22. Januar 2013 05:28 Kritik an Plagiatsverfahren Fall Schavan entzweit die Wissenschaft

Wissenschaftler sehen das Plagiatsverfahren gegen Bildungsministerin Schavan kritisch - und ermahnen dazu, Prüfungsstandards einzuhalten. Kurz vor der Entscheidung über den Fall schlagen Hochschulvertreter zurück.

Von Roland Preuß

Die Frontlinie geht nun mitten durch die Wissenschaft: Die Max-Planck-Gesellschaft, die Humboldt-Stiftung und andere Riesen der Forschungslandschaft haben das Plagiatsverfahren gegen Bildungsministerin Annette Schavan angegriffen - nun schlagen Hochschulvertreter zurück. Und das alles kurz vor der Entscheidung der Universität Düsseldorf über ein Verfahren zur Aberkennung von Schavans Doktortitel an diesem Dienstagabend. Der Fall Schavan entzweit inzwischen die Wissenschaft.

Besonders scharf formulierte Bernhard Kempen, der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes (DHV). "Hochrangige Vertreter der Wissenschaft erweisen der Wissenschaft einen Bärendienst, wenn sie den fatalen Eindruck entstehen lassen, politisch wünschenswerte Ergebnisse könnten öffentlich herbeigeredet werden", sagte er. Die Argumentation der Wissenschaftsorganisationen bezeichnete er als "an den Haaren herbeigezogenen Unsinn". Der Hochschulverband ist die Vertretung von mehr als 27.000 Professoren. Kempen nahm damit vor allem die Universität Düsseldorf in Schutz, die Schavans Doktorarbeit prüft.

Die Allianz der großen deutschen Wissenschaftsorganisationen hatte zuvor das Vorgehen der Düsseldorfer kritisiert und die Einhaltung bewährter Prüfstandards angemahnt. Die Vorwürfe seien nur von einem Professor erarbeitet und zugleich bewertet worden, zudem sei dieser nicht vom Fach, hieß es leicht verklausuliert in einer Erklärung der Allianz. Deren Mitglieder werden weitgehend vom Bund finanziert.

"Anmaßende Einmischung in ein Einzelverfahren"

Auch der Philosophische Fakultätentag hatte das scharf zurückgewiesen. Die Allianz übe durch "unangemessene Vorwürfe und Unterstellungen öffentlich Druck" auf die Uni Düsseldorf aus, sagte deren Präsident Tassilo Schmitt. Der Fakultätentag vertritt die Geistes- Kultur- und Sozialwissenschaften an den Universitäten. "Es verbietet sich, sachfremden Verdacht zu streuen", so der Geschichtsprofessor. Und der Wissenschaftsrechtler Klaus Ferdinand Gärditz kritisierte die Erklärung als "anmaßende Einmischung in ein Einzelverfahren". Gärditz hatte der Uni Düsseldorf in einem Gutachten vor kurzem bescheinigt, korrekt gearbeitet zu haben.

Die Entscheidung, ob die Aberkennung von Schavans Titels auf den Weg gebracht wird, trifft der Rat der Philosophischen Fakultät in Düsseldorf. Der Fakultätsrat ist das Parlament der Geistes- Kultur- und Sozialwissenschaften an der Universität, hier werden viele wichtige Entscheidungen für diese Fächer getroffen, seien es Studienpläne oder eben Plagiatsverfahren.

Der Rat hat 19 Mitglieder, doch nur die 15 gewählten Räte dürfen über die Causa Schavan entscheiden. Mit acht Mitgliedern stellen Professoren die Mehrheit, hinzu kommen je zwei wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Mitarbeiter sowie drei Studentenvertreter. Zudem sitzen die Gleichstellungsbeauftragte, der Studiendekan, der Dekan und der Prodekan in dem Gremium, haben aber keine Stimme.

Der Prodekan, Professor Stefan Rohrbacher, hat die Entscheidungsgrundlage geliefert, einen 75-seitigen Bericht. Dort wirft er Schavan eine "leitende Täuschungsabsicht" vor. Die Entscheidung fällt mit einfacher Mehrheit - und voraussichtlich erst am Abend. Was bestimmt wird, darin ist der Rat frei: er kann weitere Gutachten bestellen, Aufträge erteilen oder Fachleute hinzuziehen. Letztlich aber muss er sich entscheiden: Entweder es gibt kein Verfahren, dann ist der Fall für Schavan offiziell erledigt. Oder das Verfahren kommt - und damit akute Gefahr für Schavans Titel.