Provenienzforscher  "Man hätte früher reagieren müssen"

Gilbert Lupfer ist Professor für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Dresden und leitet seit 2008 das Provenienzforschungs-, Erfassungs- und Inventurprojekt "Daphne" der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

(Foto: SKD)

Gilbert Lupfer spricht über den richtigen Umgang mit dem schweren Erbe aus NS- und Kolonialzeit.

Interview von Christine Prußky

SZ: Seit dem Fall Gurlitt erhält die Provenienzforschung so viel Geld und Aufmerksamkeit wie nie. Ist der Schwung bei Uni-Sammlungen angekommen?

Gilbert Lupfer: Ja und nein. Beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste können auch Universitäten Zuschüsse beantragen, um in ihren Sammlungen nach Objekten zu forschen, die möglicherweise in der NS-Zeit entzogen wurden. Allerdings stellen Hochschulen bisher noch kaum Förderanträge. Es braucht hier wohl noch eine Bewusstseinsschärfung.

Den Unis fehlt das Bewusstsein für die Bedeutung der Provenienzforschung?

Es ist nicht so, dass es gar nicht vorhanden wäre. Aber man bringt das vielleicht noch gar nicht oder nicht ausreichend mit der eigenen Sammlung in Verbindung.

Leitfäden zum Umgang mit NS-Raubgütern empfehlen die Rückgabe "on demand", also erst auf Nachfrage.

Für mich ist klar: Wenn ein Objekt im Jahr 1938 aus dem Besitz eines jüdischen Professors zur Sammlung kam, kann man nicht warten, bis sich Nachfahren melden. Auch Unis müssen ihre Bestände aktiv durchgehen, wie es etwa viele Kunstmuseen bereits machen.

Gilt das auch für Bestände der Kolonialzeit?

Hier ist es aus verschiedenen Gründen komplizierter. Wenn aber klar ist, dass ein menschlicher Schädel um 1900 aus Hawaii oder Neuseeland in eine anthropologische Sammlung kam, sollte man davon ausgehen, dass sich hier ein ethisches Problem verbirgt. Im Oktober haben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden aus dem Bestand des Völkerkundemuseums menschliche Gebeine, die aus Hawaii stammten, an die Nachfahren zurückgegeben.

Die ersten Nachfragen dazu trafen 1991 aus Hawaii ein. Wieso dauerte es so lange?

Man hat in vielen Museen die Brisanz lange nicht erkannt oder war schlicht überfordert mit solchen Anfragen. Das ist nicht gut, man hätte viel früher reagieren müssen. Allerdings ist der Prozess der Rückgabe nicht trivial, er erfordert intensive Provenienzrecherchen, rechtliche Prüfungen, die Organisation der Übergabe. Man muss sich immer vor Augen halten, dass es sich um die Überreste von Menschen handelt.

Gibt es einen Fonds für die Rückgabe von Objekten aus der Kolonialzeit?

Nein, Sammlungen müssen selbst dafür aufkommen. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben das Glück, hier von der sächsischen Staatsregierung auch finanziell unterstützt zu werden.

Was kostet es denn, einen Schädel zurückzugeben?

Das lässt sich nicht pauschal sagen, und es ist auch etwas despektierlich, hier mit Zahlen zu argumentieren. Es ist eher eine ethische als eine finanzielle Frage.

Suchen Sie in Dresden jetzt gezielt nach weiteren Gebeinen?

Ja, wir haben auch schon Problemfälle identifiziert und Kontakt mit Partnern etwa in Neuseeland und Namibia aufgenommen. Im Umgang mit dem Kolonialerbe geht es aber nicht immer nur um Restitution und Rückgabe, es geht auch um einen Austausch auf Augenhöhe.