Bekanntes Blog gepfändet Nachspiel für Nerdcore

Nerdcore.de gilt als Leitblog für popkulturelle Netzthemen - doch nun ist die Seite offline, weil sie ein umstrittener Internet-Dienstleister gepfändet hat. Es dürfte der Beginn einer längeren Auseinandersetzung sein.

Von Niklas Hofmann

Nerdcore (derzeit unter dieser Adresse erreichbar) ist nicht nur eines der bekanntesten und sogar international am meisten verlinkten deutschen Blogs für popkulturelle Netzthemen. Es ist auch ein Leitmedium für die Subkultur der Nerds, auf deren Geschmack der Mix knapp kommentierter Text-, Video- und Bild-Fundstücke ausgerichtet ist, den der Berliner Webdesigner René Walter seit 2005 mit phasenweise beeindruckender Ausstoßfrequenz kompiliert.

Doch unter der bekannten Adresse ist es damit vorbei. Seit Dienstag dieser Woche ist Nerdcore offline. Stattdessen informiert eine Firma Euroweb: "Hier entsteht ein neuer Internetauftritt."

Was ist passiert? Sei dem 7. Januar bereits ist René Walter bei der DENIC, der Registrierungsstelle für Domains mit der Endung ".de", nicht mehr als Inhaber von nerdcore.de eingetragen, sondern die Euroweb Internet GmbH aus Düsseldorf. Administrativer Ansprechpartner ist Euroweb-Geschäftsführer Christoph Preuß.

Preuß kündigt auf SZ-Nachfrage an, die Domain vorerst behalten zu wollen: "Die werden wir nicht zurückgeben." Die Adresse soll demnächst zu einer Landing Page der Euroweb führen. René Walter bestätigt den Vorgang: "Ja, Euroweb hat nerdcore.de."

Dazu kam es nach Darstellung der Beteiligten so: Ende Juli 2010 wurde Walter vom Rechtsanwalt der Firma Euroweb wegen eines Blogeintrags aus dem Jahr 2006 abgemahnt. Seinerzeit wurden Leistungen und Geschäftspraktiken der Düsseldorfer Firma, einem Anbieter von Webpräsenzen für kleine und mittelständische Unternehmen, in der deutschen Blogger-Szene heftig kritisiert - auch bei Nerdcore.

Fehler mit privatem Hintergrund

Euroweb ging gegen die aus Sicht der Firma diffamierenden Darstellungen anwaltlich vor, was wiederum als Versuch aufgefasst wurde, Kritiker mundtot zu machen. Zum Ärger des Unternehmens dokumentiert Google die Spuren des Konflikts bis heute.

René Walter reagierte im vergangenen Sommer nicht auf die Abmahnung wegen des Jahre alten Blogeintrags. Er erschien auch zu einem später angesetzten Termin vor dem Landgericht Berlin nicht.

Das verurteilte ihn zu einer Zahlung an Euroweb, Walter spricht von ungefähr 2000 Euro, die er über Monate hinweg ebenfalls nicht leistete. Daraufhin ließ Euroweb die Domain nerdcore.de beim Amtsgericht Tiergarten pfänden.

Walter spricht nun von einem Fehler mit privatem Hintergrund. Um seine erkrankte Mutter zu pflegen, habe er Monate im Elternhaus verbracht und eingehende Post ignoriert. Erst durch seinen Hauswart habe er dann "zwischen den Jahren" vom Pfändungsbescheid erfahren.

Bis zu diesem Montag war nach Euroweb-Angaben die strittige Summe nicht vollständig bezahlt. Allerdings versichert Walter, im Laufe des vergangenen Wochenendes eine letzte Teilzahlung geleistet zu haben.

"Irgendwann ist die Messe gelesen"

Aus Sicht von Christoph Preuß ist das aber irrelevant. Bis zum Pfändungsbeschluss seien Monate vergangen, ohne dass die negativen Berichte entfernt wurden. Er wolle sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen. "Irgendwann", so Preuß, "ist die Messe gelesen."

Unklar ist, wie hoch der Geldwert der Adresse nerdcore.de (670.000 Besucher im November 2010) anzusetzen ist. Die Domain des ebenfalls prominenten Blogs Basicthinking.de brachte vor zwei Jahren etwa 46.000 Euro ein. René Walter schätzt den Wert von Nerdcore auf "eher noch mehr" - 70.000 Euro aufwärts.

Er wolle sich nicht bereichern, sagt Prozessgegner Preuß. Ihm schwebt eine Versteigerung der Domain "für einen gemeinnützigen Zweck" vor. Der Erlös solle an die Journalistenvereinigung Freischreiber und an Wikipedia gehen. Eine Aktion mit Botschaft also: hier der gute Journalismus, dort das böse Blog. Ist das nicht ein bisschen zu einfach?

"Die werden noch viel Spaß haben"

Noch will Walter sich nicht aufgeben. Ein Anwalt sei eingeschaltet, um die Domain zurück zu bekommen. Falls das nicht gelingt, werde er unter neuem Namen von vorne beginnen: "Ich habe das Ding aufgebaut, ich könnte das noch einmal." Die Euroweb, die - ohne Nerdcore konkret zu nennen - selbst auf ihren, ja, Coup aufmerksam machte, ist erkenntlich stolz. "Vielleicht", sagt Preuß, "wird es ein Präzedenzfall, der einen Stein ins Rollen bringt in der Blogosphäre."

Es ist aber gut möglich, dass der Stein am Ende Euroweb trifft. Denn abgesehen von der unbegreiflichen Nachlässigkeit des Nerdcore-Erfinders René Walter, worum ging es? Doch offenbar um einen Blogeintrag, der das Preisleistungsverhältnis bei Euroweb problematisierte. "Die werden noch viel Spaß haben", prophezeite Walter. Die alle miteinander.