Schule für Flüchtlinge in München Aus dem Tritt

Und so schlägt es aufs Schulleben durch, wenn die Politik in Berlin irgendein Land in Afrika oder Asien für sicher erklärt - und abzuschieben beginnt. Aktuell nach Senegal zum Beispiel, oder nach Afghanistan. Das bringt die jungen Flüchtlinge, die sich gerade mühsam stabilisiert haben, oft völlig aus dem Tritt. Warum sollen sie sich bei diesen Aussichten eine Perspektive in Deutschland erarbeiten? Diese Zweifel fordern die Sozialpädagogen bei Schlau, allesamt Experten im Umgang mit unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen.

Wieder klingelt Stengers Telefon. Kommando zurück. Der Schüler, zu dem sie gerade aufbrechen wollten, sitzt in der S-Bahn auf dem Weg in die Schule, sie haben ihn gerade erreicht. Die größte Gefahr ist gebannt, Stenger kriegt seinen Autoschlüssel zurück. "Hätten sie die Angst vor der Abschiebung nicht, unsere Leute könnten noch viel besser lernen."

Die Lehrer mussten das Material für den Unterricht eigens neu erstellen

Der Schulgründer hat sich im vergangenen Jahr aus der operativen Leitung der Schule zurückgezogen, das machen jetzt Antonia Veramendi und Melanie Weber. Stenger sieht sich inzwischen als "Flüchtlings- und Bildungslobbyist" und sagt, er müsse aufpassen. Dass die Kollegen in den Regelschulen ihn nicht als Besserwisser wahrnehmen, wegen seiner Erfolgsquote. Etwa 95 Prozent der Schlau-Schüler schaffen den Hauptschulabschluss. Das ist einer der Gründe dafür, dass die Bosch-Stiftung Schlau jetzt 25 000 Euro Preisgeld zukommen lässt.

Durch engagierte Begleitung der Schüler, weit über den Abschluss hinaus, schaffe es die Schule, jungen Flüchtlingen eine Perspektive zu eröffnen, schreibt die Jury. Die Lehrer, geschult im Umgang mit Deutsch als Fremdsprache, haben ihr Unterrichtsmaterial selbst erstellt; die üblichen Bücher taugen nicht für Jugendliche, die in kürzester Zeit neben dem üblichen Stoff auch die Sprache lernen müssen. Mehr als 1500 Schüler haben Schlau durchlaufen. Derzeit besuchen gut 220 Jugendliche die Einrichtung in der Münchner Innenstadt. Zwei Drittel der Lehrerkosten finanziert der Freistaat Bayern.

Nach wenigen Monaten sprechen sie gut Deutsch

Nelson Osakue, 21, aus Nigeria, und Mohammad Omar Rahmatyar, 19, aus Afghanistan, sind letztes Jahr dazugekommen. Sie mussten nicht, wie viele andere, erst in eine Alphabetisierungsklasse, sie hatten schon viele Jahre in der Heimat die Schule besucht. Nach wenigen Monaten sprechen sie gut Deutsch. Und in einem Jahr wollen sie Berufe erlernen. Osakue will Bankkaufmann werden und später am liebsten Mathematik studieren, Rahmatyar will werden, was sein Vater ist: Arzt. Davor eine Ausbildung als Krankenpfleger.

Osakue lebt in Olching bei München in einem Asylheim in einem Zweier-Zimmer. Optimal ist das nicht, wenn er sich zum Lernen konzentrieren muss. Und weil er nur geduldet ist in Deutschland, dürfte er im Sommer eigentlich gar nicht mitfahren mit seinen Schulkameraden. Wie jedes Jahr werden sie auf die Zugspitze wandern. Osakue darf Stadt und Landkreis München nur mit amtlicher Erlaubnis verlassen, "Residenzpflicht" nennt sich das.

Klar, Schlau wird sich darum kümmern, wie so oft. Nelson Osakue sagt in seinem Deutsch, das von Tag zu Tag besser wird: "Ich finde Schlau-Schule wie ein Eltern."