noch 12,5 MB. Klingt gleich viel langsamer.

Doch in vielen Fällen werden nicht einmal die 100 MBit erreicht, zeigen nun neue Daten der Bundesnetzagentur (hier als PDF): Nur jeder fünfte User surft mit der versprochenen Geschwindigkeit. Jeder dritte Nutzer kommt dagegen gerade einmal auf die Hälfte der angepriesenen Bandbreite - oder noch weniger. Die größten Abweichungen zwischen Werbung und Realität hat die Netzagentur für die Kunden gemessen, die Kabel mit 50 bis 100 Mbit/s, LTE mit 25 bis 50 Mbit/s oder DSL mit 8 bis 18 Mbit/s nutzen.

Für die Studie hatten mehr als 226.000 Nutzer in ganz Deutschland die Bandbreite ihres Internetanschlusses auf einer Seite der Netzagentur gemessen. Die Behörde hatte die Daten aufgrund einer Vielzahl von Kundenbeschwerden über Geschwindigkeitsabweichungen erhoben.

Die geringsten Abweichungen von der vermarkteten Download-Geschwindigkeit traten der Studie zufolge bei Kabelanschlüssen auf. Allerdings liegen die Datenübertragungsraten für Upload und Download bei dieser Technologie vergleichsweise weit auseinander. In Städten ist die Situation leicht besser, mit Ausnahme stationärer LTE-Anschlüsse.

Wer das Gefühl hat, dass das Internet abends langsamer wird, darf sich bestätigt fühlen. In der Zusammenfassung des Berichts steht über die Surfgeschwindigkeit im Browser:

Die Webseiten-Downloadzeiten von Kabel-Anschlüssen verschlechterten sich für alle Technologien um bis zu 15 Prozent in den Abendstunden.

Parallel zur Studie hat die Bundesnetzagentur auch die Standardverträge der Anbieter untersucht. Dabei habe sich gezeigt, dass fast alle Anbieter in der Werbung "flexible" Angaben zur verfügbaren Bandbreite machen - bekannt als die berüchtigten Worte "bis zu" in der Werbung. Auf Deutsch: Alles kann, nichts muss.

Internetanbieter fürchten, dass ihre Kunden lieber zur Konkurrenz wechseln, wenn sie als erste Firmen anfangen würden, mit ehrlichen Angaben zur Bandbreite zu werben. "Die 'Bis-zu'-Formulierung hat sich leider am Markt etabliert", sagt ein hochrangiger Mitarbeiter eines Konzerns.

Die Aufsicht der DSL-Anbieter kritisiert diesen Verbraucherschwindel scharf: "Der Kunde weiß nur vage, mit welcher Leistung er konkret rechnen kann", kritisierte Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur. "Auch nach Vertragsabschluss und erfolgter Schaltung besteht kein überschwängliches Bemühen, dem Endkunden aktiv einen transparenten Überblick über die Leistungsfähigkeit des konkreten Anschlusses zu bieten."

Seit Anfang Mai 2012 müssen Internetprovider schon vor Vertragsabschluss die am Wohnort erreichbare Mindestgeschwindigkeit angeben. Verbraucher sollten sich deshalb gezielt nach der Bandbreite erkundigen, die sie tatsächlich erwarten können, raten Verbraucherschützer.

Doch ein Wechsel zu einem Konkurrenten ist oft problematisch, so die Netzagentur. Die Behörde habe Tausende Beschwerden erhalten, wenn Kunden nach einem Anbieterwechsel über lange Zeit offline sind. Dabei zwingt ein neues Gesetz seit vergangenem Dezember die Anbieter dazu, einen Wechsel zügig umzusetzen - innerhalb eines Kalendertages. Das klappt nicht immer: Gegen mehrere Anbieter hat die Netzagentur Bußgeldverfahren eingeleitet, teilte die Behörde mit. "Wir werden die für Endkunden nicht hinnehmbare Situation nicht länger akzeptieren", sagte Präsident Homann. Der unkomplizierte Anbieterwechsel sei eine Voraussetzung für funktionierenden Wettbewerb.

Als nächstes will die Bundesnetzagentur auswerten, ob die Provider die Netzneutralität verletzen. Dabei werden bestimmte Datenpakete bevorzugt, während andere ausgebremst werden. Die Problematik erinnert an ein Mautsystem, in dem sich etwa Fahrer von Luxuslimousinen einen speziellen Fahrstreifen leisten können, während der durchschnittliche Pendler im Stau steckt. Wer mehr zahlt, kommt schneller voran. Internetdienste befürchten, dass das freie Internet in Gefahr ist, wenn sich beispielsweise finanzstarke Webseiten schneller und somit leichter ansurfen lassen als die Seiten kleiner Start-ups. Bis zum Juni können Internetnutzer auf dieser Seite der Netzagentur testen lassen, ob ihr Anbieter die Netzneutralität verletzt.

Mit Material der Nachrichtenagentur dpa.