Sexueller Missbrauch in der Kirche Selig die, die vergeben

Ein Pfarrer missbrauchte eine 14-jährige Konfirmandin. Bestraft worden ist der evangelische Geistliche bis heute nicht. Er musste lediglich einen Entschuldigungsbrief an das Opfer schreiben, doch der kommt nie an. Nun ist rechtlich nichts mehr zu machen, der Pfarrer ist in seine Gemeinde zurückgekehrt.

Von Monika Maier-Albang und Hans Holzhaider

Sie sagt, sie fühle sich "innerlich taub", jetzt, da klar ist, dass er nicht mehr belangt werden kann für das, was er ihr angetan hat. Und weil sie so viel Kraft investiert hat in diesen Prozess, der nun wohl ohne Ergebnis enden wird. Er war ihr Jugendpfarrer, ihr Religionslehrer, sie war 14, seine Konfirmandin.

Der Pfarrer hatte "intensiven Körperkontakt" zu einer 14-Jährigen. Die Kirche ermittelte, der Mann kehrte in seine Gemeinde zurück.

(Foto: dpa)

Er gab später zu Protokoll, dass die "Initiative doch sehr stark von ihr ausgegangen" sei. Doch selbst wenn es so wäre, was sie bestreitet, hätte ein Mann mit Ende 20 es nicht besser wissen müssen? Man fängt doch keine Beziehung an mit einer abhängigen Minderjährigen.

Mehr als 20 Jahre ist das nun alles her. Doch seit Kerstin F. sich 2003 entschloss, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern mit ihrer Geschichte zu konfrontieren, kommt es ihr zuweilen vor, als sei alles erst gestern passiert. Sie hat Beruf und Familie, den Beruf kann sie seit mehr als einem Jahr nicht mehr ausüben. Sie ist arbeitsunfähig geschrieben, hat eine Traumatherapie begonnen. Die Landeskirche hatte ihr 10.000 Euro Therapiekostenzuschuss bewilligt, der längst aufgebraucht ist. 140 Euro kostet jede Sitzung. Momentan zahlt sie selbst.

Aber immerhin kann sie sich seit Montag mit einer Erklärung der Landeskirche trösten. "Wir bedauern ganz außerordentlich, dass wir durch damalige Fehler in unserem Hause das Vertrauen der Frau und der Öffentlichkeit in eine konsequente Ahndung sexuellen Missbrauchs enttäuscht haben. Dafür bitten wir um Entschuldigung", schreibt Helmut Völkel, der Personalchef der Evangelischen Landeskirche in nicht alltäglicher Offenheit.

Erst im Frühjahr 2003 hatte sich Kerstin F. stark genug gefühlt, ihre Geschichte anzugehen. Sie forschte nach der Adresse des Pfarrers und versuchte, ihn per E-Mail zur Rede zu stellen. Sie hatte ja sonst keine Beweise für den Missbrauch. Im Juli 2003 wandte sich Kerstin F. an die für Missbrauchsfälle zuständige Frauengleichstellungsbeauftragte der Landeskirche, Johanna Beyer. Sie übergab ihr den E-Mail-Verkehr mit dem Pfarrer, der zu diesem Zeitpunkt im Allgäu eine Gemeinde leitete. Schon bei dieser Begegnung habe sie gesagt, dass es damals zum Geschlechtsverkehr gekommen sei zwischen ihr und dem Pfarrer, sagt Kerstin F. Der Pfarrer bestreitet dies nach wie vor.

Längst verjährt

Sie will reden, doch aus der Kirche kommt niemand auf sie zu. Statt das Opfer zu befragen, wird nur der Pfarrer befragt. Er gibt die Beziehung zu, nicht aber den Geschlechtsverkehr.

Im März 2004 eröffnet die Landeskirche ein Disziplinarverfahren gegen ihn, allerdings eine Light-Variante. Der Fall wird vor einem sogenannten Spruchausschuss verhandelt, der sich sonst mit der allgemeinen Lebensführung von Pfarrern befasst. Zu den Vorgängen befragt, gibt der Pfarrer an, er könne sich an Details des damals Geschehenen nicht mehr erinnern. Immerhin räumt er ein, es sei über mehrere Monate hinweg "häufiger" zu "intensiven Körperkontakten" gekommen.

Über den Unrechtsgehalt seines Handelns war sich der Pfarrer jedenfalls im Klaren: "Damals hätte mir bewusst sein müssen, dass ich mit einem Bein im Gefängnis stand", gibt er zu. Das hat er heute nicht mehr zu befürchten. Strafrechtlich ist der sexuelle Missbrauch längst verjährt.

Das Verfahren vor dem Spruchausschuss geht für den Pfarrer überaus glimpflich aus: Er soll sich entschuldigen bei Kerstin F., das war's. Kerstin F. bekommt jedoch weder eine Entschuldigung, noch erfährt sie, dass gegen den Pfarrer überhaupt ermittelt wurde.