Debatte um Sexualkunde-Unterricht Sorge vor zu viel Aufklärung

Im Januar gingen die "besorgten Eltern" in Hamburg auf die Straße, es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten.

(Foto: Daniel Reinhardt/dpa)
  • "Besorgte Eltern" sorgen sich um eine vermeintliche "Frühsexualisierung" von Kindern in Kitas, Kindergärten und Schulen.
  • Sie gehen seit geraumer Zeit bundesweit auf die Straßen, um die Bevölkerung "aufzurütteln" über "Umerziehung" und "Indoktrination" in der Schule.
  • Kritiker sehen in den besorgten Eltern keinen zufälligen Zusammenschluss von Eltern, sondern ein Bündnis von Menschen, das Stimmung gegen sexuelle Minderheiten macht.
Von Sarah Kanning

Sie nennen sich "besorgte Eltern" und sagen, dass sie eine vermeintliche "Frühsexualisierung" von Kindern in Kitas, Kindergärten und Schulen fürchten. Seit etwas mehr als einem Jahr gehen sie bundesweit auf die Straßen, um die Bevölkerung "aufzurütteln" über "Umerziehung" und "Indoktrination" in der Schule und "unwissenschaftliche" und für die Gesellschaft schädliche Maßnahmen.

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Kritiker sehen in den besorgten Eltern keinen zufälligen Zusammenschluss von tatsächlich besorgten Eltern. Für sie ist es ein Bündnis von Menschen, das Stimmung gegen sexuelle Minderheiten macht. Eine große Mehrheit gehöre entweder der ukrainischen, evangelikalen "The Embassy of the Blessed"-Freikirche an, besser bekannt als "Embassy of God", oder der streng radikalen Organischen-Christus-Generation. Beide legen die Bibel eng aus und fordern von ihren Mitgliedern, das Leben allein auf Gottes Wille auszurichten. In Augsburg ist die Eltern-Gruppe schon zweimal auf die Straße gegangen. Im Mai will sie wieder demonstrieren, wie Wadim Renner von den besorgten Eltern aus Augsburg ankündigte. Eine in München geplante Demo am Samstag ist abgesagt, seit es in Hamburg zu Ausschreitungen kam.

Demo gegen vermeintlich besorgte Eltern

Das bayernweite Bündnis "Vielfalt statt Einfalt" will dennoch am Samstag gegen die besorgten Eltern demonstrieren. Die Teilnehmer fürchten, dass die Lobby der besorgten Eltern ihre Arbeit zu Gleichberechtigung und mehr Vielfalt im Lehrplan behindern könnte. "Wir kämpfen eigentlich an zwei Fronten", sagt Werner Gaßner vom Aktionsbündnis. Nach Meinung vieler Bündnis-Unterstützer müsste der bayerische Lehrplan, der zu den konservativsten im föderalistischen Bildungsdeutschland zählt, modernisiert werden.

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Doch die besorgten Eltern schüren Ängste vor dem Status Quo. Im Bündnis sind sowohl politische Parteien wie SPD, Grüne, Linke und FDP engagiert, als auch mehr als 40 Vereine: das "Aktionsbündnis gegen Homophobie", "Schwule Lehrer" oder das schwule Kommunikations- und Kulturzentrum Sub" beispielsweise, sowie zivilgesellschaftliche Organisationen wie Pro Familia und die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft Bayern.

Aufklärungsunterricht ist in Bayern nach den "Richtlinien für die Familien- und Sexualerziehung" geregelt. Sexualerziehung ist definiert als "gemeinsame Aufgabe von Elternhaus und Schule". Mündliche und schriftliche Leistungsnachweise sind an keiner Schulart gestattet. In der Grundschule soll auf bildliche oder schriftliche Darstellung der Unterrichtseinheiten verzichtet werden.

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Nach Meinung von Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrerverbandes, wird zu viel Aufhebens um das Thema Aufklärung an Schulen gemacht: "Anzunehmen, dass Kinder mit ihren Fragen warten, bis sie in die 1. oder 2. Klasse kommen, ist naiv", sagt er. Kinder seien ständig mit dem Thema Sexualität konfrontiert, in der Werbung, im Fernsehen und im Internet. Sie stellten Fragen - und wollten Antworten. "Da muss sich doch keine Elterninitiative gründen, die Eltern sind doch eingebunden." Doch als die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg beispielsweise versuchte, die "Akzeptanz sexueller Vielfalt" als Ziel im Bildungsplan zu verankern und mit Grundschülern über Regenbogenfamilien oder Alleinerziehende zu sprechen, war die Empörung riesig.

Sorge vor der Aufklärung

Spricht man mit Wadim Renner von den besorgten Eltern, erhält man ein angstbesetztes Bild von Aufklärungsunterricht in der Schule. Seiner Meinung nach ist es "Umerziehung", anzusprechen, dass auch zwei Frauen oder zwei Männer eine Familie bilden könnten. In zehn bis 20 Jahren könnte das, so Renner, dazu führen, dass Pädophilie legalisiert werden würde.

In Bayern werden erst in Klassenstufe 9 "persönliche und soziale Aspekte der Homosexualität" angesprochen. Schätzungen zufolge sitzen in jeder Klasse ein bis zwei homosexuelle Schüler. Sie haben es oft schwer: Laut einer Studie des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg ist jeder zweiter Schüler Homosexuellen gegenüber negativ eingestellt. Um Vorurteile abzubauen, reist das Aufklärungsprojekt München an Schulen in Südbayern, um von der achten Klasse an über andere Lebensformen zu sprechen. Die Teilnahme ist freiwillig.

Im vergangenen Jahr erreichte das Projekt 2500 Schüler. Die Erfahrungen waren "durchweg positiv", erzählt Antonia Netzer, eine der Projekt-Verantwortlichen. "Die Anfragen steigen, der Bedarf ist da", sagt sie. Doch wenn sich der Elternbeirat wegen der besorgten Eltern gegen sie stellte, "erschwert das unsere Arbeit."