Unterwegs auf der Frankenalb Die Kraft der wilden Kräuter

Leonie Bräutigam ist vor Jahren von Nürnberg nach Oed gezogen. In der Abgeschiedenheit hat sie die Vielfalt der Natur schätzen gelernt. Auf ihren Führungen lässt sie Städter an ihrem Wissen teilhaben

Von Lisa Schnell, Oed

Das Frankenland ist eigenwillig, heißt es, manche sagen sogar störrisch. Und immer dachte man, es ginge um die Bewohner des Landes, die Franken. Dabei könnte es sich um ein großes Missverständnis handeln. Am Ende ist nicht die Rede vom fränkischen Menschen sondern vom Frankenland selbst, dem Land unter den Menschen, dem fränkischen Erdreich sozusagen. Solche Gedanken keimen auf in einem, wenn man mit Leonie Bräutigam bei einer ihrer Kräuterführungen durch den Schlammboden hinter ihrem Haus stapft. Das Laub, gelb und rot, raschelt um ihre Gummistiefel. Leises Vogelgezwitscher, das Krähen eines Hahnes. Heinrich heißt der, manchmal pickt er bei ihr ans Fenster. Das Fenster einer alten Mühle, die sie mit ihrem Mann hergerichtet hat in einem Ort bei Nürnberg, der Oed heißt.

Gesprochen Öd wie die Einöde und auch so gelegen: eine Handvoll Häuser, aufgereiht an nur einer Straße, hingeschmiegt an die Rücken von bewaldeten Hügeln. Ein Briefkasten, ein Bäcker, ein Wirtshaus (Artikel rechts), keine Bushaltestelle, keine Schule. Handyempfang? Bedingt. Zwischen der dritten und vierten Buchsbaumhecke den Hügel hinauf, verteidigt von einem mutigen Gartendackel. Hier also, an diesen abgeschiedenen Ort ist Leonie Bräutigam mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen gezogen vom Nürnberger Stadtleben in die Natur. Offiziell liegt Oed in der Oberpfalz, es ist aber Teil der fränkischen Alb und so ist auch der eigenwillige Boden zu erklären. Die pink-protzende Blumenpracht aus dem Baumarkt ließ der nach nur einem Winter kläglich verkommen. Erst als Bräutigam ihn nahm, wie er ist, braun und bescheiden, sprossen auf dem Frankenboden Kräuter und Beeren. Dass sie köstlich und heilsam sind, lernte Bräutigam schon als Kind von ihrer Oma. Durch eine Ausbildung zur staatlich geprüften Kräuterführerin hat sie ihr Wissen vervollständigt. Von Mitte April bis August zeigt sie auf Kräuterwanderungen, wo rund um ihre Mühle wilde Kräuter wachsen.

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Bräutigam steht im Bach hinter ihrem Haus, dicht am Ufer. Das Wasser gurgelt um ihre Gummistiefel. Sie geht in die Knie, zwickt mit dem Daumennagel ein kleines, gezacktes Blatt ab. "Probieren Sie mal", sagt sie. Frisch schmeckt es, dann senfig, scharf. Es scheint, als dringe durch die verschnupfte Nase wieder Luft. "Das ist die Brunnenkresse", sagt Bräutigam, "das Kraut bei aufkeimenden Erkältungen". Die Senfölglycoside wirkten antibakteriell. Auf frischem Bauernbrot mit Butter und Salz schmeckt die Brunnenkresse außerdem vorzüglich. Das darf der Besucher in der Gaststube der alten Mühle kosten. Setzen kann er sich dabei auf alte Holzstühle, klobige "Prügelstühle", wie sie jedes Wirtshaus braucht, und fein geschwungene Café-Stühle aus den Zwanzigerjahren. Nichts außer schlichte Kleiderhaken schmücken die noch original holzvertäfelte Wand, daneben ein alter Holzofen mit silbernem Ofenrohr. Auf einem Tisch hat Bräutigam fünf weiße Teller mit Kräutern für das Immunsystem aufgereiht. Von den rot leuchtenden Beeren der Hagebutte, die so viel Vitamin C in sich hat wie keine andere heimische Wildfrucht, bis zu den langen, spitzen Blättern des Spitzwegerich gegen fest sitzenden Husten. So sieht es auch aus, wenn sie ihre Führung zu Immunkräutern hält. Dabei ist ihr wichtig, dass sie nicht heilen will. Nur wie man sich mit Wildkräutern seine Gesundheit erhält, davon kann sie berichten. Oder was, wann wo wächst und welche Kräuter sich für einen Smoothie eignen. Lange genug wurden Wildkräuter als Unkraut ausgerupft. Jahrhundertelang galten sie als Teil der "Armenküche", kein Wort von ihnen in fürstlichen Kochbüchern. Lange hatten die meisten Deutschen nur ein Naserümpfen für sie übrig, etwa für die Brennnessel. Ihr Geschmack erinnerte sie an schlechte Zeiten. Als eine der nahrhaftesten Wildkräuter brachte sie viele durch die dürren Nachkriegsjahre. Jetzt wird sie von Bräutigam wieder gefeiert.

Mit bis zu 15 Teilnehmern streift sie bei ihren Kräuterwanderungen zwei Stunden durch Wiesen und Wälder, einen geflochtenen Korb am Handgelenk. Was sie darin gesammelt haben schnippeln, pürieren und verkochen die Teilnehmer dann in der Gasthofküche zu einem Vier-Gänge-Menü. Etwa grüne Kräutersuppe und Brennnesselquiche. Heute steht Linsensuppe auf dem Gasherd, Bräutigam wäscht Wildrauke. "Manche denken, in der Natur gibt's keinen Dreck. Ganz so ist das aber nicht", sagt sie und schüttelt die Rauke trocken. Eine übertriebene Romantisierung der Natur wird man bei ihr nicht finden. Schlicht-bäuerlich, auch festlich sieht es bei ihr aus, kitschig nie. Von Naturtümelei, gar Esoterik keine Spur. Dafür hat sie viel nützliches Wissen über Kräuter zu bieten. Etwa, dass man sie auch in jeder Großstadt sammeln kann. In Oed, hinter den Bergen, zwischen den Wäldern auf dem störrischen, fränkischen Boden ist es aber viel schöner.