Schneeballsystem im Allgäu Betrüger prellt Anleger um 40 Millionen

Er hat 100 Prozent Rendite versprochen und damit etwa 10 000 Anleger geködert: Ein Betrüger aus dem Allgäu hat 40 Millionen Euro veruntreut. Manche haben bis zu 250 000 Euro verloren - und stehen vor dem Ruin.

Von Stefan Mayr

Andrea Petersen (Name geändert) erzählt ohne Punkt und Komma. Sie ist offenbar froh, ihren ganzen Kummer loswerden zu können. Immer wieder wiederholt sie Feststellungen wie "das war alles so perfekt" oder "die Leute waren so goldig". Nur bei zwei Fragen verstummt die 55-Jährige schlagartig. Ihr kommen die Tränen und sie antwortet mit stockender Stimme. Wie viel Geld sie bei dem Schneeballsystem verloren hat? "Das darf ich nicht sagen, mein Mann bringt mich sonst um." Und was sagen die Verwandten, denen sie diese vermeintlich sichere Geldanlage empfohlen hat? "Manche wissen es noch gar nicht", stottert sie, "ich trau' mich nicht, es ihnen zu sagen."

Andrea Petersen ist eines von mindestens 10 000 Opfern, die auf einen Betrüger aus dem Allgäu hereingefallen sind. Er hat 100 Prozent Rendite versprochen - innerhalb von drei Monaten. Trotz (oder gerade wegen) dieser extrem unrealistischen Gewinnerwartung rannten ihm die Kunden den Laden ein: Die veruntreute Summe wird vorübergehend auf 40 Millionen Euro geschätzt. "Ein so großer Schaden ist mir in den vergangenen zehn Jahren bei einem Schneeballsystem nicht untergekommen", sagt Christian Owsinski, der Sprecher des Polizeipräsidiums in Kempten.

Anfangs erhielten die Partner "massive Provisionen"

Die dortige Kriminalpolizei nahm vergangene Woche einen 45-jährigen Mann aus dem Oberallgäu fest, er sitzt in Untersuchungshaft. Der Geschäftsführer der Firma Marketing Terminal GmbH erzählte seinen Kunden, er schalte mit ihrem Geld Werbeanzeigen im Internet und könne damit das eingesetzte Kapital mindestens verdoppeln. Anfangs zahlte er seinen sogenannten "Partnern" tatsächlich massive "Provisionen" aus.

"Ich fand das logisch", erzählt Andrea Petersen, "ich dachte, Mensch, da hast du ja einen Goldklumpen in der Hand." Weil alles ein halbes Jahr so "perfekt" lief, steckte sie die meisten Provisionen sofort wieder in das Unternehmen. "Ich habe pro Monat 3000 Euro verdient", sagt sie. "Deshalb habe ich sogar meinen Job gekündigt." Es gab sogar zwei Treffen mit den Geschäftsführern, eines in München, eines in Hofheim/Taunus. "Die waren alle da und haben alles geduldig erklärt, das waren echt goldige Leute", erzählt Petersen. Bis heute kann sie nicht wirklich fassen, dass sie Betrügern auf den Leim gegangen ist: "Haben die wirklich nie eine Anzeige geschaltet?", fragt sie, "haben die mich schon in Hofheim angelogen? Das wäre ja noch schlimmer." Sie sagt tatsächlich: "Wäre".

Im Sommer begann das System zu wanken

Dabei musste sie schon seit Mai ihrem Geld hinterherlaufen. "Im Sommer konnte das System nicht mehr aufrechterhalten werden", sagt Polizeisprecher Owsinski. Die Firma zahlte nur noch verspätet und viel weniger als versprochen. Seit September kam gar nichts mehr, dann war die Telefon-Hotline nicht mehr erreichbar, das Facebook-Konto geschlossen. Vor einer Woche erfuhr Andrea Petersen von der Polizei, dass sie einen Teil ihres Geldes abschreiben muss. "Wie ich mich da gefühlt habe, dafür gibt es gar kein Wort", sagt sie. "Traumatisiert ist noch untertrieben."

Die 55-Jährige und ihr Mann hatten das Geld bereits fest verplant: "Nächsten Herbst wären wir schuldenfrei gewesen." Zusätzlich wollten sie das Haus renovieren und den Garten neu gestalten. "Alles war schon ausgerechnet." Um die goldene Zukunft zu sichern, löste das Ehepaar sogar die Lebensversicherung auf. "Jetzt sitzen wir richtig in der Scheiße", sagt Andrea Petersen, "wenn mein Mann stirbt, ist das Haus weg." Auf die Frage, ob ihr Mann ihr Vorwürfe macht, bricht sie erstmals in Tränen aus. "Inzwischen sagt er nichts mehr", stammelt sie, "Gott sei Dank." Eine fünfstellige Summe haben die Petersens verloren. "Es tut sehr weh", sagt sie. Mehr dürfe sie nicht verraten. "Das hat mir mein Mann verboten".

Gesunder Menschenverstand? Ausgeschaltet

Zwanzig Verwandte und Nachbarn hat sie überredet, ebenfalls in Marketing Terminal zu investieren. Ja, natürlich habe es kritische Stimme gegeben, räumt sie ein. "Aber ich habe alle für bekloppt erklärt, die nicht mitgemacht haben." Sie erlag dem Zauber der verheißungsvollen Stichworte wie Facebook und Google. Die Gier war stärker als der gesunde Menschenverstand. So ging es vielen Menschen, Polizeisprecher Owsinski berichtet von Anrufen aus ganz Europa. Nach seinen Angaben haben Einzelne bis zu 250 000 Euro investiert.

Die Kripo Kempten ermittelt gegen zwei weitere Geschäftspartner, einen 44-jährigen Mann und eine 23-jährige Frau. Sie befinden sich auf freiem Fuß. Owsinski berichtet, dass im Präsidium Kempten seit Bekanntwerden der Festnahme die Telefone heiß laufen: Um die Flut der Anrufe einigermaßen einzudämmen, betont Owsinski, dass die Polizei für die Regulierung der entstandenen Schäden nicht zuständig sei. Er verweist auf den Insolvenzverwalter, der demnächst vom Amtsgericht eingesetzt wird, um die mutmaßliche Betrugsfirma abzuwickeln.

Wie viel Prozent des einbezahlten Kapitals noch vorhanden ist, wissen die Betroffenen noch nicht. "Ich hoffe, dass wenigstens nicht alles weg ist", sagt Andrea Petersen, "wir brauchen das Geld." Wieder versagt ihre Stimme. Dann sagt sie: "Ich habe ja nicht nur das ganze Geld verloren, sondern auch das Vertrauen."