16. September 2012, 10:33 Privatschulen Warum der Klassenkampf keiner mehr ist

Privatschulen sind doch nur für Bonzen - so denken nicht nur viele Eltern. Doch die Realität sieht ganz anders aus. Warum es höchste Zeit ist, all die Vorurteile über solche Schulen über Bord zu werfen.

Von Alex Rühle

Privatschulen. Hör mir auf! Der momentane Boom zeigt doch nur wieder, dass die Gesellschaft immer kälter wird. Dass sich die Reichen in ihre schmiedeeisernen Ghettos zurückziehen. Und dass nun mit der Bildung auch noch das allerletzte Refugium den Zwängen der neoliberalen Profitmaximierung unterworfen wird. Pfui Spinne, weg mit diesen asozialen Abc-AGs.

Das Internat Louisenlund bei Güby in Schleswig-Holstein gilt als eine der besten Privatschulen in Deutschland.

(Foto: dpa)

Privatschulen. Hurra! Der Hort der pädagogischen Freiheit! Bessere Welt. Klügere Schüler. Lebensfreundschaften. Soziale Kompetenzen en masse. Rettung vor dem Pisa-Elend. Einzig adäquate Antwort auf all die komplexen Anforderungen, denen junge Menschen heute gegenüberstehen.

Gibt es ein ideologisch aufgeladeneres Thema als Privatschulen? Wohl kaum. Auf der einen Seite geben immer mehr Eltern in Umfragen an, sie überlegten, ihre Kinder auf eine Privatschule zu schicken. Auf der anderen Seite haben die, die ihr Kind auf solch eine Schule geben, im Reden oft schon rhetorische Entschuldigungsschleifen eingebaut: Bei uns gibt's auch ganz normale Schüler, Ehrenwort, sogar ein Türke ist dabei. - Wahrscheinlich weil Privatschule für viele immer noch automatisch Bonzenanstalt bedeutet. Was für ein Unsinn.

Natürlich, es gibt sie, die "Schulen mit Beverly-Hills-Charakter, abgeschottet von der übrigen Bevölkerung", wie Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, zornschnaubend konstatierte. Das Lyceum Alpinum im Schweizer Zuoz nimmt für das Schuljahr 70.000 Schweizer Franken; wer ein Einzelzimmer für seinen Sprössling will, zahlt selbstverständlich mehr. Hierzulande machten die kommerziell orientierten Phorms-Schulen in den letzten Jahren derart Furore, dass man den Eindruck gewinnen konnte, sie seien eine Art Goldman Sachs des Bildungswesens, skrupellos, übermächtig, asozial.

An diesem Zerrbild ist die Einrichtung beziehungsweise deren Gründerin zu einem Großteil selber schuld: Béa Beste, die ehemalige Vorstandsvorsitzende der Phorms AG, redete anfangs ungefähr so großkotzig daher wie Josef Ackermann vor der Krise: Alle anderen sind ja nur zu doof dazu, Kohle zu scheffeln mit der Bildung, wir aber machen fette Rendite, und bald wird es Phorms auch in Barcelona und Peking geben. Zum einen kam alles anders, Phorms musste in letzter Zeit Dependancen schließen. Zum anderen aber werkeln die, die es noch gibt, heute auch viel bescheidener und pädagogisch nachhaltiger vor sich hin, als es in diesen megalomanen Statements den Anschein haben konnte. Viel wichtiger aber: Solche profitorientierten Schulen, die das Image - wenn nicht: Feindbild - maßgeblich mitprägen, machen nur einen winzigen Teil der Schulen in freier Trägerschaft aus.

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Vielleicht sollte man überhaupt mal mit ein paar Zahlen beginnen. Fangen wir mit dem "Boom" an. Es klingt ja so, als gebe es in Deutschland heute an jeder Ecke irgendeine Alternativschule. Stimmt schon, die Privaten haben steten Zuwachs. So machten allein in den vergangenen zehn Jahren knapp 1100 neue allgemeinbildende Privatschulen auf. Die Anzahl der Schüler stieg im selben Zeitraum von 560.000 auf 719 671.

Bei den Grundschulen ist die Zahl der Privatschüler seit Pisa gar um 74 Prozent gestiegen. Allerdings klingt das nach mehr als es ist: Insgesamt gibt es 3373 allgemeinbildende Privatschulen, das heißt, gerade mal 8,2 Prozent aller Schüler gehen auf eine Privatschule. Damit liegt Deutschland weit hinter anderen OECD-Ländern. In Spanien besucht jedes dritte Kind eine Privatschule, im OECD-Durchschnitt gehen 14 Prozent aller Schüler auf eine allgemeinbildende Schule in freier Trägerschaft. Das soll nicht heißen, dass wir es unbedingt den Spaniern nachmachen sollten, es soll nur den "Boom" relativieren.

Der vergleichsweise große Zuwachs in den vergangenen Jahren hat verschiedene Gründe: Ostdeutschland war nach der Wiedervereinigung leer wie die Great Plains, es gab naturgemäß im Sozialismus keine Privatschulen. Dazu kommt eine psychische Grunddisposition heutiger Eltern, die man vielleicht als dauerbesorgt beschreiben könnte. Viele Eltern glauben, sie müssten 24 Stunden am Tag als welterklärende Mediatoren um ihre kleinen Lebenswunder herumwuseln, auf dass die dann bitteschön die ultimative Berufsvita hinlegen mögen. Und wenn sie nicht selbst die Hoffnungsträger pädagogisch pampern, dann sollen es andere tun. Weshalb es ja heute auch Privatkrippen und Kindergärten gibt, deren Rundumprogramm an Wellnessintensiv-Tage für Manager erinnert: Die Potsdamer Kindertagesstätte "Villa Ritz" verfügt über einen Ballettsaal und eine Wellness-Abteilung. Laut Homepage sind "Deutsch und Englisch Verkehrssprachen. Chinesisch ergänzt das Fremdsprachenangebot."

Pisa wirkte bei dieser nervösen Grundstimmung wie ein Brandbeschleuniger: Die katastrophalen Ergebnisse des ersten Vergleichs und das anschließende jahrelange, grobmotorische Reformgestocher haben die Eltern zutiefst verunsichert. Eine bessere Werbung als Pisa hätte es für Privatschulen nicht geben können. In allen Ländern außer Finnland lagen damals die privaten Bildungseinrichtungen vor den staatlichen Schulen. Betrachtet man die Lesekompetenz, so liegen die deutschen Privatschüler auf den ersten Blick sogar um fast zwei Lehrjahre vor den Schülern an staatlichen Einrichtungen.

Ein Triumph, so hieß es landauf, landab, der endgültige Beweis für die pädagogische Überlegenheit. Viele Privatschulen nahmen das natürlich als Steilvorlage und warben fortan mit der Behauptung, sie seien automatisch besser. Gleichzeitig beschrieben sie die Situation des öffentlichen Schulsystems in düstersten Farben. "Was lernen wir aus der Pisa-Studie?", fragte das Internatsgymnasium Schloss Torgelow dräuend in einer Broschüre. Eh klar: Dass alle staatlichen Schulen Abbruchunternehmen sind. Und dass in Zeiten der Globalisierung, in denen weit hinten, in China, Abermillionen Abiturameisen, nimmermüd und marktgestählt und mit einem IQ von 170 fabrikfertig montiert und dann auf den Weltmarkt losgelassen werden, nur noch Kinder mit feinster Privatschulbildung Chancen haben werden.

Das aber ist billige Angstmache. Und vor allem stimmt es nicht. Vergleicht man nämlich die Ergebnisse gleicher Schulformen, also etwa private und öffentliche Gymnasien, so schmilzt der vermeintliche Vorsprung dahin wie ein sommerliches Eis auf der Piazza von Pisa. Die Leistungen zwischen privaten und öffentlichen Gymnasien sind: gleich. Das aber bedeutet: Entscheidend für die Noten ist nicht die Schule. Entscheidend sind die Schüler und deren jeweiliger familiärer Hintergrund.

Privatschüler kommen in der Regel aus bildungsorientierten, karrierebewussten Mittelstandsfamilien. Nicht die Schulen sind per se besser, sondern die Elternhäuser. Gymnasien aber haben dieselbe Klientel. So decken diese Zahlen eine scheinheilige Argumentation der Kultusminister auf: Die wehren sich schließlich mit Händen und Füßen gegen Privatschulen und führen dabei stets das sogenannte ,,Sonderungsgebot'' ins Feld. Und hier wird's nun interessant.

Im Grundgesetz § 7 Abs. 4 steht, dass "das Recht zur Errichtung von privaten Schulen gewährleistet" wird, aber nur, solange "eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird". Gut so! Dieselben Minister protegieren aber ein System, das selbst nichts anderes tut als "die Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern" zu sondern. Man muss keine Studien aus dem Keller holen, um zu belegen, wie skandalös eng schulische Leistungen und soziale Herkunft in Deutschland zusammenhängen. Der Numerus Clausus vererbt sich hierzulande genauso wie das Fünferzeugnis.

Das aber bedeutet: Die größte "Sonderung" findet in Deutschland jedes Jahr in den vierten Klassen der Grundschulen statt: Ärztekinder aufs Gymnasium, Hartz IV auf die Hauptschule. Das ist der Skandal des deutschen Bildungssystems. Oder wie Christian Füller schreibt: "Sonderung ist nur zu einem geringen Anteil das Problem der Privatschulen, Sonderung ist vor allem der Sündenfall des staatlichen Schulwesens. Sie ist aber im Grundgesetz nur den privaten Schulen verboten. Das ist absurd. Denn es bedeutet, dass die Kultusminister die blauen Briefe, die sie so gern an die Privatschulen versenden, gleich noch mal verschicken sollten: an die deutschen Gymnasien. Die Sozialauswahl oder, böse gesagt, die Selektion nach der Herkunft der Eltern, ist dort am stärksten."

Christian Füller, Autor und Bildungsredakteur der tageszeitung, hat sich die Mühe gemacht, all die verschiedenen Einrichtungen, die unter dem Begriff der Privatschulen subsumiert werden, genauer unter die Lupe zu nehmen. Sein daraus resultierendes Buch "Ausweg Privatschulen?" geriet ihm im Lauf der Recherche zu einem flammenden Plädoyer für die Privatschule. Ja, die taz ist ziemlich links. Nein, Christian Füller lebt nicht in Potsdam oder Starnberg. Er hat auch keine Privatschule gegründet. Sein Buch ist trotzdem ein beeindruckendes Plädoyer für all die Schulen in freier Trägerschaft, die es in Deutschland so gibt, für ihren pädagogischen Reichtum genauso wie für den Mut und das Engagement, mit dem sie größtenteils betrieben werden. Denn das kam ja in diesem Text hier bislang viel zu kurz: Dass da landauf landab gegen großen bürokratischen Widerstand in Eigenregie Forschungslabors entstanden sind, die versuchen, das pädagogisch überkommene fächerzentrierte Lernen aufzubrechen.

Nein, das soll umgekehrt auch nicht heißen, dass alle Regelschulen dumpfe Verwahranstalten und Büffelfabriken wären. Wirklich nicht. Es wurde schließlich lange genug versucht, die eine gegen die andere Schulform auszuspielen. Wenn es da nicht zum großen Clash kommen soll (dazu nachher mehr), muss man vielmehr versuchen, voneinander zu lernen. Und von vielen Privatschulen kann man - mal abgesehen von dem beneidenswerten Privileg, dass sie sich ihre Lehrer selber aussuchen können - doch viel lernen: Wie man das Unterrichtskorsett aufbricht, wie man ohne Notenterror zu einer fairen Bewertung des Schülers kommt. Wie Kinder lernen, ohne das Gefühl zu haben, büffeln zu müssen. Welche Möglichkeiten sich einer Schule eröffnen, die über ihr Budget frei verfügt.

Apropos Budget: Das Vorurteil von der Privatschule als Enklave für Superreiche muss ja noch ausgeräumt werden. Die allermeisten dieser Schulen in freier Trägerschaft werden von den Kirchen betrieben. Danach kommen Waldorf- und anderweitig reformorientierte Schulen und die freien Alternativschulen. Weshalb es spätestens an dieser Stelle auch an der Zeit ist, feierlich zu versprechen, dass wir all diese unterschiedlichen Einrichtungen nie mehr unter dem Kampfbegriff der Privatschule rubrizieren wollen, eben weil man da doch immer an Bentley-Eltern und wohlstandsverwahrloste Grünwalder Bubis denkt.

Im Schnitt nehmen solche Schulen 120 bis 200 Euro an monatlichen Gebühren. Ja. Stimmt tatsächlich. Gerade noch mal nachgefragt beim Verband Deutscher Privatschulverbände e.V. Viele der Schulen staffeln diese Gebühren auch noch nach Einkommen oder vergeben Stipendien. Rund die Hälfte der katholischen Schulen nimmt gar kein Schulgeld. Und in den Schulen, die Gebühren erheben, gibt es sehr oft kulante Regelungen - zum Beispiel für Geschwisterkinder.

Diese Schulen nehmen das Schulgeld, nicht weil sie unbedingt einkommensschwache Familien draußenhalten oder Rendite erwirtschaften wollen, sondern weil sie vom Staat weniger Unterstützung bekommen als die Regelschulen: Im Grundgesetz wird zwar"das Recht auf die Gründung von Privatschulen" gewährt, in Sachen Förderung aber macht jedes Bundesland, was es will: Nordrhein-Westfalen fördert freie Grundschulen zu 75 Prozent, Baden-Württemberg gönnt privaten Trägern gerade mal ein Drittel dessen, was es staatlichen Grundschulen zukommen lässt. Kurzum, eine sechzehnfach föderalisierte Bildungsbürokratie führt zu vogelwilder Willkür. Vor allem aber führt sie zu genau dem "Sonderungs"-Vorwurf, der den Staat mit dem Finger auf die Schulen in freier Trägerschaft zeigen lässt: Da sie weniger Zuschüsse bekommen als andere, müssen sie Gebühren erheben. Fragt sich, wie lange sie das überhaupt noch können. Denn es kommt ein Sturm auf, dessen Ausläufer im vergangenen Jahr schon mal Brandenburg erreicht haben.

Nehmen wir die Freie Schule Angermünde, kurz vor der polnischen Grenze. Gegründet kurz nach der Jahrtausendwende von einigen Eltern, die mit der pädagogischen Arbeit der örtlichen Grundschule nicht einverstanden waren. Angelehnt an Maria Montessoris Pädagogik machten sie also eine eigene Schule auf, die langsam, aber stetig von ursprünglich acht auf 55 Schüler anwuchs. Mittlerweile gehört auch eine Oberschule dazu. Die wurde von den Eltern nach Rücksprache mit dem Bildungsministerium vorfinanziert. Das Ministerium versprach, nach den ersten drei Jahren Testphase den Großteil der Kosten zu übernehmen. Also nahm die Schule einen Kredit von 220.000 Euro auf, abgesichert durch Elternbürgschaften. Dann aber beschloss das Land Brandenburg, die Zuschüsse für Privatschulen herunterzufahren. 2015 wird die Schule 65.000 Euro weniger zur Verfügung haben als heute.

"Wenn wir pleitegehen, sind all diese Familien mit dran", sagt Axel Kalhorn, einer der Mitbegründer der Schule, und lacht leise. "Warum lachen Sie?" - "Weil es so absurd ist. Wir hatten drei Möglichkeiten, um auf die Kürzungen zu reagieren: Personal entlassen. Beiträge erhöhen. Schülerzahl erhöhen." Personal wollten sie auf keinen Fall entlassen. Die Beiträge erhöhen ging nicht, "weil ja sonst die berühmte Sonderungsgefahr besteht: 65 Euro mehr im Monat, das könnten sich in dieser Gegend nur noch die Wohlhabenden leisten. Blieb die Erhöhung der Schülerzahl, obwohl wir damit unser eigenes pädagogisches Konzept torpedieren. Wir haben also fünf neue Schüler aufgenommen." Womit sich in Zeiten des Bevölkerungsrückgangs das Grundproblem verschärft: Die fünf fehlen jetzt den staatlichen Schulen Brandenburgs.

Die Kürzungen sind angesichts bekannt klammer Kassen auch deshalb so absurd, weil (wie das Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft errechnet hat) jeder Schüler auf einer freien Schule in Brandenburg den Staat 1800 Euro weniger kostet als ein Schüler auf einer öffentlichen Schule. Aber so sehen die zukünftigen Verteilungskämpfe eben aus. Das wahre Hauen und Stechen beginnt erst noch. Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben die Zuschüsse für alle nichtstaatlichen Schulen bereits gekürzt, Brandenburg folgt - und Bayern droht damit.

Und? Gibt es eine Lösung? Axel Kalhorn denkt lange nach, dann sagt er: "Es wird nur über Kooperationen gehen, Zusammenarbeit zwischen freien Trägern und dem Staat. Aber da muss vorher viel passieren in den Köpfen der Verwaltung." Schönes Schlusswort.

P.S.: Wer argwöhnt, hier schreibe nur wieder irgendjemand pro domo und werbe die Schulart an, auf die seine eigenen Kinder gehen, liegt falsch. Die Kinder des Autors besuchen eine städtische Grundschule und ein staatliches Gymnasium.