Debatte über Wirtschaftsunterricht Katastrophale Lücken

"Schulen müssen mehr leisten, um Jugendliche zu mündigen Menschen zu erziehen", sagt Daniel Senf, Vorsitzender der Wirtschaftsjunioren.

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In Wirtschaftsfragen sind Schüler oft ahnungslos. Ihnen fehlt das Wissen für politische Debatten, im Alltag und für die Berufswahl, findet der Vorsitzende der Wirtschaftsjunioren, Daniel Senf. Wirtschaft muss endlich Pflichtfach für alle werden.

Von Daniel Senf

Der Tweet der 17-jährigen Naina hat eine überfällige Debatte angestoßen: Junge Menschen werden in Deutschland nicht auf die Realität des Wirtschaftslebens vorbereitet. Von Vertragsabschlüssen über Kredite und Zinsen bis hin zur Suche nach dem eigenen Beruf - Schulen müssen mehr leisten, um Jugendliche zu mündigen Menschen zu erziehen. "Die junge Wirtschaft" als Vertreter junger Unternehmer und Führungskräfte fordert deshalb die bundesweite Einführung eines Pflichtschulfachs Wirtschaft.

Als Unternehmer erleben wir täglich hautnah, wie katastrophal die Wissenslücken junger Menschen in Wirtschaftsfragen sind. Im Rahmen regionaler Bildungsprojekte unterrichten viele unserer Mitglieder ehrenamtlich an Schulen im ganzen Land. Was wir dabei feststellen, ist ernüchternd: Selbst Grundbegriffe wie Zinsen, Gehalt oder Kredit sind für viele 14- bis 18-Jährige ein Rätsel. Dieses Wissen ist aber zwingend notwendig, um die Nachrichten zu verfolgen und sich eines Tages qualifiziert zur Euro-Krise oder dem Schuldenabbau zu äußern.

Zur Person

Daniel Senf, 38, ist Inhaber und Geschäftsführer einer Dresdner Fremdsprachen-Akademie und seit 2015 Bundesvorsitzender der Wirtschaftsjunioren. Der Verband der jungen Wirtschaft zählt mehr als 10 000 Mitglieder.

Wer die Dinge nicht versteht, verliert schnell das Interesse. Über Politikverdrossenheit oder mangelnde Wahlbeteiligung dürfen wir uns dann nicht wundern. Um Jugendliche zu motivieren, sich mit Wirtschaftsfragen auseinanderzusetzen, riefen wir bereits vor 25 Jahren das bundesweite Quiz "Wirtschaftswissen im Wettbewerb" ins Leben, an dem bisher rund 50 000 Schüler teilgenommen haben. Der Erfolg des Projekts zeigt, wie groß das Interesse an Wirtschaftsunterricht ist.

"Ökonomische Bildung findet auch außerhalb einzelner Fächer statt", sagt Didaktik-Professor Reinhold Hedtke. Hier finden sie sein Contra in der Debatte um Wirtschaftsunterricht als einheitliches Pflichtfach in Deutschland.

Das Argument der Gegner eines Pflichtfachs Wirtschaft, diese Allgemeinbildung werde durch das Elternhaus vermittelt, ist nicht überzeugend. Warum bemüht sich die Politik denn um den Kita-Ausbau und frühkindliche Bildungsangebote? Weil sie erkannt hat, dass nicht jedes Kind die gleichen Voraussetzungen mitbringt. Gerade Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern oder Kinder mit Migrationshintergrund haben hier leider oft Nachteile. Häufig fehlen zu Hause die eigenen Vorbilder, die verantwortungsvoll mit Ersparnissen umgehen oder die einen Versicherungsvertrag verständlich erklären können. In unseren Betrieben können wir das oft beobachten, alleine schon beim Umgang der Jugendlichen mit Geld. Viele Auszubildende leben über ihre Verhältnisse und sind schon in jungen Jahren hoch verschuldet.

Baden-Württemberg führt Wirtschaft und Beruf nun landesweit als Pflichtfach ein. Jetzt müssen andere Länder nachziehen. Der Vorstoß aus Stuttgart, im Wirtschaftsunterricht auch Praktiker referieren zu lassen, geht in die richtige Richtung. Es ist traurig, dass Elternvertreter und Gewerkschafter deshalb gleich vor der einseitigen Beeinflussung durch Konzerne warnen. Im Gegenteil steht im Unterricht doch viel häufiger die undifferenzierte Darstellung profitgieriger Manager im Vordergrund. Schüler werden in Watte gepackt, anstatt ihnen zu erklären, wie und wo Wohlstand geschaffen wird. Es ist höchste Zeit, ein realistisches Bild unseres Mittelstands zu vermitteln und das Unternehmerbild in unserer Gesellschaft zurechtzurücken.

Unkritisch und überflüssig

Ökonomisches Wissen ist wichtig, doch dafür ist bereits genug Raum im Unterricht, sagt der Didaktik-Professor Reinhold Hedtke. Ein Einheitsfach Wirtschaft würde vor allem Lobbyinteressen der Wirtschaft dienen. Von Reinhold Hedtke mehr ... Contra

Der Praxisbezug kann dazu beitragen, Jugendlichen bei der beruflichen Orientierung zu helfen. Auch hier bestehen große Defizite. Gerade Abiturienten fühlen sich von den Schulen nicht gut beraten. Naheliegend für viele ist das Studium, was früher quasi ein Garant für Jobsicherheit und Wohlstand war. Studieren ist gut, aber sicherlich nicht der richtige Weg für jeden. Das zeigt schon alleine die Rekord-Abbrecherquote von fast 30 Prozent bei Bachelor-Studenten. Unter dem Trend zur Akademisierung um jeden Preis leidet das duale Ausbildungssystem. Hier müssen den Schülern Alternativen aufgezeigt werden.

Ebenso wichtig ist es, für mehr Gründergeist zu werben. In einem Schulfach Wirtschaft sollte das Thema Unternehmertum deshalb eine zentrale Rolle spielen, zum Beispiel durch die Integration von Gründungsplanspielen. Dabei sind die Vernetzung mit der Wirtschaft und der Austausch mit Unternehmern auf vielfältige Weise denkbar. Vorstellbar wäre eine Art Bildungspakt zwischen Schulen und Wirtschaft zur Unterstützung der Schüler beim Übergang in das Berufsleben. Als junge Unternehmer sind wir hier gerne zu einer Selbstverpflichtung bereit.

In jedem Fall gehört Wirtschaftswissen zur Allgemeinbildung. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, sie unseren Kindern zu verwehren. Dass es den emotionalen Tweet einer 17-Jährigen gebraucht hat, um in Deutschland endlich eine Debatte über Wirtschaftsunterricht zu entfachen, ist ein Armutszeugnis. Wir hoffen, dass unsere Forderung nach einem bundesweiten Pflichtfach Wirtschaft bei der Politik nun endlich Gehör findet.