Kritik an Schulsponsoring Kunden im Klassenzimmer

Bandenwerbung wie im Profi-Fußball: Schüler in Gotha nehmen an einer Speed4-Meisterschaft teil.

(Foto: Contacts & Sports)

Hefte mit Sparkassen-Logo, Unterrichtsmaterial pro Atomkraft: Weil das Geld für Computer und Zusatzangebote fehlt, gehen viele Schulen Kooperationen mit Unternehmen ein. Doch die Grenzen zwischen dezenter Imagewerbung und plumper Produktreklame sind fließend.

Von Ralf Steinbacher

Als sich Herbert Grauner beim Schulamt im unterfränkischen Kreis Aschaffenburg über ein gesponsertes Schulsportprojekt beschwerte, blitzte er ab. "Kommerzielle Werbung wird hier keinesfalls betrieben", beschied ihn die Schulamtsdirektorin. Grauner, der in Wirklichkeit anders heißt, war empört. Werden bei den Speed4-Schulmeisterschaften doch Laufzeit-Bons mit den Logos der Sponsoring-Partner an die Kinder ausgegeben, mit denen sie bei den Firmen Geschenke abholen können. Damit, sagt der Vater einer Tochter, würden Kinder doch regelrecht "in die Filialen gelockt".

Verbotene Werbung oder akzeptabel? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Typisch für Bildungssponsoring.

Seit die Länder die Schulen für Sponsoring geöffnet haben, steigt auch das Interesse der Wirtschaft. Kein Wunder: Nach Angaben des Bundesverbands der Verbraucherzentralen verfügen Schüler von sechs bis 19 Jahren über eine jährliche Kaufkraft von 20 Milliarden Euro. Sogar Kaufentscheidungen der Eltern werden durch ihre Kinder geprägt, so der Verband: "Bis hin zum Autokauf."

Produktwerbung ist in den meisten Bundesländern verboten

Für die Schulen geht es meist darum, ihre Etats mit Hilfe der Wirtschaft aufzubessern, Computer anzuschaffen oder Zusatzangebote zu machen. Reine Produktwerbung ist in den meisten Bundesländern verboten. Sie erlauben stattdessen eben Sponsoring - in unterschiedlichem Umfang. Dabei geht es nicht um Produkte, sondern im Idealfall um die gute Sache. Es ist dennoch ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Der Sponsor fördert die Schule, die bietet ihm Gelegenheit der Imagewerbung, dezent, versteht sich.

Ob es sich um Hefte mit dem Logo der Sparkasse handelt oder um Unterrichtsmaterial zur Energiewirtschaft, in der ein Konzern Atomkraftwerke in günstigem Licht erscheinen lässt - die Grenzen zwischen dem, was noch erlaubt oder schon verboten ist, sind fließend. Im Prinzip wird es Schulleitern überlassen, in dieser Grauzone zu entscheiden.

Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbands und selbst Direktor, findet das als Verfechter des Prinzips "eigenständige Schulen" zwar richtig; dennoch vermisst er Vorgaben der Politik, Richtlinien, die auch "mit Beispielen arbeiten". Schließlich seien "Zusendungen zweifelhafter Qualität unser tägliches Brot".

Die Frage, die man sich stellen müsse, laute: Wofür ist Schule da? Sicher nicht, um Blaubeeren aus Kanada im Unterricht zu essen, um nur ein Angebot zu nennen, das ihm kürzlich auf den Tisch flatterte. Besonders negativ ist Meidinger ein Wettbewerb der Firma Wrigley's in Erinnerung, die eine Studie erstellt habe, nach der Kauen schlau mache - und einen Innovationswettbewerb für Schüler ausgeschrieben habe. "Das hat damals sogar das bayerische Kultusministerium unterstützt", wundert sich der Chef der Lehrergewerkschaft.

Wie Meidinger findet auch Elternvertreter Hans-Peter Vogeler den Ermessensspielraum für Schulleiter im Prinzip gut. Vogeler, Vorsitzender des Bundeselternrates, mahnt aber, die Gremien der Schule in Entscheidungen miteinzubinden und diese dann auch transparent zu machen. "Bei Sponsoring darf nicht das Unternehmen im Vordergrund stehen", so Vogeler.

Klar könne der Schulleiter bei einer Veranstaltung den Sponsor erwähnen. Gut sei auch die Kooperation von Firmen mit der Schule, die etwa Praktikumsplätze vergeben. Gezielte Werbung sei aber nicht zu dulden: In der Schule müsse es darum gehen, den Kindern klarzumachen, dass es ein reichhaltiges Angebot gibt. Zum Beispiel nicht nur eine Lebensmittelkette namens Rewe.

Rewe ist einer der nationalen Hauptsponsoren von Speed4. Dabei handelt es sich um einen Lauf- und Dribbelparcours. Wer ihn durchläuft, erhält einen Bon mit seinen Zeiten, und weil jeder mehrmals an die Reihe kommt, kann sich auch jeder verbessern. "Speed4", sagt Jörg Brisken, der Lizenznehmer für Bayern, "ist das größte Bewegungsprojekt an deutschen Grundschulen." Und weil Bewegung gut ist, überrascht es kaum, dass sich bisher Dutzende Schulleiter zwischen Flensburg und Füssen dafür begeistert haben und sogar Bürgermeister als Schirmherren auftreten.

"Riesenmarkt Schule"

Dennoch ist für Schulleiter Meidinger die Grenze in dem Fall bereits überschritten: "Hier wird gearbeitet mit Belohnungen aus der eigenen Produktpalette. Letztlich soll über diesen Riesenmarkt Schule der Umsatz gesteigert werden." Passend heißt es auf der Homepage des bayerischen Speed4-Ablegers: Das Bon-System sei "ein sensationelles Verkaufsförderungsmodul, das jedem Sponsor zur Verfügung steht".

Natürlich erhofften sich "unsere Partner auch einen kleinen Mehrwert. Jeder, der im Sponsoring arbeitet, verfolgt auch Unternehmensziele", räumt Projektleiter Brisken ein. Er gibt aber zu bedenken, dass so ein Projekt ohne Sponsoren gar nicht zu machen wäre, schließlich solle es für die Schule kostenlos sein.

Das Bayerische Kultusministerium windet sich in der Antwort auf die Frage, wie Speed4 zu beurteilen ist. Der Wettbewerb gehöre zwar nicht zu den ausdrücklich genehmigten Schulsportprojekten, heißt es. Aber: Über die Teilnahme können und sollen die Schulen eigenverantwortlich entscheiden.

Sollten Schulen angesichts der heiklen Fragen nicht lieber auf Sponsoring verzichten? Nein, sagt Philologen-Chef Meidinger. Viele Schulen könnten es sich wegen ihrer schlechten Ausstattung gar nicht leisten, Unterrichtsmaterial liegen zu lassen, das eigentlich ganz gut sei. Daran, dass sich die Kultusministerkonferenz auf bundesweit verbindliche Maßstäbe einigt, glaubt Meidinger nicht: Die Länder konnten sich zuletzt ja nicht einmal bei der so wichtigen Lehrerbildung auf gemeinsame Standards einigen.