Russenmafia-Prozess Welt aus Brutalität und Schweigen

Er war der Hauptangeklagte im sogenannten Russenmafia-Prozess von Regensburg: Vor wenigen Tagen hat sich der 44-Jährige in seiner Zelle erhängt. Zwei Zeugen gewähren mit ihren Aussagen seltene Einblicke in ein gnadenloses System und falsch verstandene Ehre.

Von Wolfgang Wittl

Am vergangenen Montag unternahm Konstantin F. einen letzten Versuch, seinem Leben so etwas wie eine neue Wendung zu geben. Im Regensburger Landgericht simulierte er einen Herzanfall, offenbar mit dem Ziel, in eine Klinik eingeliefert zu werden und später aus ihr zu fliehen. Die Ärzte in der Regensburger Uniklinik freilich erkannten die Täuschung sofort. Konstantin F., 44, wurde in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Amberg zurückgebracht. Dort fand man ihn am Dienstag um 6.25 Uhr erhängt in seiner Zelle. Konstantin F. hatte Menschen ermordet, nun setzte er seinem eigenem Leben ein Ende. An einem Suizid bestehen keine Zweifel. Konstantin F. war der Hauptangeklagte im sogenannten Russenmafia-Prozess, der die Regensburger Justiz seit vier Monaten beschäftigt.

An Verhandlungstagen verwandelt sich das Landgericht in einen Hochsicherheitstrakt: Zufahrtsstraßen werden abgesperrt, Fenster abgeklebt, ein Dutzend Beamte filzt selbst regelmäßige Besucher, als ob es sich um Kriminelle handele. "Wir wollen alle Risiken abdecken", sagt Gerichtssprecherin Birgit Eisvogel. Um welche Risiken es dabei geht, vermag niemand genau zu sagen. Um Anschläge auf Zeugen? Auf die vier Angeklagten? Um Befreiungsaktionen?

Ermittlungen gegen die Russenmafia gleichen oft einer Fahrt im Nebel, doch in Regensburg lichten sich die Schwaden: Zwei Zeugen gewähren mit ihren Aussagen seltene Einblicke in ein System von Brutalität, Schweigen und falsch verstandener Ehre. Es ist das System des "heiligen Abschtschjaks".

Abschtschjak - so heißt die Gemeinschaftskasse, in der russischstämmige Gefangene Waren und Geld tauschen. In den Abschtschjak wird einbezahlt für Kaffee und Zigaretten, aber auch für rechtlichen Beistand oder soziale Zwecke. Wer den Abschtschjak kontrolliert, hat die Macht in der Gruppe. Den Abschtschjak der etwa 70 Russlanddeutschen unter den 820 Häftlingen im Straubinger Gefängnis hat Konstantin F. verwaltet. Sein Anwalt Mathias Klose beschreibt Konstantin F. als höflichen und kooperativen Mandanten. Die Geschäfte im Gefängnis muss er hingegen äußerst brutal geführt haben. F. soll ein Vertrauter des weltweit vernetzten Paten Alexander Bor gewesen sein, der allein in Russland bis zu 30 Banden kontrolliert.

Bor ist in der Russenmafia ein Mythos, wie LKA-Ermittler sagen, seit er 1991 in München seinen Widersacher Efim Laskin mit zehn Messerstichen hingerichtet hat. Der Prozess gegen ihn zehn Jahre später fand aus Sicherheitsgründen in München-Stadelheim statt, auf den Ermittlungsleiter und Staatsanwalt soll der Zar, wie er auch genannt wird, ein Kopfgeld von 100.000 Euro ausgesetzt haben. 2006 wurde der zu 13 Jahren Haft verurteilte Bor nach Russland abgeschoben. Behörden vermuten, dass er von dort aus weiter die Geschäfte in Bayern steuert.

In Straubing soll sein Mittelsmann F. großen Druck auf andere Häftlinge aufgebaut haben, in den Abschtschjak einzubezahlen. F. selbst soll es mit dem Ehrenkodex weniger genau genommen haben. Angeblich hat F. der Gemeinschaftskasse Geld entnommen, um seiner Frau eine Goldkette zu kaufen. Dies behauptete sein Mithäftling Andreas J. - und er bezahlte für diese Vorwürfe mit seinem Leben.

Nach Aussagen der beiden Zeugen bestellte F. am Nachmittag des 18. Oktober 2008 außer J. mindestens 20 weitere Gefangene zur vermeintlichen Aussprache in den Haftraum 81. Nachdem die Zellentür blockiert war, soll sich der zweite Hauptangeklagte Igor S., ein Vertrauter von F., vor J. mit den Worten aufgebaut haben: "Wir werden jetzt einen richten." Im folgenden Streit soll erst S. und dann F. auf J. eingestochen haben. Sechs Tage später starb J..

Der Kronzeuge Eugen B. erlitt ebenfalls schwere Stichverletzungen. Erst habe er nicht aussagen wollen, sagte B.. Aber der Tod seines Freundes J. habe ihn umgestimmt. Er wird wie der zweite Zeuge Anton W. von russischstämmigen Gefangenen abgeschirmt. Die anderen 20 Anwesenden in Zelle 81 wollten nichts gesehen haben.

Matthias Konopka, der Leiter der JVA Straubing, hält die Aussagen der beiden Zeugen für eine Sensation: Sie seien "völlig untypisch für diese Gruppe". Konopkas Würzburger Kollege Robert Hutter, der unlängst mit einem Hungerstreik von russischstämmigen Gefangenen konfrontiert war, spricht von einem Gruppendruck, wie er ihn in keiner anderen Volksgruppe erlebt habe. Knapp 1000 der mehr als 12.000 Häftlinge in Bayern sind Russlanddeutsche. Sie sind wegen ihrer Gewaltbereitschaft gefürchtet.

In Straubing versucht man die Häftlinge russischer Herkunft seit der Bluttat auf verschiedene Gefängnisflügel zu verteilen. Beim Freigang werde noch gründlicher aufgepasst, sagt Gefängnisleiter Konopka, viel mehr könne man nicht tun. Ob solche Maßnahmen ausreichen, hängt auch vom Führungsstil des Abschtschjak-Verwalters ab. Konstantin F.s Macht reichte, wie sich im Prozess zeigte, weit über die Gefängnismauern hinaus.

Die drei Mitangeklagten belasteten sich bisher gegenseitig, aber nicht ihren Chef. Trotz allem sei F. nicht entgangen, dass die Prozessaussichten "eher ungünstig" seien, sagt sein Anwalt. F. habe einen gefassten Eindruck gemacht und Pläne für den Fall geschmiedet, dass er demnächst im Raum Berlin untergebracht werden sollte. Angeblich wollte er demnächst sogar aussagen.

Diesen Montag wird der Prozess fortgesetzt. Andererseits war bekannt, dass Konstantin F. schon einmal einen Fluchtversuch unternommen hatte. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass er den Herzanfall vortäuschte, um sich erneut eine Möglichkeit zur Flucht zu verschaffen. Weshalb sich F. Stunden später umbrachte - ob er seine Familie schützen wollte, ob ihn die Aussicht auf ein Leben hinter Gittern zermarterte, ob er die Unterstützung seines Paten verloren hatte -, das weiß wahrscheinlich keiner. Und wenn es einer wüsste, würde es wohl für sich behalten.