Universität der Zukunft Blick in die Glaskugel

Auf einer Tagung diskutieren Wissenschaftler über die Uni von morgen. Es geht um digitales Lernen - und die Hochschule als Heiratsmarkt.

Von Tanjev Schultz

Die Universität ist ein bisschen wie die Kirche: eine uralte Institution, die sich ständig wandelt und dennoch erstaunlich beständig ist. Sie trotzt Krisen und Kritik. Es ist noch gar nicht so lange her, als man in Deutschland einen Kollaps der Hochschulen prognostizierte. Sie galten als im Kern verrottet, als starr und reformunfähig. Mittlerweile geht die Klage oft in eine andere Richtung: Zu gehetzt, zu stromlinienförmig gehe es zu. Und wie sieht die Zukunft aus? Bernd Huber, Präsident der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, lud Ende voriger Woche zu einem Symposium in die Große Aula seiner Hochschule. Gemeinsam mit der Nixdorf- und der Schleyer-Stiftung ließ er über "Die Universität der Zukunft" diskutieren - und fand es zu Beginn schon mal tröstlich, dass mit der Wahl dieses Titels eines bereits feststand: Die Universität hat eine Zukunft, wie auch immer sie aussehen mag.

Prognosen sind bekanntlich schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Und so erinnerte Dieter Lenzen, Präsident der Uni Hamburg, daran, was schon so alles prophezeit wurde. Immer wieder habe es geheißen, die Zahl der Studenten werde zurückgehen. "Nichts stimmt mehr." In Deutschland drängen immer mehr junge Menschen an die Hochschulen, trotz geburtenschwacher Jahrgänge. Denn es kommen auch verstärkt ausländische Studenten, und derzeit weiß niemand, wie viele der Flüchtlinge und ihrer Kinder sich irgendwann immatrikulieren werden.

"Wir sind doch jetzt so weit, dass wir Physiotherapeuten ausbilden sollen", sagt Uni-Präsident Lenzen

Lenzen plädierte dafür, stärker zwischen unterschiedlichen Hochschultypen zu differenzieren; es müsse zum Beispiel besser unterschieden werden zwischen klassischen "Liberal Arts"-Angeboten und praxisnahen Fächern. "Wir sind doch jetzt so weit, dass wir Physiotherapeuten ausbilden sollen", beklagte er.

Die Hochschulen werden weiblicher, bunter und vielfältiger, sagte die Leipziger Rektorin Beate Schücking. Und zumindest in den Großstädten und an den klassischen Uni-Standorten werde der Andrang anhalten. Welche Rolle soll aber der Campus als Ort noch haben? Werden Bibliotheken nicht überflüssig, wenn die Literatur digitalisiert ist? Werden Vorlesungen überhaupt noch besucht, wenn man sie auch im Internet anhören kann? Bert van der Zwaan, Rektor der Universität Utrecht, berichtete, seine Hochschule investiere nicht mehr so viel in Gebäude, dafür immer mehr in Technik und Computer, denn: "Der Campus wird weniger wichtig."

Schon jetzt haben populäre Online-Vorlesungen mehrere Hunderttausend Hörer, und man fragt sich, ob dies nicht auf Dauer zu weitreichenden Verdrängungen auf dem Bildungsmärkten führen werde. Bei einer Runde zum E-Learning blieben die Teilnehmer bei solchen Fragen allerdings erstaunlich entspannt. Es reiche ja nicht, einen Kurs online zu stellen. Man müsse jedes Angebot in das jeweilige Curriculum einfügen, man müsse die Kurse begleiten, Rückmeldungen geben und Raum für den direkten Diskurs haben. Auch in der digitalen Zukunft werde es darum gehen, "live mitdenken zu dürfen", sagte Manfred Prenzel, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats. Am Vorabend hatte bereits Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, beinahe mahnend vorgetragen, es sei notwendig, den akademischen Betrieb als "intellektuelle Veranstaltung" zu stärken und die Universität wieder mehr als "Lebensform" zu verstehen. Ohne eine lebendige Präsenzkultur wird das vermutlich nicht gehen. Überdies, merkte eine Professorin in einer Mittagspause an, sei der Campus einer der wichtigsten Heiratsmärkte in der Gesellschaft. Und das werde bestimmt noch lange so bleiben.