Chancenspiegel 2014 Schulabschluss hängt auch vom Wohnort ab

Abiturienten während der Abiturprüfung in NRW: Von Chancengleichheit in Sachen Bildung ist Deutschland noch weit entfernt.

(Foto: dpa)
  • Zum dritten Mal haben Forscher im Auftrag der Bertelsmann Stiftung Gerechtigkeit und Leistungsfähigkeit der 16 deutschen Schulsysteme untersucht. Fokus lag in diesem Jahr auf Unterschieden innerhalb der Bundesländer.
  • Ergebnis: Zwischen den Kreisen und kreisfreien Städten gibt es teils erhebliche Schwankungen, sowohl was die Möglichkeiten angeht, die Schulform zu wechseln, als auch in Bezug auf die Schulabschlussquoten.
  • Als Gründe vermuten die Wissenschaftler das Schulangebot am Wohnort und das soziale Profil der Region.
Von Johanna Bruckner

Die Vorurteile über das heimische Schulsystem begegnen einem oft an der Uni: Da prahlt die Kommilitonin aus Bayern, ihr Abitur sei deutschlandweit das anspruchsvollste. Und der Kommilitone aus Hessen muss sich für seine Hochschulreife belächeln lassen: Abi - kriegt man da quasi geschenkt, weiß doch jeder. Studien bestätigen regelmäßig die innerdeutschen Qualitätsunterschiede in Sachen Schulsysteme, wobei die genannten Klischees durchaus überholt sind. So schnitten bei den jüngsten Untersuchungen ostdeutsche Bundesländer besser ab als der einstige Bildungsprimus Bayern.

Der Chancenspiegel 2014 der Bertelsmann Stiftung zeigt nun: Es kommt nicht nur darauf an, in welchem Bundesland man zur Schule geht. Die Chance auf Bildungserfolg hängt auch davon ab, wo man innerhalb eines Bundeslandes zuhause ist. Erstmals untersuchten die Forscher der Technischen Universität Dortmund und der Friedrich-Schiller-Universität Jena nicht nur die Länderebene, sondern auch die Kreise und die kreisfreien Städte. Im vergangenen Jahr hatte der Philologenverband kritisiert, der Chancenspiegel bringe keine neuen Erkenntnisse und lege falsche Maßstäbe an, um Bildungsgerechtigkeit zu messen.

Die Wissenschaftler analysierten zum einen, ob Schüler in einer ländlichen Kommune größere Probleme als Schüler aus der Stadt haben, von der Realschule auf ein Wirtschaftsgymnasium zu wechseln - möglicherweise weil es auf dem Land kein derartiges Gymnasium gibt. Neben der Durchlässigkeit schauten sie auch auf die regionalen Chancen, einen bestimmten Schulabschluss zu erreichen. Sie kommen zu dem Schluss: "Die Bildungschancen sind auf kommunaler Ebene höchst ungleich verteilt."

Die Ergebnisse im Überblick

Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg verfügen im deutschlandweiten Vergleich jeweils über ein besonders durchlässiges Schulsystem. Die regionale Analyse untermauert dieses Resultat: Die Durchlässigkeit in den beiden Ländern sei "flächendeckend gut verankert". Ebenfalls gut schneiden Schleswig-Holstein und Sachsen ab.

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Bayern

Ganz anders sieht es in Bayern aus. Das süddeutsche Bundesland macht es Schülern schwer, die Schulform zu wechseln - dazu sind die Möglichkeiten, beispielsweise auf ein Gymnasium zu wechseln, in den einzelnen Kreisen und kreisfreien Städten noch einmal sehr unterschiedlich. Auch in Rheinland-Pfalz und Hessen gibt es strukturell Nachholbedarf.

Nordrhein-Westfalen

Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen haben die Schüler flächendeckend gute Chancen auf einen Abschluss. Auch in Niedersachsen, Hessen und Sachsen-Anhalt spielt der konkrete Wohnort für das Erreichen des Abiturs oder Hauptschulabschlusses eine geringe Rolle. In Sachsen-Anhalt allerdings findet "die Abschlussvergabe auf vergleichsweise geringem Niveau statt", schreiben die Wissenschaftler. Soll heißen: Hier sind die Schulabbrecherquoten - in der Stadt und auf dem Land - vergleichsweise hoch.

Sachsen

Ein doppeltes Problem gibt es im benachbarten Sachsen: Die Quote der Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, ist im deutschlandweiten Vergleich ebenfalls hoch. Und sie unterliegt zudem regional starken Schwankungen. Das zeigt sich auch in der Quote der (Fach-) Abiturienten: Sie liegt im Landesschnitt bei 44,7 Prozent - die kommunale Spannbreite reicht allerdings von 32 bis 63 Prozent. Schulischer Erfolg hängt hier also in hohem Maße vom Wohnort ab.

Anders in Bayern: Etwa 4,9 Prozent der Schüler schaffen hier nicht mindestens den Hauptschulabschluss. Regional schwankt der Anteil zwischen 0,7 und 12,3 Prozent.

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Situation in den Stadtstaaten

Um auch Aussagen über die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen treffen zu können, verglichen die Forscher sie mit anderen deutschen Großstädten mit mehr als 350 000 Einwohnern. Dabei zeigte sich, dass auch die Großstädte "erhebliche Unterschiede in der Durchlässigkeit ihrer Schulen" aufweisen. So schafft in Hamburg mehr als jeder zweite Grundschüler den Übertritt auf das Gymnasium, in Bremen dagegen nur etwa jeder dritte (37 Prozent). In Berlin und Hamburg liegt die Quote der Schüler, die eine Klassenstufe wiederholen müssen, bei 2,3 Prozent - in Düsseldorf und München einen Prozentpunkt höher.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Schulabschlüssen: Passend zur hohen Gymnasialquote erreicht in Hamburg knapp die Hälfte der Schüler (46 Prozent) die Hochschulreife; in Dresden und Nürnberg liegt die Abiturquote um etwa 16 Prozentpunkte niedriger (30 Prozent). In Köln und Stuttgart ist die Gefahr, die Schule ohne Abschluss zu beenden, vergleichsweise niedrig: Etwa sechs Prozent der Schüler erreichen hier nicht mindestens den Hauptschulabschluss; in Duisburg, Berlin oder Leipzig ist es dagegen fast jeder zehnte Schüler, der daran scheitert.

Wie sind die teils großen regionalen Unterschiede zu erklären?

Eine abschließende Antwort auf diese Frage haben die Forscher nicht. Sie nennen zwei mögliche Faktoren.

Das Schulangebot am Wohnort beeinflusse das Schulwahlverhalten von Schülern und Eltern und erzeuge "teils starke Pendelströme etwa zum Gymnasium im Nachbarkreis". Soll heißen: Wenn es am Wohnort keine Möglichkeit gibt, das Abitur zu machen, entscheiden sich Familien für das nächstgelegene Gymnasium - und sorgen so dafür, dass die Abiturquote am eigenen Wohnort sinkt. Die Bildungswissenschaftler sehen Handlungsbedarf in Hinblick auf einen flächendeckenden Ausbau aller Schulformen, da sich sonst soziale Unterschiede zementieren könnten. Vor allem bildungsferne Familien entschieden sich für das Schulangebot am Wohnort.

Dazu passt, dass auch das "soziale Profil der einzelnen Regionen relevant für die unterschiedlichen Bildungschancen innerhalb eines Bundeslandes zu sein scheint". Hier zeigt sich einmal mehr, dass Schulerfolg in Deutschland maßgeblich vom sozioökonomischen Hintergrund abhängt: Je höher das Durchschnittseinkommen und das Bildungsniveau in einem Kreis oder einer kreisfreien Stadt, desto günstiger die Bildungschancen der Kinder.

Insofern kann sich jeder, der es bis an die Hochschule schafft, glücklich schätzen - ob er nun aus Bayern oder Hessen kommt.

Der Chancenspiegel analysiert jährlich, wie gerecht und leistungsstark die Schulsysteme der 16 deutschen Bundesländer sind. Bildungsforscher vergleichen dazu ausgewählte Indikatoren aus den amtlichen Statistiken und empirischen Leistungsvergleichsstudien.