Porträt eines Ghostwriters Schreiben und schreiben lassen

Für seine Kunden hat Johannes Langner nur Verachtung übrig: Der Student schreibt die Hausarbeiten anderer und verdient als Ghostwriter viel Geld. Dann wird er selbst Dozent - und bekommt den größten Auftrag seiner Karriere.

Von Benedikt Laubert

Als Johannes Langner (Name von der Redaktion geändert) von der 1,3 erfährt, wünscht er sich, er hätte die Hausarbeit nie geschrieben. Die Note ist ihm fast peinlich, schließlich hat er nie ein philosophisches Seminar besucht. Und insgeheim hatte er auf eine 3,0 gehofft, schon, weil Julia Greiß (geänderter Name), es nicht besser verdient hat. Die Kommilitonin, deren Name auf dem Deckblatt steht.

Johannes Langner, 27, ist heute Dozent eines geisteswissenschaftlichen Faches irgendwo in Bayern. Und er hilft anderen beim Betrügen: Als Student hat er die Seminararbeiten anderer Studenten geschrieben, der Auftrag von Julia Greiß, das war sein neunter. Stolz ist Langner nicht auf das, was er getan hat: "Mit meiner Arbeit verschaffe ich reichen Studenten einen Vorteil, die auf die Wissenschaft pfeifen und die eigentlich nichts können."

500 bis 1000 Euro verlangt der dunkelhaarige Mann mit der Brille und dem Dreitagebart für eine Hausarbeit. Die erste schreibt er für eine Freundin, die droht durch ihr Studium zu fallen. Sie zeigt sich erkenntlich und drückt ihm ein paar Euro in die Hand. Dass Langner für andere schreibt, spricht sich schnell herum, immer öfter fragen ihn fremde Studenten, ob er ihnen bei einer Hausarbeit helfen könne. Gegen Geld. Die Angebote kommen ihm gelegen, er hat Schulden.

"Du schlüpfst beim Schreiben in eine Rolle"

Viele Ghostwriter-Karrieren verlaufen so wie seine. Einige verlassen sich auf Mundpropaganda, andere bieten in Aushängen "Hilfe beim Schreiben" an oder werben auf ihrer Internetseite für sich. Die meisten Ghostwriter arbeiten für einschlägige Agenturen wie Dr. Franke-Consulting oder GWriters, die zwischen Kunde und Autor vermitteln und Provision verlangen. Offiziell fertigen die Schreiber der Agenturen nur wissenschaftliche Arbeiten an - davon, dass ihre Kunden diese als eigene Arbeiten abgeben, wollen sie nichts wissen.

Der Deutsche Hochschulverband geht davon aus, dass "bis zu zwei Prozent aller Dissertationen unter tatkräftiger Mitwirkung von Promotionsberatern" verfasst werden. Langner arbeitet mit keiner Agentur zusammen, das erleichtert ihm das Fälschen: Von seinen Kunden lässt er sich alte Hausarbeiten geben, um ihren Schreibstil zu studieren.

Wie Schauspielern sei das, sagt er. Der eine Kunde hat Lieblingswörter, die er häufig benutzt, der andere liebt verschachtelte Sätze oder macht viele Rechtschreibfehler. Immer wieder vergleicht Langer sein Werk mit den alten Hausarbeiten, im Zweifelsfall bessert er nach. "Du schlüpfst in eine Rolle, du musst beim Schreiben ein Anderer sein", sagt er. Dass er das so gut kann, das ist der einzige Aspekt seiner Arbeit, auf den er stolz ist.

Geschichte, Jura, Politik, Soziologie, Pädagogik und Philosophie gehören zu Langners Repertoire. So beeindruckend die Bandbreite erscheint, so üblich ist es, Arbeiten in vielen Fächern zu schreiben - ohne sie je studiert zu haben. Wer wissenschaftlich arbeitet, für den macht es kaum einen Unterschied, ob er sich in volkswirtschaftliche oder philosophische Themen einarbeitet. Fragt man Ghostwriter aber nach ihren Auftraggebern, bekommt man häufig dieselbe Antwort: Die meisten Kunden studieren Wirtschaftswissenschaften oder Jura.