Vorwürfe gegen Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" Gezüchtigt und misshandelt

Trügerische Idylle? Die Glaubensgemeinschaft der "Zwölf Stämme" lebt in Klosterzimmern bei Deiningen.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Aussteiger aus der urchristlichen und bibeltreuen Gruppierung "Zwölf Stämme" berichten von zusammengeschnürten Babys, Schlägen mit Weidenruten und seelischen Misshandlungen. Die Justiz ordnet eine vorläufige Entziehung des Sorgerechts an. Die Eltern setzen dagegen auf eine ihnen bewährte Strategie.

Von Stefan Mayr

Der Gutshof der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" liegt malerisch und friedlich inmitten des Rieskraters zwischen den Ortschaften Deiningen und Löpsingen. Im Hof rauschen große Laubbäume, Blumen machen das Bild noch lieblicher. Doch am Donnerstag um 6.20 Uhr ist die idyllische Stimmung schlagartig beendet. Etwa 100 Polizisten umstellen das Areal im Deininger Ortsteil Klosterzimmern (Kreis Donau-Ries).

Die Beamten nehmen 28 Kinder im Alter von sieben Monaten bis 17 Jahren mit und bringen sie in dunkelblauen VW-Bussen ins Landratsamt in Donauwörth. Damit vollzieht das staatliche Jugendamt einen Beschluss des Familiengerichts. Dieses hatte den Eltern zuvor per einstweiliger Anordnung das Sorgerecht entzogen. Noch am Nachmittag werden die Kinder in Pflegefamilien und Heime gebracht. Auch in Wörnitz (Kreis Ansbach) werden zwölf Kinder der "Zwölf Stämme" in Obhut genommen.

Grundlage des massiven Eingriffs sind neue Zeugenaussagen von mehreren Aussteigern aus der Glaubensgemeinschaft. Diese hatten nach Auskunft des Nördlinger Amtsgerichtsdirektors Helmut Beyschlag von "deutlichen körperlichen Züchtigungen und seelischen Misshandlungen" berichtet. Kinder seien "von ihren Eltern und auch von Dritten" unter anderem mit Weidenruten geschlagen worden, Jugendliche seien "wochen- und monatelang aus dem Familienverband isoliert und quasi geächtet worden". Zudem berichtete Beyschlag vom "sogenannten Restraining von Säuglingen". Dabei würden Babys "eng gewickelt", ihre Gliedmaßen würden "festgehalten" und der Kopf sei "herabgedrückt, um den Bewegungsdrang einzuschränken".

Belastbare Beweismittel für Misshandlungen

Mit derartigen Vorwürfen sah sich die urchristliche und bibeltreue Glaubensgemeinschaft, der etwa 100 Mitglieder angehören, bereits 2012 konfrontiert. Die Staatsanwaltschaft Augsburg ermittelte wegen des Verdachts auf Körperverletzung, stellte das Verfahren jedoch ein. Die Ermittlungen hätten zwar ergeben, dass in der Glaubensgemeinschaft sehr wohl "Züchtigungen" stattfanden, allerdings hätten sich diese Taten "nicht in der für eine Anklage ausreichenden Weise konkretisieren" lassen.

Dies ist seit Mitte August offenbar anders, laut Beyschlag liegen nun neue belastbare Beweismittel vor. "Ein unverzügliches Einschreiten war geboten", betont Beyschlag, "ohne Eilentscheidung wäre das Kindeswohl gefährdet gewesen." Eine endgültige Entscheidung über das Sorgerecht wird allerdings erst in einem Hauptsacheverfahren fallen. Die Eltern werden in einigen Tagen Kontakt mit ihren Kindern aufnehmen dürfen.

"Das war wie ein Albtraum"

Die Mitglieder der "Zwölf Stämme" wurden von der Aktion völlig überrascht, sie wollten am Donnerstag den Start der Jom-Kippur-Woche begehen. "Eigentlich ist heute Feiertag", sagt Klaus Schüle. Der 56-Jährige musste mitansehen, wie sein Sohn und seine Tochter mitgenommen wurden. "Das war wie ein Albtraum", berichtet er, dabei zittern seine Finger. "Heute wäre ein Familientag ohne Arbeit", sagt er, "und jetzt sind unsere Kinder weg." Eine Mutter hat Tränen in den Augen, ihr wurden zwei Kinder entzogen. "Ich komme aus Holland und hoffe, dass die Leute aufstehen und das nicht akzeptieren." Auf die Frage, ob die Prügel-Vorwürfe zutreffen, antworten alle Eltern ähnlich: "Wir lieben unsere Kinder über alles und misshandeln sie nicht", sagt Schüle. Die einzige Kindesmisshandlung, die er sehe, sei das Vorgehen der Behörden.

Jugendamtsleiter Alfred Kanth und Polizeisprecher Ludwig Zausinger berichten auf einer Pressekonferenz im Landratsamt Donauwörth, dass die Aktion überraschend emotionslos vonstatten gegangen sei. "Wir hatten befürchtet, dass wir Kinder von ihren Eltern losreißen müssen", sagt Zausinger, "aber die Aktion verlief friedlich und ohne Zwischenfälle." Kanth berichtet, er habe in 40 Dienstjahren eine derartige Inobhutnahme noch nie erlebt. "Die Kinder haben nicht geklammert und nicht geschrien." Diese Emotionslosigkeit gebe ihm sehr zu denken, sagt Kanth. "Mehr will ich dazu nicht sagen." Er kündigt an, dass den Jugendlichen jetzt eine "Schul- und Berufsausbildung" angeboten werde, die kleineren Kinder würden bei den öffentlichen Schulen angemeldet.

Zuletzt war die Glaubensgemeinschaft in den Schlagzeilen, als ihrer Privatschule zum 31. Juli die Genehmigung entzogen wurde, weil sie keine geeignete Lehrkraft benennen konnte. Die Mitglieder der "Zwölf Stämme" weigern sich seit Jahren, ihre Kinder in staatliche Schulen zu schicken. 2004 waren deshalb mehrere Väter in Erzwingungshaft gekommen. Vor wenigen Wochen legten die "Zwölf Stämme" dem Kultusministerium einen neuen Antrag auf Genehmigung einer Schule vor. Nach Angaben des Kultusministerium gibt es derzeit keine Chance auf Genehmigung.

In einem Löpsinger Gasthaus sitzt Gerd Wenzel aus Eisleben. Er war in den vergangenen drei Wochen Gast in Klosterzimmern und half bei Feldarbeiten mit. Er berichtet, dass Kinder nach Streit oder "unbedachten Äußerungen" von Erwachsenen mitgenommen und ins Haus gebracht werden. "Nach zehn Minuten kommen sie dann wieder", sagt er, "manchmal weinen sie, manchmal nicht." Was genau im Haus passiert, wisse er nicht.

Am Mittag fährt ein Kleinbus des Landratsamts vor und bringt einige Kinder und Jugendliche zurück, weil sie in Klosterzimmern nur zu Besuch oder älter als 18 Jahre sind. Sie freuen sich sichtlich, wieder zu Hause zu sein. Mit Tränen in den Augen umarmen sie ihre Eltern. Wie es weitergeht? "Wir machen das, was wir immer machen", sagt Gemeinschaftsmitglied Martin Müller. "Wir vertrauen auf Gott."