Pyrotechnikschule in Peißenberg Lizenz zum Zündeln

Pyrotechniker aus Peißenberg: Wolf-Ingo Hummig (rechts) mit Sohn Moritz.

Wolf-Ingo Hummig ist Pyrotechniker. Er tüftelt an Showeffekten für die Filmindustrie, denkt sich Feuerwerke für Veranstaltungen aus - und bildet in Peißenberg jedes Jahr etwa 100 Feuerwerkler aus.

Von Stephanie Kundinger

Wolf-Ingo Hummig beobachtet seinen Sohn genau. Der Sprössling mit den blonden Locken stochert mit einem Schraubenzieher im Sicherungskasten herum. Um sein Gesicht trägt der 23-jährige Sohn eine große Schutzbrille, ganz nah geht er deshalb an die Drähte ran. Plötzlich sprühen weiße Funken aus dem alten Kasten, es knallt, der junge Mann schreckt zurück - und Hummig lacht. "So was macht uns Spaß", sagt der 70-Jährige. Er schließt das inszenierte Video seines Sohnes, das er soeben auf dem Computer angesehen hat. Ein rotes Feuerwerk ist nun auf seinem Bildschirmhintergrund zu sehen. "Ganz nah rangehen, ohne dass es gefährlich wird, das fasziniert uns."

Hummig sitzt in seinem Büro in Peißenberg, einer Marktgemeinde mit gut 12 000 Einwohnern im oberbayerischen Landkreis Weilheim-Schongau. Drei Hektar ist sein Betriebsgelände groß, auf dem er und sein Sohn Moritz arbeiten. Es kracht hier regelmäßig, wenn Raketen explodieren, wenn Moritz an einem Auto arbeitet, das explodieren soll, oder an einem präparierten Sicherungskasten.

Wolf-Ingo Hummig ist Pyrotechniker. Er tüftelt an Showeffekten für die Theater- und Filmindustrie, denkt sich Feuerwerke für Veranstaltungen aus oder unterrichtet Menschen, die ebenfalls Feuerwerker werden möchten. Mehr als 100 Interessierte lassen sich jährlich an seiner Pyrotechnikerschule in Peißenberg ausbilden, dazu kommen noch einmal etwa 100, die nach fünf Jahren einen eintägigen Wiederholungslehrgang zur Verlängerung der Lizenz machen. Es sei schwer, in der Branche Fuß zu fassen, sagt Hummig. "Ich frage jeden, der sich bei mir anmeldet, warum er das tut. Wenn sich jemand beruflich umorientieren will, dann rate ich ab."

Allein von der Betreuung von Großfeuerwerken könnten nur die wenigsten leben. "Pyrotechniker ist kein richtiger Beruf", sagt Hummig, "sondern meistens nur das Salz in der Suppe." Er sieht die Ausbildung als eine gute Zusatzqualifikation, etwa für Menschen in der Veranstaltungs- oder Theaterbranche. Sie lernen je nach Kurs, welche Sicherheitsvorkehrungen bei Feuerwerken getroffen werden müssen und sind danach berechtigt, diese durchzuführen.

Die Nachfrage sei groß: 1995 gründete Hummig die Pyrotechnikerschule, die mehrmals im Jahr Seminare mit abschließender Prüfung anbietet. "Wir sind eigentlich immer ausgebucht", sagt er, vor allem um die Jahrtausendwende habe er einen regelrechten Boom erlebt. Viele Privatleute seien fasziniert gewesen von den Feuerwerken, nahmen an den Seminaren teil - um etwa bei Vereinsfeiern oder privaten Festen einen Höhepunkt zu setzen. Die Herstellung von Feuerwerkskörpern gehöre jedoch nicht zur Ausbildung: "Das ist das Betriebsgeheimnis der Hersteller."

Markenzeichen Tracht

Diese haben in diesen Tagen Hochsaison: Nach Angaben des Verbandes der pyrotechnischen Industrie beherrschen drei größere Firmen den Markt, keine mit Sitz im Freistaat. 2012 betrug der Umsatz für Silvesterfeuerwerke rund 124 Millionen Euro. Der Umsatz für Großfeuerwerke, die mit Genehmigung während des Jahres stattfanden, betrug bundesweit sechs Millionen Euro, sagt Verbandsvorsitzender Klaus Gotzen. Durchgeführt wurden diese hauptsächlich von ausgewiesenen Pyrotechnikern, mit einer Erlaubnis nach dem Sprengstoffgesetz - die viele von ihnen in Peißenberg erworben haben.

2012 betrug der Umsatz für Silvesterfeuerwerke rund 124 Millionen Euro.

Hummigs Schule hat sich in der Branche einen Namen gemacht. Der Inhaber deutet auf die Lederhose, die er trägt. Die Tracht sei sein Markenzeichen: "Wenn die mich auf Veranstaltungen sehen, dann sagen die gleich: Ach, das ist der Hummig", sagt der gebürtige Dresdener und beteuert, nichts anderes als Tracht zu besitzen. Früher trug er einen Umhang - denn seine Karriere begann als Zauberer in der ehemaligen DDR.

Es waren die Tricks, die ihn faszinierten, und mit denen er hin und wieder auftrat, wenn die Stasi ihn lies. Schnell setzte sich der junge Hummig auch mit Bühneneffekten und Licht auseinander. "Da begann ich zu tüfteln", erinnert er sich, und arbeitete zusätzlich als Beleuchter. Nach seinem genehmigten Ausreiseantrag gründete er 1976 die Firma in Peißenberg - bis heute ein Familienbetrieb, sagt der Vater von vier Kindern. Er sei schon mit Howard Carpendale auf Tour gewesen und habe eine Feuerwand kreiert, die von Theatern in New York übernommen wurde.

Auch an Silvester sind er, seine Ehefrau, Tochter Mebel und Sohn Moritz im Einsatz. Die Pyrotechniker-Familie organisiert das Feuerwerk für ein Hotel, zwölf Minuten lang werden bunte Kugelbomben passend zur Musik am Himmel explodieren. Hummig vergleicht ein gutes Feuerwerk mit einem Drama aus der Literatur: "Es muss langsam anfangen, stetig steigen, abwechslungsreich sein und ein ordentliches Finale haben."

An den Ruhestand denkt er trotz seines Alters nicht: "Meine Zauberei hält bis heute an", sagt er und schmunzelt. Hummig denkt an Berthold Beitz von Thyssen-Krupp, der mit 99 Jahren noch die Fäden des Industriekonzerns in der Hand hielt. Das wolle er auch ausprobieren - wenngleich es in seinem Fall die Fäden der Zündschnüre sind.

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Je nachdem, in welchem Umfeld die Interessenten arbeiten, bietet die staatlich anerkannte Pyrotechnikerschule in Peißenberg verschiedene Lehrgänge an. Der Lehrgang für die Durchführung von Großfeuerwerken besteht aus 26 Übungsfeuerwerken unter Aufsicht von zwei Ausbildern und einer einwöchigen Schulung mit behördlicher Prüfung. Der Lehrgang kostet rund 5000 Euro.