Alpine Großbaustelle in Bayern Streit ums Sudelfeld

Eine Straße durch die Bergwiese ist der Anfang einer gigantischen Baumaßnahme am Sudelfeld.

(Foto: Heiner Effern)

Oberhalb von Bayrischzell beginnt die umfangreichste und zugleich umstrittenste Modernisierung eines Skigebiets in Deutschland: Neue Lifte sind geplant, dazu ein gigantischer Speicherteich und ein Heer von Schneekanonen. Naturschützer sind empört, die Politik schaltet sich ein.

Von Heiner Effern, Sudelfeld

Harald Gmeiner steht unterhalb der Walleralm, gegenüber ragt der Wendelstein in den weißblauen Himmel, hinter ihm schmelzen die letzten Schneereste in der Sonne. Der Tourismus-Chef der Gemeinde Bayrischzell schaut ins Tal hinab, er ist an diesem Tag ein sehr glücklicher Mann. Doch nicht nur, weil er die Landschaft auf dem Sudelfeld so mag, der eigentliche Grund für sein Glücksgefühl ist ein großer gelber Bagger. Unterhalb der Almwirtschaft gräbt er Schaufelbiss um Schaufelbiss eine neue Straße in die Wiese. Es ist ein erstes sichtbares Zeichen: Die derzeit umfangreichste und zugleich umstrittenste Modernisierung eines Skigebiets in Deutschland hat begonnen. Das in die Jahre gekommene Sudelfeld soll für gut 25 Millionen Euro ausgebaut werden.

Umweltverbände prüfen Klage gegen Ausbau

"Seit neun Jahren arbeiten wir darauf hin, und nun geht es tatsächlich los", sagt Harald Gmeiner. Doch nicht nur der Touristiker kann es kaum fassen. Auch die Umweltverbände ringen um Worte. Allerdings nicht wegen großer Freude. "Wir halten die torschlusspanikartige Genehmigung noch in der Amtszeit des Skandal-Landrats Kreidl selbst für skandalös", sagt Richard Mergner, Landesbeauftragter des Bund Naturschutz (BN). Der Kampf gegen die Aufrüstung des Sudelfelds ist für ihn noch nicht vorbei. "Wir prüfen eine Klage gegen die Genehmigung. Und die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns dafür entscheiden, ist sehr hoch."

Das Landratsamt Miesbach hatte die Genehmigung am 14. April erteilt. Angesichts des politischen Chaos in den vergangenen Wochen eine überraschende Entscheidung: Landrat Jakob Kreidl (CSU), ein großer Verfechter des Ausbaus, musste sich wegen zahlreicher Affären aus der Politik zurückziehen. Wochenlang war er krank geschrieben. In der Stichwahl am 30. März setzte sich Wolfgang Rzehak von den Grünen als neuer Landrat durch. Doch der Amtswechsel findet erst am 1. Mai statt. Anfang April meldete sich Kreidl wieder gesund, wenig später erteilte sein Amt die Genehmigung für den umstrittenen Ausbau.

Etwa zwei Jahre hatten sich zuvor Naturschützer auf der einen sowie Touristiker und Liftbetreiber auf der anderen Seite eine der letzten großen Schlachten um die Zukunft des Skisports geliefert. Er hatte sich hauptsächlich an der geplanten Kunstschnee-Anlage entzündet. Keine in Deutschland wird effizienter sein als die auf dem Sudelfeld. Der Damm des künstlichen Speichersees wird am Fuß bis zu 70 Meter breit und knapp 40 Meter hoch sein. Die Wassermenge wurde mit 155 000 Kubikmetern noch ein wenig reduziert. Doch der Teich wird für deutsche Verhältnisse immer noch gigantisch sein.

Eine Koalition aus allen großen Naturschutzverbänden, SPD, Grünen und nun auch den Linken lief dagegen Sturm. Der massive Eingriff in die Natur sei nicht zu verantworten, besonders da ein Landschaftsschutzgebiet betroffen ist. Wasser und Energieverbrauch seien angesichts des Klimawandels ein Wahnsinn, so lauteten ihre Argumente. Auch Eva Bulling-Schröter, die Landesvorsitzende der Linken in Bayern, gehört zu den Kritikern. Sie ist zum Baubeginn auf das Sudelfeld bekommen, um sich von Skigebiets-Geschäftsführer Egid Stadler den Ausbau erläutern zu lassen.

Stadler zeigt ihr die Holzlatten auf der Bergwiese, an denen die Böschung des Sees beginnen wird. Auf der anderen Seite einer kleinen Schlucht markieren Pflöcke die neue Straße. Die alte würde mitten durch den See führen. "Wir haben durch den schneearmen Winter heuer einen Einbruch im Ski-Tourismus von 45 Prozent gehabt. Das hältst du zwei Winter aus, dann ist es vorbei", sagt er. Nur auf den wenigen jetzt schon beschneiten Pisten habe man fahren können. "Wir müssen jetzt anfangen, sonst können wir das Buch zumachen", sagt Stadler.

Moderne Kabinenbahn statt Einsitzer

Als er sich gerade für eine blühende Zukunft des Skisports auf dem Sudelfeld warm redet, kommt eine Wanderin mit ihrer Familie die Straße herauf. "Unmöglich. Ich finde das unmöglich", ruft sie in die Gruppe hinein. Linken-Landeschefin Bulling-Schröter fürchtet, dass angesichts der steigenden Temperaturen den Liftbetreibern auch der Schnee auf der Piste wegschwimmen wird. "Die unterschätzen den Klimawandel total", sagt sie. So ganz vielleicht nicht, aber die Liftbetreiber rechnen anders. 20 Jahre könne man mit einer effizienten Beschneiung hier noch locker fahren, sagt Stadler. Dann hätten sich die Investitionen schon gelohnt. "Mir hat noch keiner sagen können, wie wir sonst im Winter so viele Touristen herbringen können."

Bis zum Herbst 2014 sollen der Speicherteich und 72 neue Schneelanzen und -kanonen einsatzbereit sein. Dazu soll am Waldkopf eine Sechsersesselbahn an Stelle der Schlepplifte entstehen. Im Sommer 2015 soll dann die Beschneiung auf etwa 200 Lanzen und Kanonen erweitert und auch am Sudelfeldkopf eine Sechsersesselbahn gebaut werden. Am Ende soll eine Kabinenbahn den historischen Einsitzer von Bayrischzell aufs Sudelfeld ersetzen.

Die Naturschützer halten den Glauben an den Kunstschnee für einen fatalen Irrtum. Die Entscheidung über eine gemeinsame Klage fällt nach einer Präsidiumssitzung des Deutschen Alpenvereins am 8. Mai. Mit ihr würde der Antrag auf einen sofortigen Baustopp eingereicht.

Dann müsste sich der neue Landrat Rzehak von den Grünen doch noch intensiv mit der Genehmigung befassen. Politisch halte er den Ausbau des Sudelfelds für falsch, sagt er. Juristisch vertraue er dem Sachverstand der Verwaltung.

Eine Absprache mit seinem Vorgänger Kreidl habe es nicht gegeben, betont Rzehak. Er tritt damit Gerüchten über einen Deal entgegen, von dem beide profitiert hätten: Kreidl hätte eines seiner wichtigsten Ziele noch umgesetzt. Und Rzehak sich eine sofortige Auseinandersetzung mit dem Kreistag und der Verwaltung erspart. "Wenn rechtlich alles in Ordnung ist, hätte ich auch nicht anders entscheiden können", sagt Rzehak. Genau das zweifeln aber die Umweltschützer an.