Jahrgangsübergreifendes Lernen Pädagogische Idee prallt auf Multikulti-Realität

Euphorisch starteten viele Lehrer, die Bildungspolitiker jubelten. Doch nach massiven Protesten steht das jahrgangsübergreifende Lernen, kurz: Jül, in Berlin vor dem Aus. Besonders in Brennpunktschulen stößt das Konzept an seine Grenzen.

Von Kathrin Schwarze-Reiter

Die Sonnen-, Mond- und Sternenkinder müssen nun wieder in ihren eigenen Sphären kreisen. Die Lehrer wollen sie lieber getrennt voneinander zum Leuchten bringen. Nach diesen Gestirnen benennt man in den jahrgangsübergreifenden Klassen die einzelnen Schüler, um sie altersmäßig unterscheiden zu können. Doch nun halten viele Lehrer nichts mehr davon, die Sonnen, Monde und Sterne in einer Klasse zu mischen.

Immer mehr Schulen - vor allem in Berlin - schaffen den jahrgangsübergreifenden Unterricht, kurz Jül, wieder ab. Ein Drittel der Berliner Grundschulen, nämlich 114 von derzeit 367, wird zum Schuljahr 2013/14 wieder zu den klassischen Klassen zurückgekehrt sein. 19 Schulen bieten dann beide Formen an.

Einst war die veränderte Schuleingangsphase - so nennt man die Reform mit der Zusammenfassung der ersten Klassen - 2005 für alle Berliner Grundschulen verpflichtend eingeführt worden. Euphorisch starteten viele Lehrer, die Bildungspolitiker jubelten. Dahinter steht diese Idee: Jüngere Schüler sollten von älteren lernen, schwächere von fixeren mitgezogen werden. Jeder in seinem Lerntempo arbeiten, am besten in Gruppen ohne Frontalunterricht. Lehrer sollten in Teams unterrichten und dadurch entlastet werden.

Nirgends startete man so enthusiastisch wie in Berlin

Grundschulen in Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Thüringen mischen ebenfalls seit einiger Zeit die Klassen eins bis drei, teils auch vier bis sechs. In anderen Bundesländern wird mit Jül experimentiert. Doch nirgends startete man so enthusiastisch wie in Berlin. Und nirgends ist man so hart auf dem Boden der Wirklichkeit aufgeschlagen. Das altersgemischte Lernen gerät zu einer der Bildungsreformen, die an der Realität scheitern.

Die Aufgaben des Bildungsvergleichs

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Nach massiven Protesten und einem Brandbrief an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) vergangenes Jahr, dürfen die Schulen nun wieder frei wählen, wie sie ihre Schüler unterrichten. Zu hoch war die Unzufriedenheit über die schlechten Rahmenbedingungen. Seither kehrten 19 der 29 Grundschulen im Multi-Kulti-Stadtteil Neukölln zu den Jahrgangsklassen zurück. Auch im bürgerlichen Einfamilienhaus-Stadtteil Reinickendorf will die Hälfte der 31 Schulen keinen Mix mehr.

"Wir hatten wirklich große Erwartungen an die neue Unterrichtsform", sagt eine Neuköllner Schulleiterin, die anonym bleiben möchte. "Aber Schüler, die noch nicht gut Deutsch sprechen, müssen erst einmal auf den gleichen Stand wie ihre Mitschüler gebracht werden. Oft bremsen sie leider die ganze Gruppe." Die Schulleiterin beklagt den enormen Zeit- und Kraftaufwand für die Lehrer. Daher hätte das Kollegium nach langem Überlegen entschieden, Jül wieder abzuschaffen. "Für die Eltern machte das keinen großen Unterschied - sie nahmen beide Unterrichtsformen als gegeben hin."

Ist Multi-Kulti ein Jül-Killer? Das kann Thorsten Metter, Sprecher der Berliner Bildungsverwaltung, so nicht belegen. Doch er räumt ein, dass unter den Berliner Schulen, die Jül abgewählt haben, besonders viele sind, an die Schüler ausländischer Herkunft und aus ärmeren Familien gehen. Im Klartext: Brennpunktschulen.