Bildungsplan in Baden-Württemberg Wirtschaft wird Pflichtfach

Fürs Leben lernen: Unterricht an einem Gymnasium in Stuttgart.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)
  • Zum Schuljahr 2016/2017 wird in Baden-Württemberg Wirtschaft als alleiniges Pflichtfach eingeführt.
  • Das Bildungsministerium hat einen neuen Bildungsplan vorgelegt - viele praktische Elemente sind nicht enthalten.
  • Kritik kommt vom Philologenverband.
Von Jan Schmidbauer und Vivien Timmler

Irgendjemand muss immer den Anfang machen. In diesem Fall ist es Baden-Württemberg. Das Bundesland führt zum Schuljahr 2016/17 das Schulfach Wirtschaft ein. Genauer gesagt das Fach "Wirtschaft und Berufsorientierung". Ab der siebten, in Gymnasien ab der achten Klasse wird es in allen weiterführenden Schulen Pflicht. In Gymnasien drei Stunden pro Woche, in Real- und Gemeinschaftsschulen sogar fünf Wochenstunden.

Bislang waren Wirtschafts- und Finanzthemen in Baden-Württemberg in Fächern wie "Sozialwissenschaften" oder "Wirtschaft und Politik" verankert. Viel Platz im Lehrplan wurde ihnen dort jedoch nicht eingeräumt - und dementsprechend gering fallen die Wirtschaftskenntnisse vieler Schüler aus. In der Politik wird deshalb schon seit Längerem darüber diskutiert, ob Wirtschaft als eigenständiges Schulfach zu etablieren ist. In die Öffentlichkeit rückte die Debatte zuletzt im Januar, als eine 17-jährige Schülerin über den Nachrichtendienst Twitter verbreitete, sie habe keine Ahnung von Steuern oder Versicherungen - könne aber eine Analyse auf vier verschiedenen Sprachen verfassen.

Lernen fürs Leben

Erst kürzlich hatte der Tweet einer Schülerin eine deutschlandweite Debatte über den Sinn und Unsinn des Schulunterrichts in Bewegung gesetzt. Baden-Württemberg führt nun ein Pflichtfach Wirtschaft und Beruf ein - andere Bundesländer könnten folgen. Von Johann Osel mehr ...

Streit über Inhalte

Die Forderung nach besserer wirtschaftlicher Bildung bei Schülern ist nicht neu. Genauso wenig wie der Streit darüber, wie das Fach im Detail aussehen soll. Arbeitgeberverbände sind für eine rein ökonomische Ausrichtung, die ausschließlich aus Inhalten der Volks- und Betriebswirtschaftslehre besteht.

Soziologenverbände und Institutionen wie die Bundeszentrale für politische Bildung sprechen sich hingegen für einen soziologisch-ökonomischen Ansatz aus, bei dem wirtschaftliche Fragen in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext eingebettet werden. Und Elternverbände wollen eigentlich nur, dass das Fach möglichst praktisch ausgerichtet ist und ihre Kinder dabei "etwas fürs Leben lernen".

Nun hat das baden-württembergische Bildungsministerium einen 28 Seiten langen Bildungsplan ausgearbeitet, in dem steht, welche Inhalte das künftige Schulfach Wirtschaft beinhalten soll.

Kaum Praxis im neuen Bildungsplan

Die Forderung nach praktischen Elementen scheint die beauftragte Arbeitsgruppe dabei jedoch aus den Augen verloren zu haben. Denn weder die Freiheiten des Europäischen Binnenmarktes noch die Instrumente der Verbraucherpolitik oder die Interessen von Kreditgebern passen so richtig in die Lebenswelt eines 13-Jährigen.

Wirklich praktische Elemente enthält der Bildungplan kaum. Und wenn doch einmal praktische Dinge wie eine Rechnung, ein Kredit oder ein Kaufvertrag auf dem Bildungsplan stehen, so sind sie stets mit dem Zusatz "Methodenkompetenz" versehen. Nur sieben der knapp 50 Elemente des Bildungsplans sollen wirklich "Handlungskompetenz" vermitteln. Wie man eine Steuererklärung ausfüllt, wird den Schülern also auch in Zukunft nicht beigebracht.