Maßnahmen gegen Analphabetismus L-e-s-e-n l-e-r-n-e-n

Für viele eine Freude, für manche Qual: In Deutschland kann fast jeder Fünfte nicht richtig lesen und schreiben.

(Foto: dpa)

Fast jeder fünfte Erwachsene gilt als Analphabet. Oft treiben sie erst Aha-Erlebnisse zum Handeln: die Trennung vom Partner etwa, oder die Einschulung des Kindes. Richten sollen es nun die Volkshochschulen - doch können sie nachholen, was die Schule versäumt hat?

Von Johann Osel

Der Turm mit Karteikarten ist heilig für Ludwig, bei jedem Besuch nimmt er ihn mit und legt ihn akkurat neben den Computer. Vor mehr als vier Jahren kam er erstmals hierher, in die Lernwerkstatt der Münchner Volkshochschule, zwei Termine pro Woche sind es seitdem, und stets gibt es ein Kärtchen. Darauf steht in riesengroßer Kinderschrift, mehr abgemalt als geschrieben, was er an dem Tag alles geschafft hat: zum Beispiel die Geschichte von den Tieren im Urwald. Und da steht, wie es ihm gefallen hat: Meistens hat er ein lachendes Gesicht daneben gemalt.

Ludwig hat Lesen gelernt. Mit Mitte 40.

Irgendwie war der Mann all die Jahre durchgekommen. Er ist vergessen worden, war auch selbst abgetaucht. "In der Schule bin ich hinten gehockt und nie drangekommen", sagt er. Dreimal ist er durchgefallen, kam dann in eine Schule für Lernbehinderte. Dort wurde er zum Buchbindergehilfen ausgebildet - ohne eine Ahnung von der Welt zwischen den Buchdeckeln.

"Sonst bin ich dir ewig böse"

2009 hat ihn ein Freund angeblafft. "Der hat gesagt: ,Du gehst da jetzt hin, sonst bin ich dir ewig böse'. Das hab ich dann halt gemacht." Viele Nachmittage Üben liegen hinter Ludwig, außerdem ein bestandener Schreibkurs. Oft kann er das Ganze selbst nicht glauben.

Der frühere Ludwig fiel in die Kategorie eins. Das ist die niedrigste Stufe bei der PIAAC-Studie der OECD. Vor einem halben Jahr ist diese kleine Schwester der PISA-Studie erschienen. Oder vielmehr die große Schwester: Es ging um die 16- bis 65-Jährigen. Etwa 18 Prozent der Bürger im erwerbsfähigen Alter sind demnach "funktionale Analphabeten". Sie können nicht oder kaum lesen und schreiben, ein paar Worte vielleicht, ihre eigene Unterschrift, bestenfalls Kurztexte. Fast neun Millionen Bürger, die Bevölkerung von Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt zusammen.

Doch die Reaktion war eine andere als bei der PISA-Studie, die Anfang des Jahrtausends den berühmten PISA-Schock ausgelöst hat. Es gab ein PIAAC-Schöckchen, kurzzeitige Aufregung. Es gab wohl auch zu viele Adressaten für Vorwürfe. Haben die Schulen das zu verantworten? Oder die Wirtschaft, die gern an Weiterbildung der höheren Beschäftigten denkt, kaum aber an Defizite bei den Grundlagen? Oder die Politik, die zu wenig investiert? Und wer sollte die Rolle sozusagen als die Reparaturwerkstatt der Gesellschaft übernehmen?

Eine klare Reaktion kam schon bald vom Deutschen Volkshochschul-Verband (DVV), dem Dach für die fast 1000 Einrichtungen bundesweit. Man sei inzwischen der "Hauptanbieter für Grundbildung", hieß es. Längst kämen nicht mehr nur Bildungsbürger oder "Hausfrauen, die Spanisch für den Urlaub lernen" in die Volkshochschulen - sondern auch der untere Rand der Bildungsgesellschaft. Gern stelle man sich dieser Aufgabe. Dafür brauche es allerdings eine "gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung".

Was das bedeuten soll, kann man Ernst Dieter Rossmann fragen. Er steht - mit der Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth - an der Spitze des DVV und ist bildungspolitischer Sprecher der SPD im Bundestag. Der Bund fördert Projekte und Kampagnen, 20 Millionen Euro auf drei Jahre sind vorgesehen. "Das könnte deutlich mehr sein", sagt Rossmann und hofft auf den Haushalt für 2015. Mehr Bundesmittel könnten "ein Signal an die Länder" sein, die neben den Kommunen die Volkshochschulen finanzieren und sich zum Teil zuletzt zurückgezogen hätten.

Doch reicht allein mehr Geld? Die Chefs der Volkshochschulen deutscher Großstädte haben sich unlängst in München getroffen. Natürlich wurde da wegen der Finanzierung gegrummelt. Aber die Gäste ließen sich auch von Forschern über alle Feinheiten der PIAAC-Studie aufklären, über Unterrichtsmethoden, über Taktiken, wie man die hilfsbedürftigen Bürger in die Volkshochschulen bringt. Denn diejenigen, die Weiterbildung am nötigsten haben, nehmen sie laut Statistik kaum wahr. Zugleich ringen die VHS-Chefs um ihre Rolle. Das Wort "Reparaturbetrieb" hörte man auf der Tagung gar nicht gerne. Man wolle die Aufgabe der Grundbildung schon ausfüllen, aber auch nicht darauf reduziert werden, man habe mehr zu bieten - kulturelle Angebote, Sprachkurse vor allem.

Die Debatten innerhalb der Volkshochschulen decken sich fast mit denen in der Politik. Problem: erkannt. Zuständigkeit: zumindest umstritten. Lösung: ungewiss. "Man muss jeden Strohhalm erhaschen, um an die Leute ranzukommen", sagt Andrea Kuhn-Bösch. Die Leiterin für Grundbildung an der VHS München hat ein Netz gesponnen, quer durch die Stadt. Arbeitsämter, Sozialhäuser, Schuldnerberatungen, Kindergärten - sie sollen wachsam sein, wenn Bürger Probleme mit Sprache haben. Oft seien es aber "Aha-Momente", die Analphabeten zum Handeln trieben: die Trennung vom Partner, der alles Schriftliche erledigte; ein Jobwechsel mit neuen Anforderungen; die Einschulung des Kindes, dem man nicht beim Lernen helfen kann.

"Es geht hier nicht nur um den Arbeitsmarkt, sondern um gesellschaftliche Teilhabe", sagt Kuhn-Bösch. Manchmal tarnt sie die erste Kontaktaufnahme, um Betroffenen die Scham zu nehmen. Als "Mütterkurs", in dem es zunächst um andere Dinge geht als Lesen; oder durch die kostenlose Lernwerkstatt. Ein Besuch dort, im Bahnhofsviertel. Drei Dozentinnen und zehn Leute sind da, sie können kommen, wann sie wollen. "Sie brauchen ein Umfeld, das keine Angst macht", so Kuhn-Bösch.

Ein junger Afrikaner aus einem Flüchtlingsheim macht Hausaufgaben, hier hat er einen Schreibtisch. Eine Frau, Anfang 50, sitzt mit Kopfhörer am Rechner. Der Computer sagt "Tisch", sie tastet über die Tastatur, T-I-S-C-H, wird belohnt mit einem grünen Blinken. Dann sieht sie rot, das Wort "Zelt" hat sie mit Doppel-L geschrieben. Die Frau ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Dass sie lesen lernt, war nie vorgesehen.

Und da ist Ludwig, seine Karten neben sich, er kommt immer wieder. Trotz seines Jobs. Zwei Drittel der funktionalen Analphabeten arbeiten laut Studien, auch Ludwig. Für den Vertrieb muss er Preisschilder aufkleben, sie aber nicht verstehen. Videos vom Oktoberfest laufen auf seinem PC, er will den Umgang mit dem Internet üben. "Ich schau aber nicht nur in den Kasten", sagt er. Das Magazin Kicker kaufe er sich oft, wegen seiner Lieblingsvereine. Welche das sind? "Alle außer der FC Bayern."

Der nächste Schritt ist oft ein Training oder Weiterbildungskurs. Kuhn-Bösch unterrichtet zum Beispiel Schulabbrecher, die einen Hauptschulabschluss nachholen. Bundesweit 50 000 Jugendliche, sechs Prozent pro Jahrgang, schaffen keinen Abschluss. Viele von ihnen: funktionale Analphabeten. Doch der Blick auf die junge Generation lässt auch hoffen. Bei den unter 35-Jährigen fallen bei PIAAC nur 13 statt 18 Prozent in Kategorie eins. Schulpolitiker führen das auch auf die Arbeit nach dem PISA-Schock zurück. Ein PIAAC-Schock hätte wohl nicht geschadet.