Nach Pisa "Lehrer haben den schwersten Beruf"

Aufschlussreicher als das Ranking ist bei der weltweit wichtigsten Schulstudie das Gespräch über Details. Eine Nachlese mit Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD.

Interview von Susanne Klein

SZ: Die neue Pisa-Studie verwirrt ein bisschen. Im Schwerpunkt Naturwissenschaften halten die Schüler so gerade das Niveau vom letzten Mal, das aber klar über dem Durchschnitt der OECD-Staaten liegt. Ist das nun ein gutes Zeugnis oder ein Vorbote für einen Leistungsabfall?

Andreas Schleicher: Das ist die Frage: Ist das Glas halb leer oder voll? Die Resultate sind stabil, die Welt der Naturwissenschaften ist es nicht. 2006, als sie zuletzt Schwerpunkt waren, gab es weder das iPhone noch Cloud-Computing oder Bioengineering. Eine enorme Entwicklung. Ich hätte mir gewünscht, dass sich dieser Fortschritt auch in besseren Schülerleistungen widerspiegelt.

Schwächere Werte kommen vor allem aus den Gymnasien. Auch besonders leistungsfähige Schüler gibt es dort seltener.

Ja, das sehe ich mit Sorge. Vermutlich war nach den schlechten Ergebnissen der ersten Pisa-Studie die Veränderungsbereitschaft an den Haupt- und Realschulen sehr viel größer als an den Gymnasien. Die standen damals ja gut da. Darauf können sie sich nun nicht mehr ausruhen.

Vom Philologenverband, der die Gymnasiallehrer vertritt, war zu hören, Inklusion und Integration hätten in den letzten Jahren viele Ressourcen verbraucht. Da seien stagnierende Leistungen kein Wunder.

Das scheint mir als Erklärung etwas kurz gegriffen. Die Heterogenität in deutschen Gymnasien ist deutlich geringer als in den leistungsfähigeren Bildungssystemen von Finnland und Singapur. Dort sind das soziale Spektrum und die Bandbreite von Leistungen und Interessen viel breiter.

In Dänemark und Kanada können sich mehr Mädchen als Jungen einen naturwissenschaftlichen Beruf vorstellen. Wieso ist es in Deutschland umgekehrt?

Da geht es um früh verankerte Rollenbilder. Diese Stereotype sind schon im Kindergarten sichtbar. Zu erreichen, dass Naturwissenschaften für Mädchen nicht nur tote Schulfächer sind, sondern etwas, was neue Chancen und ein neues Verständnis von der Welt eröffnet, das ist ein langer Weg. Aber da ist nicht nur Schule, da ist die ganze Gesellschaft gefragt.

Steckt darin eine Botschaft an die Eltern?

Wir sehen aus der Elternbefragung, dass in vielen Ländern mit gleichem Leistungsstand der Geschlechter die Eltern sich für ihre Söhne drei bis fünf Mal häufiger einen naturwissenschaftlichen Beruf vorstellen können als für ihre Töchter. Eltern können viel dazu beitragen, jungen Menschen Wege offenzuhalten - oder sie durch antiquierte Rollenbilder zu verschließen.

Insgesamt interessiert sich ein Viertel aller Schüler für das Berufsfeld, in Deutschland nur ein Siebtel. Woran liegt das?

Aufgrund der Schülerbefragung glauben wir, es liegt am sehr abstrakten, inhaltsfixierten Unterricht, der lebensnahe Fragen vernachlässigt und deshalb wenig begeistert. Wenn Schüler die Naturwissenschaften nicht als Instrument sehen, die Probleme der täglichen Welt zu betrachten und auch zu lösen, dann läuft etwas schief.

Wo gelingt das besser?

In Singapur oder Schanghai. Aber dort ist das Modell auch anders. Die Lehrer haben größere Klassen mit 40 Kindern und dafür weniger Unterricht. Dadurch bleibt ihnen mehr Zeit, sich mit Schülern individuell zu befassen. Ein Lehrer in Schanghai unterrichtet elf bis 16 Stunden.

Im Chemieraum eines Frankfurter Gymnasiums versucht sich ein Schüler an der Herstellung des Indikatorfarbstoffes Fluorescein. Solche anschaulichen Experimente können Jugendliche für Naturwissenschaften begeistern.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Hier sind es bis zu 28 Stunden.

In Deutschland sieht man Lehrer oft noch so: Du hast den Job gelernt, jetzt kriegst du den Lehrplan und dann mach das mal in der Klasse als Einzelkämpfer, eine Stunde nach der anderen. In Singapur oder Schanghai reicht die Zeit für Weiterbildung und die Arbeit mit Schülern und Eltern. Die Lehrer schauen ständig in andere Klassen rein und bereiten ihre Stunden mit Kollegen vor. Da kann Deutschland noch lernen.

Ein Wink in Richtung Politik?

Die Politik muss den Beruf attraktiver machen. Lehrer sollten nicht nur Pläne der Ministerien umsetzen, sondern ihre Arbeit mitgestalten können. Lehrer haben mit den schwersten Beruf. Die Anforderungen sind enorm gewachsen. Da muss man nicht nur gut bezahlen, sondern auch ein gutes Arbeitsumfeld bieten.

20 Prozent aller deutschen Schüler geben an, in den 14 Tagen vor dem Test mindestens einen Tag geschwänzt zu haben.

Das hat mich erstaunt. Deutschland gilt ja als sehr diszipliniertes Land. Vielleicht sehen viele 15-Jährige Schule nur als Pflichtübung an und nicht als etwas, was für ihre Zukunft von großer Bedeutung ist.

Wird nicht bezogen auf alle Länder doppelt so viel geschwänzt?

Trotzdem ist die Quote hoch. Wer einen Supermarkt leitet, wo 20 von 100 Leuten rauslaufen, ohne etwas zu kaufen, überlegt auch: Wie kann ich mein Angebot so verändern, dass es für die Kunden relevant ist? Diese Frage muss auch die Schule stellen.

18 Prozent der Schüler haben nach eigener Aussage schon einmal eine Klasse wiederholt. Im OECD-Mittel sind es zwölf Prozent. Wie verläuft der langfristige Trend?

Das Sitzenbleiben hat über die Jahre in vielen Ländern abgenommen, auch in Deutschland. Wir sehen das positiv, denn Sitzenbleiben ist ineffizient, stigmatisiert, verbessert die Leistung nicht und ist teuer. Jeder Sitzenbleiber kostet die Gesellschaft 30 000 bis 50 000 Euro. Das Geld könnte man viel sinnvoller in die Förderung investieren, damit Sitzenbleiben gar nicht erst zum Thema wird.

Wie haben sich andere große Volkswirtschaften Europas bei Pisa geschlagen?

Italien zum Beispiel ist auf einem guten Weg, trotz der ungünstigen Finanzlage. In Frankreich gibt es weiterhin eine große Ungleichheit bei den Bildungschancen und der Leistungsstand insgesamt ist bestenfalls Mittelmaß. Im Jahr 2000 stand Frankreich besser als Deutschland da, heute liegt es klar zurück. Das passiert, wenn man nichts tut. In einer Zeit, in der viele Bildungssysteme besser werden, bedeutet Stillstand, dass man absteigt.

Bei der Chancengerechtigkeit haben deutsche Schulen ja beträchtlich aufgeholt.

Ja, der Einfluss der sozialen Herkunft ist stark geschrumpft und bleibt doch groß. Hier inspiriert Finnland: Es lässt Bildungswege lange offen, damit Schüler auch später noch ihre Richtung finden können. Die Frühförderung ist ebenso wichtig. Da hat Deutschland viel bewegt und muss nun von Quantität auf Qualität umsteigen: mit gut ausgebildeten, gut bezahlten Kräften.

Die Lehrer sollen sich wieder mehr in der Begabtenförderung engagieren. Wie ist das mit mehr Integration vereinbar?

Noch mal Finnland: 30 Prozent des Unterrichts finden außerhalb des Klassenverbands statt. So können Lehrer leichter Talente fördern und Defizite ausgleichen.

Werden die vielen Flüchtlingskinder, die neu an den Schulen sind, bis zur nächsten Pisa-Studie das Leistungslevel drücken?

Nicht zwingend. Natürlich fangen die meisten im Leistungsspektrum unten an. Aber viele werden auch unterschätzt. Sie wissen, dass Bildung ihre Zukunft ist. Da muss man gute Chancen bieten, weg vom Krisenmanagement hin zur strategischen Integration. Willkommensklassen sind eine Notlösung, in einer regulären Klasse lernt man schneller Deutsch. Darauf muss jeder Lehrer vorbereitet werden.

Bund und Länder wollen die Schule digitalisieren. Wie ist die Ausgangslage?

Die Digitalisierung hat die Gesellschaft sehr verändert, aber im Klassenzimmer, wenn man ehrlich ist, eher mit negativen Resultaten. Weil gute pädagogische Konzepte fehlen. Wie man digitale Medien integriert, das betrifft auch das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern. Lehrer haben kein Wissensmonopol mehr, Schülern stehen viele Quellen offen. Vor dieser Herausforderung stehen die meisten Länder.

Was sagen Sie zu der Kritik, Pisa ziele nur auf den wirtschaftlichen Nutzen ab?

Das ist wirklich Blödsinn. Kritisches Denken steht bei Pisa im Vordergrund, wir haben erstmals auch das Wohlbefinden und die Teamfähigkeit ermittelt. Diese Werte liefern wir 2017. Um relevant zu bleiben, muss sich Pisa immer weiterentwickeln: Was junge Menschen heute brauchen, soziale Kompetenz, emotionale Fähigkeiten, Charakterqualitäten, all das ist wichtig.